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»Ihr mit euren ollen Büchern«

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Jedes Jahr am 10. Mai lädt die Bundestagsfraktion DIE LINKE zu einer "Lesung gegen das Vergessen" ein. Erinnert wird dabei an die Bücherverbrennung von 1933 mitten in Berlin. Auch in diesem Jahr beteiligten sich wieder Schauspielerinnen und Schauspieler, Musikerinnen und Musiker, Prominente aus Literatur und Politik an der öffentlichen Veranstaltung auf dem Berliner Bebelplatz. 

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Von Gisela Zimmer

Für den leisesten Moment in diesem Jahr sorgte wohl Wolfgang Kohlhaase. Drehbuchautor und Schriftsteller, mehrfach preisgekrönt, geboren im März 1931. Es wurde ganz still, als er erzählte, dass er schon einmal an so einem 10. Mai an einer Erinnerung an das öffentliche Verbrennen von Büchern teilgenommen habe. Ganz zufällig sei er in diese Veranstaltung mit der aus dem Exil zurückgekehrten Schriftstellerin Anna Seghers geraten. Mit ihrer leisen, eindringlichen und vom Mainzer Dialekt eingefärbten Stimme erzählte sie damals von Dichtern und Denkern, von Büchern und Autoren. Geschichten, die der damals 16-Jährige nicht kannte. Das war 1947, zwei Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, vor genau 70 Jahren. Diese Begegnung, so der prominente Filmmann, hätte ihn verändert. Für immer. Er entdeckte die Welt der Literatur. Sie machte ihm "die Welt besser erkennbar". Inzwischen ist Wolfgang Kohlhaase 86 Jahre alt. Als Vorleser beim "Lesen gegen das Vergessen" war er in diesem Jahr erstmalig dabei. Sein Motiv: "Man darf sich an den Festspielen der Vergesslichkeit nicht beteiligen."

Zum ersten Mal dabei war auch Jutta Wachowiak. Schauspielerin. Unvergesslich in ihrer Hauptrolle als Hella Lindau in dem Kinofilm "Die Verlobte". Eine Frau, die während der Nazizeit zehn Jahre im Zuchthaus verbringen muss. Zehn verlorene Lebensjahre, am Ende verloren auch der geliebte Mann, umgebracht von den Nazis. Der Film entstand nach einer Buchvorlage von Eva Lippold. An diese Autorin erinnert die Lyrikerin und Texterin Gisela Steineckert. "Ihre Bücher", so Steineckert, "konnten noch nicht verbrannt werden, es gab sie noch nicht". Aber die Verfolgung kannte Eva Lippold und das Zuchthaus. Die junge Gisela Steineckert und die ältere Schriftstellerin waren befreundet. "Ich wollte nie so leiden wie sie, aber so lieben, das war ein anderer Gedanke", erzählt Gisela Steineckert, geboren im Monat Mai zwei Jahre vor der Bücherverbrennung 1933.

Es waren besonders diese persönlichen Geschichten, die bewegten und die Besucherinnen und Besucher ausharren ließen, fast zwei Stunden lang und trotz Wind und Kälte. Radiomoderatorin Marion Brasch hatte für die Lesung Stefan Zweig aus ihrem Bücherregal hervorgeholt; Mira Tscherne, Nina Marie Wyss und Robert Zimmermann – alle drei erst geboren um die Vereinigung herum und vom Berliner Theater an der Parkaue – untermalten ihren literarisch-musikalischen Auftritt mit Akkordeon und Trompete; Nina Kronjäger, ebenfalls Schauspielerin, brillierte mit Tucholsky-Texten. Als alleinerziehende Mutter von Zwillingen engagiert sie sich übrigens auch im Netzwerk gegen Kinderarmut. Eine bundesweite Initiative, ins Leben gerufen von der Fraktion DIE LINKE im Bundestag. Maler Ronald Paris erinnerte an den Maler Hans Grundig. Denn die Nationalsozialisten zündeten ja nicht nur Bücher an, sondern stellten auch sogenannte entartete Kunst an den Pranger. Petra Pau, Bundestagsvizepräsidentin, las Erich Kästner. Eingeladen zur "Lesung gegen das Vergessen" hatte wie immer Gesine Lötzsch. Und wenn auch nicht immer, so doch häufig, sind Tino Eisbrenner und Peter Bause mit dabei. Eisbrenner, ein Musiker, der auch Kinder in einer mecklenburgischen Grundschule unterrichtet. Ihm fiel auf, sie lernen viel – nur eins nicht mehr: Lieder vom Frieden. Also sang er, was er ihnen neu vermittelt, das Lied von der kleinen weißen Friedenstaube. Fast vergessen. Und Peter Bause, der Schauspieler mit dem "Kontrabass" erzählte, seine Töchter hätten ihn mit der Bemerkung "Ihr mit euren ollen Büchern" zur Veranstaltung geschickt. Wären sie dabei gewesen, wüssten sie, es lohnt sich, diese "ollen Bücher" rauszukramen. Sie sind so aktuell wie kaum zuvor. 

Lesen gegen das Vergessen

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