Skip to main content

"Wir belügen uns nicht"

Im Wortlaut von Gregor Gysi,

Fraktionschef Gregor Gysi, 59, über sein schwieriges Verhältnis zu Oskar Lafontaine, die Fusion mit der WASG und seine erneute Kandidatur für den Bundestag

SPIEGEL: Herr Gysi, als Oskar Lafontaine 2005 mit Ihnen in den Bundestagswahlkampf zog, waren viele Ihrer Genossen begeistert. Warum ist die Freude inzwischen einem beträchtlichen Frust über den Neuzugang aus dem Westen gewichen?

Gysi: Zur Wahrheit gehört, dass einige bei uns von Anfang an Bedenken gegen einen Mann hatten, der einmal Vorsitzender der SPD war. Die Konflikte, die wir jetzt erleben, wenn sich etwa ostdeutsche Landesvorstände bevormundet fühlen, sind vor allem kultureller Natur. 16 Jahre waren wir vorwiegend eine Ost-Partei. Wir konnten schön unter uns bleiben in den neuen Ländern. Jetzt haben wir einen echten Vereinigungsprozess mit all seinen Problemen. Und Oskar Lafontaine mit seinen politischen Erfahrungen und seiner Persönlichkeit wirbelt da einiges durcheinander - das ist im Kern auch gut so. Manche allerdings empfinden ihn als Störung.

SPIEGEL: Vor allem stört er die letzte rotrote Koalition in Berlin. Lafontaine stellt das Bündnis regelmäßig in Frage.

Gysi: Da hatten wir einen Dissens. Oskar war gegen die erneute Koalition in Berlin, ich aber dafür. Er fürchtet, die Politik des Berliner Senats könnte der gesamten Partei schaden. Ich glaube an und hoffe auf das Gegenteil - vor allem im Interesse der Berlinerinnen und Berliner. Über die Auseinandersetzungen zu Berlin haben wir uns mit Oskar Lafontaine und den Genossen aus dem Berliner Landesvorstand ausführlich ausgesprochen. Jetzt wird, denke ich, mehr Vertrauen entstehen.

SPIEGEL: Wie ist Ihr persönliches Verhältnis zu Lafontaine?

Gysi: Gut. Wir belügen uns nicht. Das ist in der Politik schon allerhand. Wir sind aufeinander angewiesen. Ohne mich bekäme Lafontaine den Fusionsprozess zwischen Linkspartei und WASG nur schwieriger hin, und ich schaffte es nicht ohne ihn. Natürlich gibt es auch Konflikte. Wären wir jünger, gerieten wir sicherlich auch aneinander. Aber er ist 63 Jahre alt, ich werde im nächsten Jahr 60. Da sieht man manches gelassener. Er könnte auch als Publizist und ich als Anwalt wirken.

SPIEGEL: Andere sind da weniger entspannt. Lafontaine sei eine Machtmaschine, klagen Mitglieder Ihrer Parteiführung, er dulde keine abweichenden Meinungen.

Gysi: Die Klagen kenne ich. Aber ohne ihn hätten wir in den alten Bundesländern nicht die Akzeptanz, die wir jetzt haben. Im Bewusstsein vieler Westdeutscher waren wir als PDS immer eine eher ausländische Partei. Die haben irgendwann allenfalls mich akzeptiert.

SPIEGEL: Die Linke ist bis heute in keinem westdeutschen Landtag vertreten.

Gysi: Das wird noch kommen. Unser wichtigster Erfolg aber ist, dass wir die Debatten der Republik verändert haben. Es gibt eine bundesweite linke Opposition. Die anderen Parteien reagieren und reden plötzlich wieder über soziale Gerechtigkeit, wenn auch falsch.

SPIEGEL: Ihre Partei, so der Vorwurf von Ost-Landeschefs, riskiert wegen Lafontaine die Akzeptanz im Osten.

Gysi: Er hat auch im Osten viele begeisterte Fans. Andere befürchten im laufenden Vereinigungsprozess nicht zu Unrecht den Verlust der PDS-Identität, denn wir müssen über uns hinauswachsen. Und natürlich hat ein Mann, der einmal Vorsitzender der SPD war, ein anderes Parteienverständnis als ich, der 1990 plötzlich und unerwartet PDS-Vorsitzender wurde.

