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»Wir wollen es nicht leicht haben«

Im Wortlaut von Gregor Gysi,

"Die SPD ist wirr im Moment", findet Gregor Gysi. Aber auch in seiner Partei ist nicht alles rosig. Die Probleme der Vereinigung von PDS und WASG habe er unterschätzt.

Herr Gysi, freuen Sie sich ein bisschen über das Debakel der SPD in Hessen?

Nein, ich bin nicht schadenfroh. Wir wollen eine gerechtere Politik, dafür brauchen wir auch eine wieder sozialdemokratisierte SPD.

Immerhin bleibt der hessischen Linksfraktion, die Rot-Grün hätte tolerieren müssen, jetzt eine harte Bewährungsprobe erspart. Sind Sie darüber nicht erleichtert?

Nein, so bin ich nicht gestrickt. Wenn wir Politik machen können, wollen wir es nicht leicht haben. Das ist doch klar.

Für rot-rot-grüne Bündnisse im Westen sieht es jetzt aber finster aus?

Weiß ich nicht. Die SPD muss sich halt entscheiden: Entweder sie setzt diesen thatcheristischen Kurs fort, den Schröder mit der Agenda 2010 eingeschlagen hat, oder sie wird wieder sozialdemokratisch. Dann wird es auch rot-rot-grüne Bündnisse geben können. In NRW sagt die SPD-Chefin Hannelore Kraft ja, dass sie die Zusammenarbeit mit uns in zwei Jahren nicht ausschließt.

Wer ist denn schuld an dem Desaster in Wiesbaden? Ypsilanti mit ihrem Wortbruch?

Na, sonst hätte sie doch ihre anderen Wahlversprechen brechen müssen. Wie will die SPD denn die Rückkehr in den Tarifvertrag der Länder, die Abschaffung der Hochschulgebühren und den Mindestlohn mit der CDU durchsetzen? Mit der FDP? Eine Koalition mit der CDU hatte sie übrigens auch ausgeschlossen. Die SPD ist wirklich etwas wirr im Moment. Die Leute sind doch nicht sauer auf Beck, weil er eine Zusammenarbeit mit der Linken nicht ausschließt, sondern weil er sich lange darauf festgelegt hatte, dass dies auf keinen Fall passieren wird. Es ist immer dumm, nie zu sagen, wenn man nicht weiß, ob man das durchhält. Beck war ja auch erst gegen die Verlängerung des ALG I, später dafür. Die Wähler stört diese Unberechenbarkeit.

Die Hessin Dagmar Metzger sagt, sie kann Ypsilanti nicht mit der Linkspartei zur Ministerpräsidentin wählen, weil sie in Westberlin den Mauerbau erlebt hat. Verstehen Sie das?

Na, das ist ja eine überraschende Begründung. In Berlin regieren wir seit 2001 mit der SPD zusammen. Weiß Frau Metzger das nicht?

Kurz zuvor hat eine DKP-Kandidatin auf Ihrer Liste mit eigenwilligen Stasi-Äußerungen für Aufregung gesorgt. Damit hat es Ihre Partei doch Leuten wie Frau Metzger einfach gemacht, Ihre Partei abzulehnen, oder?

Ach was. Wir hatten doch in Hessen gar keine DKP-Mitglieder auf unserer Liste. Und Frau Metzger hätte mit Sicherheit auch ohne diese beendete Episode einen Grund gefunden, uns abzulehnen. Was in Hessen passiert ist, hat nichts mit uns zu tun. Es ist Ausdruck der inneren Zerrissenheit der SPD.

Auch in Ihrer Partei steht nicht alles zum Besten. Kürzlich hat die stellvertretende Parteivorsitzende Katina Schubert in der taz ihren Rückzug als stellvertretende Parteichefin verkündet.

