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Hohe Arbeitsbelastung im Sozial- und Erziehungsdienst

Nachricht von Pascal Meiser,

Die Auswertung der Antwort der Bundesregierung auf unsere Kleine Anfrage „Arbeitsbedingungen im Sozial- und Erziehungsdienst“ zeigt, dass im Juni 2021 zuletzt laut Statistik der Bundesagentur für Arbeit in der Berufsgruppe Erziehung, Sozialarbeit, Heilerziehungspflege 1,75 Millionen Menschen beschäftigt waren, davon sind 1,46 Millionen beziehungsweise 83,3 Prozent Frauen. Der Großteil, 982.070 Beschäftigte bzw. fast 60 Prozent (59,2) aller Beschäftigten arbeitet in Teilzeit. Selbst geringfügige Beschäftigung ist in dem Bereich festzustellen, 89.178 Beschäftigte arbeiten ausschließlich in einem Minijobverhältnis und auffällig dabei, mehr als ein Fünftel davon hat keinen Berufsabschluss (20,5 Prozent). Weitere 40.257 Beschäftigte arbeiten im Nebenjob geringfügig in der Branche.

Der in der Branche häufig beklagte Personalmangel schlägt sich auch in den erfassten Überstunden nieder: Im Jahr 2019 (zuletzt verfügbare Daten) leitsteten abhängig Beschäftigte in den Berufen der „Erziehung, Sozialarbeit, Heilerziehungspflege" insgesamt rund 2,23 Milliarden Arbeitsstunden. Während die durchschnittliche vertraglich festgelegte Wochenarbeitszeit 26,5 Arbeitsstunden betrug, wurden tatsächlich durchschnittlich 31,4 Arbeitsstunden pro Woche geleistet. Von den dadurch angefallenen 16.578.000 Überstunden waren 7.693.000 unbezahlt, somit fast die Hälfte der erfassten Über- stunden (46,4 Prozent).

Die Antwort der Bundesregierung liefert auch Einblicke in die Gründe für die Abwanderung aus der Branche. Ein wichtiger Grund ist die hohe Arbeitsbelastung. Beschäftigte in Sozial- und Erziehungsbe- rufen klagten 2018 (zuletzt verfügbare Daten) häufig über belastende Arbeitsbedingungen, darunter häufig Arbeiten in Zwangshaltungen (gebückt, hockend, kniend oder über Kopf) (35,9 Prozent / andere Berufe: 16,1 Prozent), häufiges Arbeiten im Stehen (62 Prozent / andere Berufe: 53,3 Prozent), oder auch häufig Arbeit unter Lärm (54,1 Prozent / andere Berufe: 28,2 Prozent). Sehr häufig müssen auch verschiedene Arbeiten gleichzeitig betreut werden (80,4 Prozent / andere Berufe: 61,8 Prozent), sowie häufig Situationen, die gefühlsmäßig belasten (26,4 Prozent), mehr als doppelt so häufig als in allen anderen Berufen (11,8 Prozent).

Im Bereich der frühen Bildung hat der durchschnittliche Betreuungsschlüssel in Tageseinrichtungen erfahrungsgemäß einen besonderen Einfluss auf die Arbeitsbelastung der Beschäftigten. Dieser Betreuungsschlüssel und damit die Arbeitsbelastung variiert je nach Bundesland enorm. In den westdeutschen Bundesländern war der Betreuungsschlüssel zuletzt 2020 wesentlich besser, es kamen also weniger Kinder auf eine pädagogische Fachkraft. In den ostdeutschen Bundesländern war die Quote wesentlich schlechter. In Gruppen mit Kindern bis einschließlich 3 Jahren (bundesweiter Durchschnitt 3,8 Kindern pro pädagogischer Fachkraft) reichte die Spanne der Quote von Baden-Württemberg mit 2,8 und Bremen mit 2,9 bis Mecklenburg-Vorpommern mit 5,6 und Sachsen-Anhalt mit 5,3. In Gruppen mit Kindern über 3 Jahren (Durchschnitt 8,1 Kindern pro pädagogischer Fachkraft) reichte die Spanne von Baden-Württemberg mit 6,4 und Hamburg mit 7,1 bis Mecklenburg-Vorpommern mit 12,0 und Sachsen mit 10,6.

