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»Es wird in den kommenden 20 Jahren zu radikalen Änderungen kommen«

Im Wortlaut,

Dennis Meadows in der Enquete-Kommission Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität

Dennis Meadow, Mitautor der Berichte zu den „Grenzen des Wachstums“ an den Club of Rome von 1972 und 1992, war am 24. Oktober in der Enquete-Kommission. Was war seine grundlegende Message?

Ulrich Brand (Sachverständiger): Die Berichte haben aus seiner Sicht wenig bewirkt, da es an konsequentem Handeln gefehlt hat. Das „business as usual“-Szenario des Club of Rome hat sich leider bewahrheitet. Sein Argument ist, dass nicht gehandelt wird, da die ökologischen Kosten einfach auf die Zukunft verlagert werden oder es wird eben nur sehr kurzfristig entschieden wie jetzt in der Finanzkrise. Interessant war, dass auch verteilungspolitische Fragen für Meadows wichtig sind. Er wies etwa darauf hin, dass Wirtschaftswachstum in den Industrieländern vor allem den oberen Einkommensschichten zugute kommt.

Norbert Reuter (Sachverständiger): Der Grundtenor seines Vortrags war sehr pessimistisch und die Anklage unüberhörbar, dass die Regierungen nicht gehandelt haben, obwohl die Fakten – Ressourcenproblematik und globale Erwärmung  – seit langem bekannt seien. Jetzt sei es sogar für eine nachhaltige Entwicklung zu spät. Das bisherige Wachstum müsse nun massiv gebremst werden, die Gesellschaften müssen widerstandsfähig gegen ökologische Katastrophen gemacht werden.

Um was drehte sich die Diskussion?

Ulrich Brand: Meadows unterstrich , dass eine Enquete-Kommission eines wirtschaftlich so bedeutenden Landes wie Deutschland zu diesem Thema sehr wichtig sei. Aus meiner Sicht fehlen bei ihm in der Analyse aber einige strukturelle Dimensionen wie die neoliberale Globalisierung und ihre ungleiche Machtverteilung oder auch die tiefe Verankerung einer Produktions- und Lebensweise, die eben alles andere als nachhaltig ist. Das wird alles mal angedeutet, aber es ist kein systematischer Punkt, der dann politisch zu berücksichtigen wäre.

Norbert Reuter: Die Enquete-Kommission sollte die harsche Kritik Meadows am BIP-Indikator zu denken geben. Wer immer noch auf das BIP als Leitindikator für alle wirtschaftspolitischen Entscheidungen schiele, sei auf einem grundsätzlich falschen Weg.

Welche Indikatoren schlägt Meadows stattdessen vor?

Sabine Leidig (MdB): Er schlägt ein Indikatorensystem vor, welches der Entwicklung gerecht wird, dass sich in den letzten Jahrzehnten Wirtschaftswachstum von Wohlstandsentwicklung entkoppelt hat. Das hat ja nicht nur die Umwelt, sondern auch Kultur und Freizeit beschädigt. Wichtig sind aber nicht nur neue Indikatoren wie zum Beispiel der Ressourcenverbrauch, sondern auch wie Politik  verpflichtet wird, „bessere Ergebnisse“ zu erzielen.

Welche Anregungen nehmen Sie für die Arbeit in der Enquete-Kommission mit?

Sabine Leidig: In der Kommission gibt es eine starke Fraktion, die in einer forcierten technologischen Entwicklung die Lösung schlechthin sieht, um  Ökonomie und Ökologie miteinander zu versöhnen. Dieser Illusion hat Meadows eine klare Absage erteilt. Technologie sei wichtig, bringe aber nicht die  Lösung unserer Probleme. Stattdessen kommt es auf soziale Veränderungen an.

Wie beurteilt er die unmittelbare Zukunft?

Ulrich Brand: Gegenüber den Debatten um eine „grüne Ökonomie“ und „Rio plus 20“ hat er sich ebenfalls sehr skeptisch geäußert. Von grüner Ökonomie würden eher die um Wachstum besorgten Ökonomen sprechen. Er sieht das eher als fehlleitenden, schwammigen Begriff.

Und was sagt er zu den absehbaren Entwicklungen der kommenden 20, 30 Jahre?

Ulrich Brand: In den kommenden Jahrzehnten sind Veränderungen zu erwarten, die gravierender sein werden als alle Veränderungen der vergangenen 100 Jahre zusammen. Das war seine Aussage, und das war seine Warnung. Er meinte damit, dass es gezwungenermaßen zu drastischen Umbrüchen kommt, wenn etwa das Erdöl oder andere Ressourcen nicht mehr so zur Verfügung stehen wie es die Nachfrage fordert.

Was folgt daraus für die gesellschaftliche Entwicklung? Welche Gefahren sieht Meadows?

Sabine Leidig: Sehr nachdenklich hat mich die Warnung Meadows gestimmt, dass im Falle zugespitzter Krisen die Menschen oft nicht Freiheit, sondern Ordnung als wichtigsten Faktor sehen. Das könnte bedeuten, dass demokratische Systeme ihre Unterstützung in der Bevölkerung zunehmend verlieren. Auch wenn er die Demokratie liebe, könne man leider nicht davon ausgehen, dass sie das Ende der Geschichte sei. Allerdings stimmte er unserer Meinung zu, dass eine Vertiefung der Demokratie über die parlamentarischen Strukturen hinaus, wichtige Veränderungen beschleunigen würden.

linksfraktion.de, 28. Oktober 2011

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