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»Es geht alles auch ein Stück kleiner«

Im Wortlaut von André Hahn,

Nikolay Petshak schwimmt am 26. November 2013 mit der Olympia-Fackel im Jenissei-Fluss in Sibirien. Er ist einer von 40 Schwimmern aus 14 Ländern, die im Juli 2013 sechs Tage lang die Beringsee zwischen Sibirien und Alaska auf einer Strecke von 110 Kilometern in 5 Grad kaltem Wasser durchquerten. Foto: REUTERS

 

André Hahn, sportpolitischer Sprecher der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag, hofft auf faire sportliche Wettkämpfe in Sotschi, will vor Ort deutsche Sportler unterstützen und russischen Regierungsvertretern kritische Fragen stellen. Boykotte lösen kein einziges politisches Problem. Bei IOC und FIFA fordert er mehr Transparenz, eine spürbare Verjüngung und mehr Frauen in Verantwortung. Er empfiehlt, ernsthaft über eine Neuvergabe der Fußball-WM 2022 nachzudenken. Der Gigantismus bei Großveranstaltungen schade auch dem Breitensport.

 

Seit Monaten läuft im Vorfeld der Olympischen Winterspiele in Sotschi eine hitzige politische Debatte über Menschenrechte und Demokratie. Jetzt verheißt die Wettervorhersage für die kommenden Tage Tauwetter. Werden das erfolgreiche Olympische Spiele?

André Hahn: Ich freue mich vor allem auf interessante Winterspiele, bei denen der faire sportliche Wettkampf der besten Athleten der Welt im Mittelpunkt steht. Dass es besonders schön wäre, wenn auch die deutschen Sportlerinnen und Sportler viele Medaillen und gute Platzierungen erreichen, brauche ich sicher nicht besonders zu betonen. Und schließlich hoffe ich, dass die Sicherheit der Teilnehmer und Gäste gewährleistet ist, notwendige politische Debatten sachlich geführt werden und das Thema Doping in Sotschi möglichst keine Rolle spielt. 

Russland erhielt am 4. Juli 2007 mit 51 gegen 47 Stimmen im Internationalen Olympischen Komitee (IOC) den Zuschlag für die Winterspiele 2014. Bereits zu diesem Zeitpunkt waren Putin Präsident und Russland keine lupenreine Demokratie. Wieso dieses Tamtam in den Medien jetzt?

Die Frage stelle ich mir auch und habe keine eindeutige Antwort darauf. Schließlich war es ja mit Gerhard Schröder ein deutscher Bundeskanzler, der Herrn Putin als lupenreinen Demokraten bezeichnete. Heute regiert die SPD mit der CDU und die Töne sind ganz anders geworden, obwohl Präsident Putin seine Politik und seinen Regierungsstil nicht wirklich geändert hat. Es gibt gute Gründe, sich mit Russland über Menschenrechte, einschließlich der freien sexuellen Orientierung, oder auch den fragwürdigen Umgang mit der Opposition auseinanderzusetzen, aber wenn das jetzt gerade im Vorfeld der Olympischen Spiele massiv thematisiert wird, dann geht es offenbar auch um politische und wirtschaftliche Interessen der Großmächte.

Muss sich das IOC vorwerfen lassen, dass es mit der Entscheidung für Sotschi vorhersehbar Sportlerinnen und Sportler unnötigen psychischen Belastungen ausgesetzt hat?

Ich weiß nicht, ob man das wirklich so pauschal sagen kann. Streit um Austragungsorte hat schon häufiger gegeben, wenn ich zum Beispiel an die Sommerspiele in China oder die Fußball-EM in der Ukraine denke, den Vorwurf von Menschenrechtsverletzungen und Umweltzerstörungen auch, und Anschläge hat es ja selbst in den USA gegeben. Insofern ist Sotschi leider keine Ausnahme. Dennoch hoffe ich natürlich, dass alles friedlich abläuft.

Umstritten war und ist in vielerlei Hinsicht auch die Entscheidung des Fußballweltverbandes, die Weltmeisterschaft 2022 im Wüstenstaat Katar auszurichten. Stichwort Homosexualität: Die wird in Katar mit Gefängnis und auch schon mal mit Peitschenhieben bestraft. FIFA-Präsident Sepp Blatter forderte homosexuelle Fans auf, aus Respekt vor dem Gastgeberland auf Sex während der WM zu verzichten. Sind die wenig transparenten Strukturen der internationalen Sportverbände und die sie tragenden Herren noch zeitgemäß?

Man darf sicherlich nicht alle Sportverbände über einen Kamm scheren, aber zumindest für das IOC und die FIFA muss man die Frage ganz klar verneinen. Dort brauchen wir deutlich mehr Transparenz, eine spürbare Verjüngung und auch mehr Frauen in Verantwortung. Ich war mit dem sächsischen Ministerpräsidenten Tillich 2010 selbst schon einmal in Katar und weiß daher, dass Geld dort so gut wie keine Rolle spielt. Doch deshalb muss man ja noch lange keine Fußball-WM austragen, zumal man in dieser Sportart keine Tradition hat, von den Witterungsbedingungen ganz zu schweigen. Der Umgang mit Homosexualität dort ist ebenso indiskutabel wie die Empfehlungen von Herrn Blatter an die Fußballfans. Und wenn man dann noch die Arbeitsbedingungen auf den Stadion-Baustellen betrachtet, durch die schon hunderte Menschen zu Tode gekommen sind, dann sollte ernsthaft über eine Neuvergabe der WM nachgedacht werden.