Pascal Meiser, gewerkschaftspolitischer Sprecher der Fraktion DIE LINKE im Bundestag:

“Viele Beschäftigte in den Sozial- und Erziehungsberufen arbeiten schon seit Jahren am Limit. Die Arbeitsbedingungen sind häufig vielfach belastend. Wenn wir dem Personalmangel in den Sozial-und Erziehungsberufen wirksam begegnen wollen, ist eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen dringend erforderlich. Dazu braucht es neben einer besseren Bezahlung auch deutlich mehr Möglichkeiten zur Qualifizierung und eine Entlastung durch bessere und verbindliche Personalbemessung. Die Erzieherinnen und Sozialarbeiter, die ihren Forderungen aktuell mit Warnstreiks Nachdruck verleihen, haben daher volle Unterstützung verdient.”


Hintergrund:

Die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) ruft bundesweit Erzieherinnen und Erzieher, Kinder- pflegerinnen, Sozialassistenten und andere Berufsgruppen aus Kitas und dem Ganztag in Schulen zu Streiks auf. Hintergrund sind die bislang ergebnislosen Verhandlungen für die Beschäftigten im Sozial- und Erziehungsdienst und die angespannte Situation in den Einrichtungen der Erziehung, Bildung und Betreuung von Kindern.

Anlass für den bundesweiten Streik- und Aktionstag ist die aktuelle Tarifauseinandersetzung mit der Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände (VKA) im kommunalen Sozial- und Erziehungsdienst. Die vorangegangenen beiden Tarifrunden im Februar und im März verliefen ergebnislos. ver.di fordert in den Tarifverhandlungen eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen, Maßnahmen gegen den Fachkräftemangel und die finanzielle Anerkennung der Arbeit der Beschäftigten im Sozial- und Erziehungsdienst.

Deshalb fordern die Beschäftigten u.a. Vor- und Nachbereitungszeiten, damit die Fachkräfte mehr Zeit für die pädagogische Arbeit mit den Kindern haben. Außerdem Zeiten, um Praktikantinnen und Prakti- kanten zu begleiten, einen Anspruch auf Weiterqualifizierung und die finanzielle Anerkennung der gestiegenen Herausforderungen.

Die dritte Verhandlungsrunde findet am 16. und 17. Mai in Potsdam statt.

Ergebnisse im Einzelnen:

Beschäftigte

  • Im Juni 2021 waren laut Statistik der Bundesagentur für Arbeit in der Berufsgruppe 831 (Erziehung, Sozialarbeit, Heilerziehungspflege) [Siehe Tabelle 2 und 23] o 1,75 Millionen Menschen beschäftigt;
    • davon 1,46 Millionen oder 83,3 Prozent Frauen;
    • davon 1,66 Millionen sozialversicherungspflichtig beschäftigt;
      • davon 678.000 oder 40,8 Prozent im Vollzeit;
      • davon 982.070 oder 59,2 Prozent in Teilzeit;
    • davon 89.178 ausschließlich geringfügig beschäftigt;
      • mehr als ein Fünftel davon ohne Berufsabschluss (20,5 Prozent)
    • 40.257 im Nebenjob geringfügig beschäftigt;
    • davon 1,013 Millionen Beschäftigte in Berufen in der Kinderbetreuung und -erziehung

Befristungen

  • Im Jahr 2019 waren laut Mikrozensus 12,2 Prozent der Beschäftigten in den Berufen der „Erziehung, Sozialarbeit, Heilerziehungspflege" befristet beschäftigt. Im Jahr 2012 lag die Befristungsquote noch bei 16.1 Prozent; [Tabelle 3]
  • Im Jahr 2020 waren laut Bundesagentur für Arbeit 51,2 Prozent aller begonnenen sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnisse in der Berufsgruppe 831 (Erziehung, Sozialarbeit, Heilerziehungspflege) befristet. Im Jahr 2013 betrug die Befristungsquote bei diesen Neueinstellungen noch 62,8 Prozent;

