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»Ich brauche keine weiteren Briefe«

Im Wortlaut von Gregor Gysi,

Gregor Gysi im ND-Interview: Der Druck auf Oskar Lafontaine muss endlich aufhören

Ihre Reise ins Saarland war mehr als ein Krankenbesuch bei Oskar Lafontaine. Trotzdem zunächst, wie geht es dem Parteivorsitzenden der LINKEN?

Es geht ihm eindeutig besser. Man kann sich sehr gut mit ihm über alle Dinge unterhalten, aber die Untersuchungen sind noch nicht abgeschlossen.

Das heißt, eine Rückkehr Lafontaines in die aktive Politik wird noch dauern?

Auf jeden Fall braucht er noch etwas Zeit, um das entscheiden zu können. Und die Zeit, die er braucht, die müssen wir ihm auch geben. Der Druck muss endlich aufhören.

Die Partei wartet aber auf ein Signal aus Saarbrücken. Warum bleibt das aus, wenn man sich mit ihm gut unterhalten kann?

Das habe ich gerade gesagt: Weil es noch Untersuchungen gibt - so dass er letztlich noch keine Entscheidung treffen kann. Er will schließlich nichts Vages sagen, sondern etwas Verbindliches. Meine Hoffnung hört natürlich nicht auf, dass er - wenn die Untersuchungen abgeschlossen sind - sowohl im Bundestag bleibt als auch wieder als Vorsitzender der Partei kandidiert. Aber selbst wenn nicht und er im Saarland bliebe, ist doch klar, dass er auch von dort aus hervorragend Bundespolitik machen kann. Er hat ja schon in der Vergangenheit bewiesen, dass er auch im Landtag als Fraktionsvorsitzender bundespolitisch wirken kann. Aber ich bleibe freilich bei meiner Hoffnung.

Ist die nach dem Gespräch in Saarbrücken genährt oder eher kleiner geworden?

Über meinen Ernährungszustand werde ich nichts erzählen.

Sie selbst haben Ihren Genossen vor nicht allzu langer Zeit versprochen, dass sich Lafontaine Anfang des Jahres erklären wird. Waren Sie damit zu voreilig?

Nein, das ist eine Frage der Definition, was Anfang des Jahres ist. Ich gehe davon aus, dass wir in nicht allzu langer Zeit seine Entscheidung erleben werden.

Inzwischen machen Meldungen über eine tiefe Zerstrittenheit innerhalb der LINKEN die Runde, von einer Krise ist die Rede. Sie wurden Adressat von unerfreulichen Briefen, in denen Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch schwere Vorwürfe gemacht werden. Beunruhigt Sie die Situation oder auch der Stil in der Partei?

Selbstverständlich beunruhigt mich das. Aber klar ist, dass es erstens ein völlig zuverlässiges Loyalitätsverhältnis zwischen dem Bundesgeschäftsführer und seinen Vorsitzenden geben muss. Zweitens: Dietmar Bartsch hat sich um die Entwicklung unserer Partei in Vergangenheit und Gegenwart große Verdienste erworben. Und drittens brauche ich keine weiteren Briefe, weil mir die gesamte Problematik bekannt ist. Wir werden eine Lösung finden. In Anbetracht unserer Erfolge geht es zweifellos nicht um Rücktritte.

Spiegel-Online berichtete, Sie würden Bartsch von einer erneuten Kandidatur zum Bundesgeschäftsführer abraten. Ist das richtig?

Es ist hochinteressant, was Spiegel-Online weiß, ohne mit mir geredet zu haben. Darüber habe ich auch mit Dietmar Bartsch noch nicht einmal gesprochen. Ich wünschte mir ein Ende der Gerüchteküchen.

Beunruhigt die Situation in der Partei auch Lafontaine und hält ihn womöglich ab, sich für eine neue Kandidatur zu entscheiden?

Nein, das ist alles Quark. Wer so über Oskar Lafontaine denkt, hält ihn für kleinkariert. Er ist alles Mögliche, aber bestimmt nicht kleinkariert. Weder eine Personalie noch Stilfragen können ihn davon abhalten, Politik zu machen.

Viele sagen, der Konflikt Lafontaine versus Bartsch ist nur die Personalisierung eines grundsätzlichen Konfliktes zwischen Ost und West oder Regierungsbefürwortern und -gegnern. Wie soll dieser Konflikt je geklärt werden?

Das geht nur in der Akzeptanz des Pluralismus - es geht nur, wenn man sich wirklich vereinigen will. Will man das wirklich, heißt das nicht, dass die eine Seite über die andere Seite gewinnt oder umgekehrt, sondern man bereit ist, sich zu verändern. Genau diesen Weg habe ich der Partei auf dem Parteitag im Juni in Berlin vorgeschlagen. Diesen Weg müssen wir einschlagen - alles andere führt nur zu inneren Auseinandersetzungen, die uns von dem abhalten, wozu wir verpflichtet sind, nämlich Politik zu machen.

Die dringende Bitte von Ihnen ist auf dem Parteitag erhört, aber der Konflikt womöglich nur bis nach der Wahl vertagt worden?

Nein, umgekehrt. Sie ist erhört worden und dadurch war der Parteitag in der Lage, ein vernünftiges Wahlprogramm zu verabschieden, was uns im Wahlkampf sehr geholfen hat. Nun müssen wir aus diesem vorübergehenden Zustand einen dauerhaften machen. Die anderen Auseinandersetzungen kenne ich alle seit Jahren. Sie sind überhaupt nicht fruchtbar und bringen uns nicht voran.

Sie glauben, dass das klappt?

Ja. Wenn ich diesbezüglich pessimistisch wäre, würde ich in den Sack hauen. Aber eine wirkliche Ost-West-Vereinigung ist immer schwieriger als ein Beitritt.

Die Fraktionsklausur am Montag sollte zum optimistischen Start nach einem erfolgreichen Wahljahr werden. Und nun Fehlstart?

Wenn man das unbedingt so sehen will, liegt der Fehlstart jetzt hinter uns. Insofern holen wir Montag eben den guten Start nach.

Dennoch bleibt die Frage, wie es in der LINKEN weitergehen soll. Schließlich steht der Partei eine Programmdebatte bevor. Werden nicht die immer gleichen Konflikte immer wieder neu aufbrechen?

Diese Auseinandersetzungen wird es immer geben, das kann man auch gar nicht vermeiden. Aber ich gebe auch hier die Hoffnung nicht auf, dass es einen Programmentwurf geben wird, der selbstverständlich Kompromisscharakter trägt - mit dem wir aber alle auch gut leben können. Wer Pluralismus will, muss auch lernen zu akzeptieren, dass man mit dem anderen zusammen einen Weg findet. Man kann nicht alles so durchsetzen, wie man es selber gerne hätte. Das können die einen nicht und die anderen auch nicht. Und im Übrigen braucht unsere Partei ein starkes Zentrum. Das ist bisher nicht organisiert.

Wer wäre denn das Zentrum?

Na, zum Beispiel ich, aber ich will es nicht fast alleine sein.

Neues Deutschland, 9. Januar 2010

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