Bundespräsident Gauck fährt nicht nach Sotschi. Ist das die richtige Antwort auf die Situation in Russland?

Ich finde, nein! Boykotte lösen kein einziges politisches Problem und schaden letztlich nur dem Sport. Ich habe schon die gegenseitigen Boykotte der Olympischen Spiele in den Jahren 1980 und 1984 für falsch gehalten, dort wurden Konflikte im Kalten Krieg auf dem Rücken der Sportlerinnen und Sportler ausgetragen, die vielleicht vier Jahre lang auf den Höhepunkt ihrer Laufbahn hingearbeitet haben und denen dann verboten wurde, sich mit den Besten der Welt zu messen. Der Bundespräsident hätte nach Sotschi fahren, die deutschen Sportler vor Ort unterstützen und zugleich die Möglichkeit nutzen sollen, bei seinen Gesprächen mit russischen Regierungsvertretern kritische Fragen anzusprechen. Meine Kollegin Katrin Kuhnert und ich werden das jedenfalls so halten.  

Worin liegt die enge Verflechtung von Sport und Politik begründet?

Der Sport fasziniert Millionen Menschen, als Aktive ebenso wie als Zuschauer. Da kann und will die Politik nicht abseits stehen, zumal der Sport auch viele positive Bilder produziert, mit denen sich vor allem die herrschende Politik gern schmückt. Die Fernsehbilder der Bundeskanzlerin bei einem Länderspiel der Nationalmannschaft oder vom Ministerpräsidenten auf der Bundesliga-Tribüne erreichen viele Leute, wirken meist sympathisch und werden oft mehr beachtet als jede Rede im Parlament. Zudem geht es im Sport wie auch in der Politik um Macht, Einfluss und inzwischen auch sehr viel Geld. Deshalb übernehmen auch immer mehr aktive oder ehemalige Politiker Funktionen und Ämter im Sportbereich. Das muss nicht a priori schlecht sein, aber der Sport darf nicht (partei)politisch missbraucht werden.

Geht von den großen kommerziellen internationalen Sportspektakeln überhaupt noch eine positive Wirkung auf den Breitensport in der Bundesrepublik aus?

Der Spitzensport generell hat schon noch positive Wirkungen auf den Breitensport. Bekannte und erfolgreiche Sportler können als Vorbilder dienen und motivieren auch gerade Kinder und Jugendliche, selbst sportlich aktiv zu werden. Dennoch hat natürlich die zunehmende Kommerzialisierung dem Sport insgesamt geschadet. Immer mehr Vereine, aber auch Leistungssportler sind auf Sponsoren angewiesen, und diese unterstützen vor allem jene Sportarten, die im Focus der Medien stehen. Andere kommen kaum noch über die Runden, und den Kommunen fehlt oft das Geld, den Sport mehr zu unterstützen. Auch deshalb muss dem Gigantismus bei Großveranstaltungen Einhalt geboten werden. Es geht alles auch ein Stück kleiner und deutlich bescheidener. Und überhaupt: Müssen wirklich alle vier Jahre zu Olympia weltweit immer neue Sportanlagen aus dem Boden gestampft werden oder kann man nicht auch wie im Weltcup reihum bereits existierende Einrichtungen früherer Olympiaorte nutzen?

Einen Monat nach den Olympischen Winterspielen beginnen am 7. März die Paralympischen Winterspiele in Sotschi. Glauben Sie, dass es von den Paralympics irgendwann einmal auch stundenlange Live-Übertragungen in ARD oder ZDF geben wird?

Es hat sich schon einiges zum Positiven entwickelt. Von den letzten beiden Paralympics 2010 in Vancouver und 2012 in London gab es deutlich mehr Fernsehübertragungen, auch Live-Sendungen als in früheren Jahren. Das ist natürlich immer noch ausbaufähig, aber man darf ja nicht vergessen, dass die Zahl der teilnehmenden Athletinnen und Athleten auch aus Deutschland bei den Paralympischen Spielen leider deutlich geringer ist als bei Olympia und zudem Wettbewerbe in weit weniger Disziplinen stattfinden. Das hat dann eben auch Auswirkungen auf den Umfang der Berichterstattung in den Medien. Umso wichtiger ist es, dass die deutschen Behindertensportler bei der Sportförderung wie bei den Medaillenprämien nicht länger benachteiligt werden. Bislang war ein Sieg bei den Paralympics nur halb so viel wert wie bei den Olympischen Spielen. Dass die Deutsche Sporthilfe vor wenigen Tagen hier endlich eine Angleichung vorgenommen hat, ist auch mit ein Erfolg der LINKEN, die im Bundestag immer wieder auf dieses Problem aufmerksam gemacht hat.

linksfraktion.de, 7. Februar 2014

 

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