Arbeitszeiten

  • Nach Auswertungen des Mikrozensus durch das Statistische Bundesamt haben im Jahr 2019 abhängig Beschäftigte in den Berufen der „Erziehung, Sozialarbeit, Heilerziehungspflege" insgesamt tatsächlich rund 2,23 Milliarden Arbeitsstunden geleistet. Die durchschnittliche Wochenarbeitszeit betrug 26,5 Arbeitsstunden, die normalerweise geleistete Wochenarbeitszeit 31,4 Arbeitsstunden.[Frage 5]
  • Bezahlte und unbezahlte Überstunden [Tabelle 24] – Abhängig Beschäftigte in den Berufen der „Erziehung, Sozialarbeit, Heilerziehungspflege“ im Jahr 2019 – 16.578.000 Überstunden davon 7.693.000 unbezahlt, fast die Hälfte aller Überstunden (46,4 Prozent)
  • 2019 – Abhängig Beschäftigte in den Berufen der „Erziehung, Sozialarbeit, Heilerziehungspflege“ 12,6 Prozent ständig/regelmäßig Samstagarbeit und 13,7 Prozent ständig / regelmäßig Wochenendarbeit; 10,5 Prozent ständig/regelmäßig Abendarbeit und 10,7 Prozent geben an ständig/regelmäßig Schichtarbeit auszuüben. [Tabelle 30 und 31]

 

Beendigungen/Berufswechsel 

  • Durchschnittliche Betriebszugehörigkeit in der „Frühen Bildung“ mit 10,1 Jahre zwar höher als in den übrigen sozialen Berufen (8,4 Jahre) aber immer noch niedriger als unter den gesamten Erwerbstätigen (11,3 Jahre) [Frage 8a].
  • Im Fachkräftebarometer Frühe Bildung 2021 wurden für die Aufgabe des Berufes von den Beschäftigten in Kindertagesstätten vor allem gesundheitliche Gründe und familiäre Verpflichtungen benannt [Frage 8b].

Aufstockende Beschäftigte

  • Im Jahr 2020 haben laut Statistik der Bundesagentur für Arbeit 22.378 oder 1,4 Prozent aller sozialversicherungspflichtige Beschäftigten und über 3.293 oder 4,4 Prozent aller Minijobbenden in der Berufsgruppe 831 „Erziehung, Sozialarbeit, Heilerziehungspflege"; [Tabelle 28]

Arbeitsbelastung 

  • Laut der BIBB/BAuA-Erwerbstätigenbefragung 2018 gaben Beschäftigte in Sozial- und Erziehungsberufen besonders häufig an, folgende Arbeitsanforderungen zu erleben [Tabellen 1820]:
    • Häufig Arbeiten in Zwangshaltungen (gebückt, hockend, kniend oder über Kopf) zu 35,9 Prozent, mehr als doppelt so häufig als in allen anderen Berufen (16,1 Prozent); o Häufig Arbeiten im Stehen zu 62 Prozent, häufiger als in allen anderen Berufen (53,3 Prozent); o Häufig Umgang mit mikrobiologischen Stoffen zu 41,2 Prozent, fast mehr als viermal so häufig als in allen anderen Berufen (10,7 Prozent);
    • Häufig Arbeit unter Lärm zu 54,1 Prozent, mehr als in allen anderen Berufen (28,2 Prozent);
    • Häufig verschiedene Arbeiten gleichzeitig betreuen zu 80,4 Prozent, mehr als in allen anderen Berufen (61,8 Prozent)
    • Häufig Situationen, die gefühlsmäßig belasten zu 26,4 Prozent, mehr als doppelt so häufig als in allen anderen Berufen (11,8 Prozent). 

Betreuungsschlüssel in Kindertagesstätten

  • Im Jahr 2020 lag der durchschnittliche Betreuungsschlüssel in Tageseinrichtungen und in der öffentlich geförderter Kindertagespflege laut Daten des Forschungsdatenzentrum der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder [Tabelle zu Frage 11]
    • in Gruppen mit Kindern bis einschließlich 3 Jahren bei 3,8 Kindern pro Beschäftigte;
      • In den alten Bundesländern lag der Betreuungsschlüssel wesentlich niedriger, insbesondere in Baden-Württemberg mit 2,8 und in Bremen bei 2,9. In den neuen Bundesländern liegt die Quote wesentlich höher, insbesondere in Mecklenburg-Vorpommern (5,6) und in Sachsen-Anhalt (5,3);

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