Was mich dabei ärgert, ist, dass manche sich so an Oskar Lafontaine reiben. Was können die Betreffenden denn von ihm ersetzen? Sie haben, wie auch ich, jahrelang versucht, die PDS im Westen populär zu machen. Wir haben es nicht geschafft. Natürlich muss auch Oskar Lafontaine Kritik vertragen können - aber aus den eigenen Reihen generell intern, und sie muss etwas Wohlwollendes haben.

Wohlwollend? Lafontaine hat den ostdeutschen Reformerflügel zuvor als "rechte Sozialdemokraten" bezeichnet.

Nie öffentlich. Es war trotzdem nicht in Ordnung, das habe ich ihm auch gesagt. Aber nicht öffentlich, sondern direkt. Wir haben kein Problem, so was miteinander auszutragen, wenn es nötig ist.

Ein Teil der ostdeutschen Linken sieht das anders. Man wirft Ihnen und Parteichef Lothar Bisky vor, dass Sie sich nicht so energisch für Ihre Leute einsetzen wie Lafontaine für seine.

Das habe ich auch gehört, aber persönlich sagt mir das keiner. Nur nörgeln reicht nicht. Jetzt könnte ich darüber reden, dass Lothar Bisky und ich andere Charaktere sind als Oskar Lafontaine. Aber der Konflikt ist ein anderer. Wir sind noch im Vereinigungsprozess. Früher war ich gerne auf Gewerkschaftsabenden im Westen - aber wir hatten keine Mitglieder dort. Jetzt haben wir tatsächlich einen Gewerkschaftsflügel, und manche müssen schmerzhaft lernen, dass der anders tickt als andere Linke.

Inwiefern?

Diese Leute haben die Sicht eines Arbeitnehmers - weniger die eines Arbeitslosen, eines Asylbewerbers oder einer unterdrückten Frau. Und deshalb tolerieren sie andere Themen. Aber am Herzen liegen ihnen zum Beispiel die Löhne oder die Rente.

Für die Westler haben Sie Verständnis, die Ostler verteidigen Sie nicht. Genau das werfen Ihnen Ihre Kritiker doch vor.

So? Mit der Kritik kann ich leben, vielleicht stimmt sie sogar an einigen wenigen Punkten. Aber wer erklärt denn den Leuten aus dem Westen immer, dass sie unsere Leute aus dem Osten zu akzeptieren haben?

Vielleicht ist der Dolmetscher Gysi nicht hart genug für den Raufbold Lafontaine.

Quatsch. Kritik kann okay sein. Aber was mich nervt, ist ausgrenzende Schelte, die sich Oskar Lafontaine von manchen Leuten aus unserer Partei gefallen lassen muss. Wie ginge es uns denn ohne ihn? Ich habe das doch erlebt. Ich habe in München vor sechstausend Menschen gesprochen. Die fanden mich okay und haben auch geklatscht - aber gewählt haben sie uns nicht. Und deswegen hat niemand in unserer Partei das Recht, einen Erfolgsmenschen wie Lafontaine zu beschädigen.

Woher kommen denn diese Kämpfe zwischen Ost und West? Wirken hier die alte Klischees: ostdeutsch und konfliktscheu gegen westdeutsch und streitbar?

So plump lässt sich das nicht sagen, aber es ist trotzdem was dran. Oskar Lafontaine ist in einem demokratischen Land aufgewachsen, ich nicht. Wir Ostler sind deshalb oft sehr demokratieempfindlich. Bei jeder Kleinigkeit fragen wir: Aber hätte nicht noch das Gremium X darüber abstimmen müssen? Westler denken anders. Die fragen: Wie setzen wir das durch?

Sie tun, als ginge es um kulturelle Stilfragen. Dabei geht es doch um konträre politische Konzepte: Volkspartei im Osten, Oppositionspartei auf strengem Anti-SPD-Kurs im Westen. Das sind doch zwei Welten!

Verschieden ja, aber nicht unvereinbar. Unversöhnlich wird es nur, wenn die eine Seite der anderen aufzwingen will, genauso wie sie selbst zu sein.