SPIEGEL: Beschreiben Sie einmal die Unterschiede.

Gysi: Er kommt aus einer Partei, die in Westdeutschland immer zum Establishment gehört hat. Er hat sich nun entschlossen, bewusst außerhalb zu stehen - auf Ausgrenzung ist er eingestellt. Das ist für ihn ein neues Gefühl. Ich gehöre zu einer Partei, die immer ausgegrenzt wurde. Viele von uns ringen um Akzeptanz. Noch ein Unterschied: Wir kommen aus einer Staatspartei, die alles durchgedrückt hat, und haben ein besonderes Misstrauen gegen jeden Versuch, anderen etwas aufzuzwingen. Schon weil wir uns nicht den Vorwurf einhandeln wollen, wir griffen wieder zu alten Methoden. Oskar Lafontaine dagegen kommt aus einer Partei, in der die Führungsleute sich immer hart durchsetzen mussten, um erfolgreich zu sein.

SPIEGEL: Deshalb hatte er wohl auch keine Hemmungen, Linkspartei-Stadträte zum Übertritt zur FDP aufzufordern, die in Dresden dem Verkauf von kommunalen Wohnungen zustimmten.

Gysi: Das war sicher missverständlich und wurde von ihm nicht wiederholt. Die Privatisierung dieser Wohnungen war falsch. Aber die Zeit von Parteiausschlüssen ist zum Glück vorbei.

SPIEGEL: Es gibt noch einen großen Unterschied zwischen Ihnen und Lafontaine. Wenn er redet, kennt er beim Zuspitzen kaum Grenzen.

Gysi: Er spricht Leute ganz anders an als ich. Es stimmt, er kann mächtig zuspitzen. Er weiß ganz genau, womit man auch die Medien aufregt und in ihnen stattfindet ...

SPIEGEL: ... auch mit Formulierungen, die von Rechtsextremen stammen könnten.

Gysi: Wir sind uns einig: Die Linke darf sich nie auf das einlassen, was den Rechtsextremismus ausmacht. Wir dürfen den Leuten nicht nach dem Mund reden. Wir müssen unsere Partei attraktiv machen für junge Leute.

SPIEGEL: Indem zwei ältere Herren - Lafontaine, 63, und Lothar Bisky, 65, in der vereinten Partei dann eine Doppelspitze bilden?

Gysi: Schon dadurch. Oskar Lafontaine und Lothar Bisky sind hoffentlich bereit, die Partei in einer Übergangszeit gemeinsam zu führen. Biskys Fähigkeit zur Integration ist noch einmal gefragt. Und ich warne davor, ihn zu unterschätzen. Den Jüngeren sage ich immer: Lasst diesen Fusionsprozess mal die Alten machen. Dann habt ihr eine Chance.

SPIEGEL: Wo ist Ihre Rolle in diesem Prozess?

Gysi: In den Ost-West-Konflikten sehe ich mich als Dolmetscher. Und ich bin und bleibe Fraktionsvorsitzender.

SPIEGEL: In Ihrer letzten Legislaturperiode im Deutschen Bundestag?

Gysi: Nein. Schon weil sie jetzt das Renteneintrittsalter erhöhen, sollen sie mich länger ertragen müssen. Das Team Bisky, Lafontaine, Gysi muss sich 2009 auch für den Fusionsprozess die Quittung vom Wähler holen. Wenn es meine Gesundheit zulässt, trete ich an.

SPIEGEL: Sie haben 1990 die SED ab- oder umgewickelt, nun die PDS zur Linkspartei umgebaut und in Richtung Fusion geführt. Welchen Satz würden Sie der PDS auf einen Grabstein schreiben?

Gysi: Schade, dass Sie mich nicht nach der Zukunft fragen. Vielleicht - wir waren doch ganz nett.

Interview: Stefan Berg, Markus Deggerich

Der Spiegel, 5. Mrz 2007

Auch interessant