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"Einfluss der Beschäftigten stärken"

Im Wortlaut von Oskar Lafontaine,

Frankfurter Rundschau: Herr Lafontaine, Angela Merkel überlegt, von Daimler-Chrysler EADS-Aktien zu kaufen. Staatsinterventionismus nach Ihrem Herzen?

Oskar Lafontaine: Dass die Bundesregierung einen Einstieg erwägt, ist richtig. In der Diskussion über die gegenwärtigen Probleme bei Airbus wird allzu leichtfertig der Politik die Schuld gegeben. Ohne die Politik hätte sich wohl kaum eine europäische Flugzeugindustrie entwickelt, die mit dem Hauptkonkurrenten Boeing hätte in Wettbewerb treten können.

Besteht nicht die Gefahr, dass das Unternehmen sich bei der Sanierung nun hinter der Politik verschanzt?

Die Übernahme politischer Verantwortung für Airbus darf vor allem nicht dazu führen, dass das Management, das die Krise hauptsächlich verursacht hat, aus der Verantwortung entlassen wird. Die Fälle BenQ und Airbus weisen auf ein völliges Missverhältnis zwischen Leistung und Entlohnung deutscher Spitzenmanager hin. Die Konsequenzen - von der Unternehmensführung als sogenannte Lösungen verkauft - sind immer zuerst Massenentlassungen sowie Lohn- und Gehaltskürzungen.

Damit ist auch nach dem Einstieg der Bundesregierung zu rechnen.

Die Unternehmenskrisen sind nicht von den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern verursacht worden. Wenn Vorstände deutscher Unternehmen Gehälter wie ihre Kollegen in den USA verlangen, verschweigen sie, dass US-Manager im Gegensatz zu deutschen Vorständen ein hohes Haftungsrisiko haben.

Dort gibt es eine striktere Manager-Haftung?

Richtig. Darauf hat kürzlich auch die Geschäftsführerin der Deutschen Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz Jella Benner-Heinacher hingewiesen. Die Vorstände von US-Unternehmen stünden aufgrund der Managerhaftung immer mit einem Bein im Gefängnis. In Deutschland gibt es so eine Managerhaftung nicht. Eine derartige Gesetzgebung hat die Bundesregierung bis heute verschlafen. Im Fall eines europäisch organisierten Konzerns muss es hierzu im europäischen Recht eine Regelung geben.

Was muss über den Einzelfall hinaus geschehen?

Es muss ein Umdenken stattfinden. Der Gesetzgeber muss reagieren. Die Vorstände deutscher Unternehmen müssen stärker für ihre Fehler in die Verantwortung genommen werden. Mit ihrer Maßlosigkeit gefährden Unternehmensführer den sozialen Frieden im Land. Der Unmut in den Belegschaften und der Bevölkerung ist bereits groß. Diese soziale Schieflage ist auch ein wesentlicher Grund für den Erfolg rechtsextremer Parteien.

Die Erhöhung der Siemens-Vorstandsbezüge hat eine Debatte über die Kontrolle von Spitzengehältern ausgelöst. Liefert der Fall Airbus ein weiteres Argument?

Die Vorstandsbezüge müssen in der Tat wieder in ein angemessenes Verhältnis zu den unteren Lohn- und Gehaltsgruppen der Beschäftigten gesetzt werden. Der Gründer und Bankier des berühmten Bankhauses Morgan & Stanley hat bereits am Ende des 19. Jahrhunderts für sein Unternehmen bestimmt, dass sein am besten bezahlter Manager nicht mehr als das Zwanzigfache seines am schlechtesten bezahlten Beschäftigten verdienen darf. Aber es geht nicht nur ums Geld, sondern auch um Verfügungsmacht. Aufgrund der wiederholten Androhung von Betriebsverlagerungen müssen die Belegschaften über diese mitbestimmen können. Es gilt, den Einfluss der Beschäftigten auf die Entscheidungen der Unternehmensführung zu stärken.

Interview: Thomas Kröter

Frankfurter Rundschau, 14. Oktober 2006

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