Schließen

Skip to main content

»Olympia hat die Schönheit des Sports in seiner ganzen Breite gezeigt«

Nachricht,

© iStockphoto.com/yottaflops

 

 

LINKE-Abgeordnete sind keine Sportkommentatorinnen und -kommentatoren, aber wie Millionen andere Menschen auch Sportfans. Sie saßen in den letzten zwei Wochen vor den Fernsehgeräten, haben mitgefiebert, viel gejubelt und sich manchmal geärgert. Und weil das linke Auge mitunter ein wenig kritischer hinsieht, lohnt es sicher zu lesen, was einige der Sportfans mit Abgeordnetenmandat von den Londoner Spielen für sich persönlich mitnehmen.

 

Dietmar Bartsch: Mein persönliches Highlight der Olympischen Sommerspiele in London waren die Beachvolleyballer Brink/Reckermann und das sensationelle Finalspiel gegen die Brasilianer, wo natürlich auch Emanuel als 39-Jähriger trotz Niederlage glänzend spielte. Dies hängt wohl damit zusammen, dass auch ich schon mehr als drei Schritte beim Beachvolleyball gelaufen bin. Der olympische Tiefpunkt war der Kampf um die Bronzemedaille beim Mannschafts-Florettfechten. Wie hier die deutsche Mannschaft um eine Medaille betrogen wurde, hat wenig mit Sport zu tun. Und eine Frage bleibt: Warum gab es bei den Olympischen Spielen in Barcelona 1992 32 Goldmedaillen und diesmal "nur" 11?

Christine Buchholz: Soviel Heuchelei war selten. Die britische Regierung nutzt die "Spiele des Friedens", um London in eine militarisierte Stadt zu verwandeln. Kriegsschiffe kreuzen auf der Themse und vor der Südküste Englands. Eine Million Kameras überwachen jeden Winkel der Stadt. Raketen wurden auf Dächern von Wohngebieten gegen den Willen ihrer Bewohner stationiert. 18 000 Soldaten sind im Einsatz - das sind mehr als in Afghanistan. Dazu kommen 10 000 private Wachleute. Das soll einschüchtern: Wer sich mit dem britischen Staat anlegt, der bekommt seine Gewalt zu spüren. Echte "Spiele des Friedens" werden wir nur in einer gerechten Welt bekommen - ohne Kriege und Armut.

Martina Bunge: Toll, dass die Olympische Idee immer wieder so viele Sportlerinnen und Sportler anzieht. Die Welt begegnet sich im Kräftemessen auf andere Art: Vorn landen nicht mehr nur die weltpolitischen Tonangeber. Schön! Ich warte schon gespannt auf die Paralympics, wo Menschen mit Behinderungen beweisen, was in ihnen steckt. Jede und jeder kann und sollte Sport treiben oder zumindest sich bewegen – das schafft gesundheitliches Wohlbefinden. Es muss ja nicht gleich olympisch werden. Mit Frühsport gehe ich beispielsweise immer mit guter Laune in den Tag. Damit zu beginnen, ist niemand zu alt.

Roland Claus: Großes Staunen in den Medien über die britische Medaillenbilanz und darüber, dass das mit einer erstklassigen Breitenförderung zu tun hat. Irgendjemandem fällt dann auch mal auf, dass es so etwas früher ja auch in Deutschland mal gegeben hat. In der DDR. Die Bezugnahme darauf muss nicht verschämt daherkommen. Das Erbe wirkt doch weiter: Siege und Medaillen kommen überproportional aufs ostdeutsche Konto, und beim Zählen der deutschen Erfolge bei Olympia in der Geschichte wird es stillschweigend ins Gesamtdeutsche eingereiht. Eine ARD-Präsentation der zwanzig erfolgreichsten deutschen Olympionikinnen und Olympioniken seit 1896 listet allein neun aus der DDR. Aber das Länderkürzel wird diskret weggelassen. Für Nach-Olympia wünsche ich mir, dass dann nicht wieder nur die Profit-Sportarten Fußball und Formel I die Medien dominieren. Olympia hat die Schönheit des Sports in seiner ganzen Breite gezeigt – aber was hilft’s, wenn schon gleich wieder Eintönigkeit einzieht?

Klaus Ernst: Bei den Olympischen Spielen der Antike waren kriegerische Auseinandersetzungen während der Wettkampftage verboten. Auch die Spiele der Neuzeit sollten nicht nur dem sportlichen Vergleich, sondern ebenso der Völkerverständigung dienen. Es ist traurig genug, dass die Meldungen über den Krieg in Syrien tagtäglich die sportlichen Höchstleistungen der Olympioniken überschatten. Doch auch im deutschen Verteidigungsministerium scheint es kein Interesse für den wahren Geist der Spiele zu geben. Wie wäre sonst zu rechtfertigen, dass der für das Massaker von Kundus verantwortliche Bundeswehr-Oberst Klein ausgerechnet jetzt zum General befördert werden soll?