Sind Sie nicht manchmal genervt von diesen Querelen?

Das Zusammenwachsen ist tatsächlich etwas komplizierter, als ich dachte. Ich habe geglaubt, dass es schneller geht. Das war ein Irrtum. Aber wir bemühen uns, und die Bundestagsfraktion beweist, dass es geht.

Sie sind der Dolmetscher?

Auch. Ich habe Oskar Lafontaine erklärt, dass die Partei im Osten Kompromisse gemacht hat - auch einige falsche -, um nicht länger ausgegrenzt zu sein. Die meisten WASG-Leute hingegen waren nicht ausgegrenzt, die verstehen das kaum. Ich glaube aber, dass wir voneinander lernen können. Die Linkspartei im Osten leistet einen beachtlichen Beitrag, um Teile im Westen zu verändern. Nicht durch Belehrung, sondern durch die Art der Akzeptanz, die sie in der Gesellschaft hat. Wir müssen auch im Westen lernen, wie eine Volkspartei zu denken. Das verändert auch solche Linken, die früher in sogenannten Sekten waren und jetzt bei uns mitmachen.

Was heißt das konkret?

In den alten Bundesländern versuche ich das immer mit einem Beispiel zu erklären. Ich frage dort: Interessieren euch die Gehälter der Polizei? Dann sagen die natürlich: Nein, wieso denn? Und ich antworte: Das verstehe ich, aber als 28-Prozent-Partei im Osten kann man nicht sagen, dass interessiert einen nicht. Darum muss sich die Linke im Osten auch kümmern.

Im Westen haben zwei Drittel der Wähler nur aus Protest das Kreuz bei Ihrer Partei gemacht. Wie will die Linkspartei die dauerhaft binden?

Wähler der Opposition sind immer Protestwähler, wenn sie zufrieden wären, würden sie ja die Regierungsparteien wählen. Aber natürlich müssen wir den Menschen ein Angebot machen, bei dem sie denken: So könnte ich besser leben als heute. Deswegen wird jetzt die Diskussion um unser Programm so interessant. Es wird auch Zoff geben, und ich werde auch ein bisschen mitzoffen. Aber ich mache das ungerecht: Ich lasse die anderen das Programm erst mal erarbeiten, danach zoffe ich.

Herr Gysi, Sie und Oskar Lafontaine prägen zusammen mit dem PDS-Kader der 90er noch immer die Partei. Warum sind Jüngere nicht gefragt?

Wenn ich eins von der SED gelernt habe, dann, dass man keine Generation auslassen darf. Und da gibt es Leute wie Dietmar Bartsch, Klaus Ernst, Petra Pau, Bodo Ramelow, Gesine Lötzsch, Dagmar Enkelmann und andere, die wichtige Aufgaben haben und bekommen werden. Und die Jüngeren werden auch ihre Chance bekommen. Oskar Lafontaine und ich sind ja in einem bestimmten Alter. Doch wenn ich mal arrogant werden darf: Vielleicht wäre manch eine andere Partei froh, wenn sie zwei solche Typen hätte.

Auf dem Parteitag im Mai in Cottbus werden die Realos aus dem Osten voraussichtlich nicht mehr die Mehrheit der Delegierten stellen, sondern die Weltverbesserer aus dem Westen. Fürchten Sie das Chaos?

Nein. Es wird sicher wieder ein paar irre Anträge geben, aber da werden die meisten froh sein, dass gerade auch Oskar Lafontaine verhindert, dass es dafür Mehrheiten gibt.

Gibt es trotzdem in der Linkspartei nicht zu wenig Gysi und zu viel Lafontaine?

Nein, ich werde gehört, wenn ich will, auch ohne Lautsprecher. Glauben Sie mir: Was in dieser Partei an Gysi steckt, reicht nicht nur mir völlig.

Interview: Stefan Reinecke und Daniel Schulz

die tageszeitung, 10. März 2008