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Produktjournalismus

Im Wortlaut von Lukrezia Jochimsen,

Medienkolumne

Nomen est omen: DV Deutsche ZEITUNGSHOLDING nennt sich das Konsortium, dem die »Berliner Zeitung« gehört. Sie erinnern sich sicherlich, das sind die »Heuschrecken« um den britischen Zeitungsmanager David Montgomery, die den Berliner Verlag Ende 2005 und den Hamburger Morgenpost Verlag Anfang 2006 übernommen haben. Motiv? Aus den Blättern mehr Gewinn herausholen als dies die bisherigen Eigentümer geschafft haben. Die Erwartung allein an die »Berliner Zeitung« in diesem Jahr - in diesem ersten Geschäftsjahr - lautet: 15 Millionen!

Damit kein Missverständnis aufkommt: natürlich sind Zeitungen eine Ware, wenn auch eine besondere. Aber eine erfolgreiche Zeitung wie die »Berliner Zeitung«, die jeden Tag in einer europäischen Hauptstadt und über sie hinaus fast eine halbe Million Leser erreicht, nur unter dem Gesichtspunkt zu betreiben, »aus ihr mehr herauszuholen«, hat mit dem herkömmlichen verlegerischen Denken und Handeln nichts mehr zu tun. Deshalb bekamen die Redakteure vor zwei Wochen plötzlich einen Produktmanager als »Chefredakteur« vorgesetzt, an einem Montagmorgen, ratz-fatz und ohne Vorwarnung oder gar Diskussion: Josef Depenbrock von der Hamburger Morgenpost, dem ebenfalls gerade von der DEUTSCHEN ZEITUNGSHOLDING aufgekauften heruntergesparten Mini-Boulevard-Blatt ohne jedes erkennbare journalistische Profil - wahrscheinlich soll er »Vermischtes« aus den beiden Blättern produzieren. Das ist sowieso sein Lieblingsfeld, das soll gerade bei der »Berliner Zeitung« verstärkt werden. Das hat er gleich am ersten Arbeitstag verkündet: Nur 1,6 Redakteure für diese beliebte Rubrik, aber gleich 12 oder 13 Journalisten, die Kulturberichterstattung betreiben - also, das kann natürlich nicht so bleiben, wenn man an eine 20-prozentige Rendite denkt. Und daran denkt der Chefredakteur automatisch, hält er doch selbst Anteile an der DEUTSCHEN ZEITUNGSHOLDING und ist Mitglied der Geschäftsleitung.

Und die SPD-HOLDING? Die ist auch nicht viel besser. Ein paar Tage vor der Chefredakteurs-Piraterie in Berlin spielte sich eine ähnliche Chose in Frankfurt am Main ab, bei der - noch - nicht von »Heuschrecken« übernommenen »Frankfurter Rundschau«. Da wurde ein Chefredakteur ratz-fatz, von einem Tag auf den anderen, vor die Tür gesetzt - und ein anderer etabliert. Dass dieser Nachfolger ausgerechnet Uwe Vorkötter ist, der renommierte, auf Qualität setzende und gerade mit dem »Preis der Pressefreiheit« vom Deutschen Journalistenverband ausgezeichnete vorherige Chefredakteur der »Berliner Zeitung«, ist pikant, macht den Vorgang als solchen allerdings nicht viel besser. So ein Chefredakteurs-Rauswurf nach Fußballtrainer-Art kündigt ebenfalls neue Zeiten an. Neue Zeiten im Umgang mit Chefredakteuren, mit Journalisten überhaupt, mit Zeitungen als Gewerbeunternehmen, Produktherstellern.

Und bei den Öffentlich-Rechtlichen, wie sieht es da aus? Sehen wir einmal ab von Kündigungen, Selbstzensur, dem Verschwinden von Qualität zu Hauptsendezeiten bei uns und blicken dafür in unser Nachbarland Österreich: Da macht zur Zeit ein Hilferuf namens »SOS ORF« die Runde. Da geht es um den traditionell schamlos politischen Durchgriff der Parteien auf den öffentlich-rechtlichen Sender. Ein Manifest fordert: »ein intelligentes Programm, das auch am Hauptabend den Namen öffentlich-rechtlich verdient; eine Struktur der Fernsehinformationen, die Vielfalt und Ausgewogenheit ermöglicht; einen unabhängigen und kompetenten Aufsichtsrat; ein Auswahlverfahren, das parteiunabhängige Kandidaten ermuntert«... Parteiunabhängige Kandidaten? Das wäre die Revolution in Österreich. Aber siehe da, obwohl nur ins Internet gestellt, haben 45 000 Menschen innerhalb von zehn Tagen dieses Notruf-Manifest unterschrieben.

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