Jan Korte: Dabei sein ist alles. Dieses olympische Motto gilt wohl nicht nur für die Sportlerinnen und Sportler in London, sondern auch für die britischen Geheimdienste. Mit rund einer Million Überwachungskameras hat sich die Olympiastadt das größte urbane Überwachungsnetz weltweit verpasst und bringt es zum Einsatz. Der Ausbau der permanenten Beobachtung der Olympiagäste und der Bevölkerung zu den Olympischen Sommerspielen in London hat also neue Standards gesetzt. Leider wohl auch für die kommenden Spiele. Darüber sollte sich jeder bewusst sein, der jetzt eine Bewerbung Deutschlands für die Ausrichtung von Olympischen Spielen in der Zukunft befürwortet.  

Katrin Kunert: Olympia begeistert mich immer wieder. Aber was, wenn die Schwimmerinnen und Schwimmer ihre Bahnen hätten im Ententeich schwimmen müssen. Wären sie schneller geschwommen? Was wäre, wenn Robert Harting nicht gewonnen hätte und etwa mit einem nicht zerrissenem Trikot nach Berlin zurückgekehrt wäre? Was machen wir mit den goldenen Beach-Boys? Und wie wäre es gelaufen, wenn diese Spiele in Leipzig und Rostock stattgefunden hätten? London war top!

Ulrich Maurer: Die Olympischen Spiele sind vorüber. Nach dem ernüchternden Abschneiden des deutschen Olympia-Teams kann man nur hoffen, dass endlich mal das wirklich Wichtige debattiert wird: der Sport und seine Nachwuchssportlerinnen und -sportler. Wie sollen talentierte Jugendliche für Leistungssport begeistert werden, wenn sie Gefahr laufen, sich finanziell zu ruinieren? So beim Ringer-Ehepaar Englich, die sich beide überraschend nicht für die Olympiade in London qualifiziert haben, damit aus dem olympischen Förderkader flogen und sich nun fragen dürfen, wie es finanziell weitergeht. Übrigens Fragen, die sich ein Funktionär des DOSB oder IOC nie stellen muss.

Cornelia Möhring: Ich sehe mir am liebsten Schwimmwettkämpfe an und bin dann voller Bewunderung. Ein bisschen Neid schwingt sicher auch mit. Ich würde mich gerne wie ein Fisch im Wasser bewegen. Gehört sich auch so für eine Abgeordnete aus dem Land zwischen den Meeren. Schade finde ich es, dass in den letzten Jahren offensichtlich immer weniger talentierte junge Schwimmer und Schwimmerinnen von einer Sportförderung profitieren. Wenn ich mir die Bedingungen in Schleswig-Holstein ansehe, frage ich mich wirklich, wo Kinder in Zukunft schwimmen lernen sollen: Immer mehr Bäder schließen. Dabei zeigt der Nachbar Schweden, dass es auch anders geht: In jeder Kommune genügend Sportplätze, Schwimmbäder, Eisbahnen - und das auch noch gebührenfrei. So haben Kinder und der Sport bessere Chancen.

Petra Pau: Was gibt es nicht alles: Ermahnungen und Verwarnungen, gelbe und rote Karten, Zeitsperren und Disqualifikationen – für Sportlerinnen und Sportler. Für Olympia-Reporter fehlen sie – ein Manko. Bespiel: Schwimmerin Britta Steffen. Erst wurde sie hochgeredet. Dann wurde sie niedergemacht. Und als sie selbst enttäuscht dennoch sportlich sagte, sie freue sich über gute Leistungen anderer, wurde sie der Irrenanstalt empfohlen. Fair play? Voll-Knall!

Yvonne Ploetz: Als begeisterte Judoka verfolgte ich bei Olympia insbesondere die Judo-Wettkämpfe. Mein Highlight war aber nicht etwa ein sehr intensiver Kampf oder die Vorstellungen des deutschen Teams, sondern der Auftritt der sechszehnjährigen Wodjan Shaherkani. Als erste Frau Saudi-Arabiens trat sie bei Olympia an. Damit sind diese Spiele die ersten, bei denen es endlich keine einzige reine Männermannschaft mehr gab. Zwar verlor Shaherkani ihren Judo-Kampf bereits nach einigen Sekunden, doch stellt ihre Teilnahme einen kleinen Sieg für die saudi-arabischen Frauen bei ihrem Kampf um Gleichberechtigung dar.

Halina Wawzyniak: Es gibt zwei wichtige Erkenntnisse nach den olympischen Spielen in London: 1. Das Pinkeln in ein Schwimmbecken ist nichts schlimmes, schließlich machen das nach Aussage von Schwimmolympiasieger Ryan Lochte fast alle. Er selber habe allerdings nur in das Aufwärmbecken gepinkelt. 2. Die Modefrage in Bezug auf Schuhe in der Leichtathletik scheint entschieden zu sein. Haushoch gewinnt neongelb vor rot. Vereinzelt wurde auch lila gesehen. Der Gewinn eines Rennens ist allerdings auch mit neongelb (linker Fuß) und rot (rechter Fuß) möglich, wie das Finale der Frauen über  1.500 Meter zeigte.

Auch interessant