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Was war da los, Sevim Dagdelen?

Im Wortlaut von Sevim Dagdelen,

Mahnwache für die Opfer von Ankara: Katja Kipping, Sevim Dagdelen, Azize Tank
                                                                                                         Foto: Frank Kopperschläger


Von Sevim Dagdelen
 

Wir Abgeordnete der Linksfraktion verneigten uns bei der Mahnwache der DIDF-Berlin vor den Opfern des Bombenanschlags in Ankara und sprachen den Angehörigen wie Freunden unser tiefstes Mitgefühl aus. Auch ich selbst habe bei diesem Anschlag Menschen verloren, die ich kannte, die mir lieb waren, die engagiert waren im Kampf gegen die wachsende Unterdrückung durch das AKP-Regime und für den Frieden in der Türkei. Sie nicht mehr bei uns zu wissen, ist unfassbar. Ich möchte nur nur vier stellvertretend nennen:

Dilan Sarikaya, 22 Jahre jung, Archäologie-Studentin aus Adana, Mitglied der Partei der Arbeit, EMEP. Auf ihrer Beerdigung hielt ihr Vater eine berührende Rede in der er sagte: „Ich möchte meine Genossin mit dem ersten Kampfruf, den sie als Kind lernte, verabschieden: Tod dem Faschismus, Freiheit dem Volk! Grüß unsere Genosen mein Kind!“

Meryem Bulut, 70 Jahre, Friedensmutter, HDP-Mitglied. Sie verlor vor einem Jahr ihren Enkelsohn im Kampf gegen den IS im Sengal-Gebirge.

Adil Gür, aus Düren, Mitglied der DIDF Köln. Er wurde während der Militärjunta in der Türkei gefoltert und kam vor 26 Jahren zur medizinischen Behandlung nach Deutschland. Seitdem engagierte er sich trotz seiner gesundheitlichen Probleme für ein friedliches Zusammenleben aller Menschen, sei es in Deutschland oder in der Türkei. Er hinterlässt eine Ehefrau und zwei kleine Kinder.

Zuletzt möchte ich den jüngsten unter den Opfern nennen. Veysel Deniz Atilgan, gerade mal neun Jahre alt geworden, Grundschüler, kam mit seinem Vater zur Kundgebung, um Frieden einzufordern. Er starb mit seinem Vater Hand in Hand. Sein Lehrer schrieb einen bewegenden Brief an seinen verstorbenen Schüler in dem es heißt: "Wie soll ich die Unterrichtsstunde beginnen, ohne dir zu gedenken? Wie soll ich von dir reden, ohne das Wort Frieden in den Mund zu nehmen? Und werden meine Schüler mich nicht fragen, ob Frieden gleich Tod bedeutet? Ich verspreche dir mein Junge, dein Platz am Fenster wird immer dein bleiben. Du bist von nun an unsere Friedenstaube." Ehre ihrem Angedenken.

Mit diesem Anschlag am 10. Oktober ging die blutige Saat der Politik des türkischen Staatspräsidenten Erdogan auf, Andersdenkende als Terroristen zu diffamieren. Erdogan hat in den letzten Jahren eine massive politische Verfolgungswelle gegen Journalisten, Gewerkschafter, gegen Kurden und Aleviten losgetreten. Im Sommer hat er den Friedensprozess mit der PKK aufgekündigt. Er führt Krieg gegen die Kurden. Und er führt Krieg ausgerechnet gegen diejenigen, die sich dem barbarischen IS in der Region entgegenstellen. Und beliefert zugleich islamistische Terrormilizen in Syrien mit Waffen. Und deshalb fordert die Linksfraktion, Erdogan darf kein Partner mehr für die Bundesregierung sein.

Es ist skandalös, dass Union und SPD jetzt auf Erdogan bei der Abwehr der Flüchtlinge setzten und die Türkei sogar zum sicheren Drittstaat erklären wollten. Zwei Wochen vor den Parlamentswahlen will die Bundeskanzlerin Merkel in die Türkei zu Erdogan fahren. Diese Reise kommt einer Wahlkampfhilfe gleich. Wer jetzt doch von Erdogan den roten Teppich ausrollen lässt, der verhöhnt die Opfer von Ankara. Der verhöhnt die Opfer von Suruc und Diyarbakir.
DIE LINKE fordert eine Absage dieser Reise! Die Kumpanei mit Erdogan muss aufhören. Die militärische, geheimdienstliche und polizeiliche Zusammenarbeit muss beendet, die Rüstungsexporte gestoppt werden! Keine Waffe und keinen Cent mehr für dieses islamistische Unterdrückungssystem von Erdogan!

linksfraktion.de, 15. Oktober 2015