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Heuschrecken stoppen

Positionspapier,

Unternehmen kaufen, ausquetschen und schnell wieder verkaufen - das ist die Strategie der sogenannten Heuschrecken. Über den Tiervergleich mag man streiten. Aber an der Tatsache, dass viele Finanzinvestoren gemäß diesem Dreiklang und mit sehr kurzfristigen Verwertungsinteressen handeln, gibt es keinen Zweifel.

Private-Equity und Hedge-Fonds an die Kandare nehmen

Unternehmen kaufen, ausquetschen und schnell wieder verkaufen - das ist die Strategie der sogenannten Heuschrecken. Über den Tiervergleich mag man streiten. Aber an der Tatsache, dass viele Finanzinvestoren gemäß diesem Dreiklang und mit sehr kurzfristigen Verwertungsinteressen handeln, gibt es keinen Zweifel.

Auch in der Bundesrepublik sind Heuschrecken zunehmend aktiv. Vor allem Private-Equity-Fonds verfolgen bei ihren Unternehmensbeteiligungen häufig Anlagestrategien, die darauf zielen, in möglichst kurzer Zeit sehr hohe Renditen auf das angelegte Kapital zu erzielen. Dabei spielt die langfristige Perspektive der Unternehmen nur eine untergeordnete Rolle.

Auch Hedge-Fonds bedienen sich zunehmend dieser Strategien, indem sie einen „shareholder activism“ betreiben. Dabei kaufen sie sich mit kleinen Anteilen in große börsennotierte Konzerne ein, deren Aktienkapital breit gestreut ist. In derartigen Konzernen genügt oft schon ein kleiner Kapitalanteil, um erheblichen Einfluss auf das Management auszuüben, wie der Fall von Blackstone als Anteilseigner der Deutschen Telekom zeigt.

Wenn mehrere Hedge-Fonds gemeinsam solche Kapitalanteile kaufen, können sie leicht zur dominierenden Macht in großen Konzernen werden und die Geschäftspolitik nach ihren Interessen lenken. Ein Beispiel ist die Deutsche Börse AG. Sie wurde durch Hedge-Fonds in ihren strategischen Möglichkeiten erheblich eingeengt.

Mit dem Begriff „Heuschrecken“ für diese Finanzinvestoren ist in der Regel ein bestimmtes Geschäftsmodell gemeint. Zentrale Elemente dieses Geschäftsmodells sind ein extrem mit Krediten finanzierter Kauf von Unternehmen, die anschließende Aufbürdung der Kredite auf diese Unternehmen und ihre anschließende Umstrukturierung. Dies geht zu Lasten zukunftsweisender technisch-organisatorischer Innovation sowie der Qualität und der Sicherheit der Beschäftigung.

Das eigentliche Ziel ist nicht die längerfristige Unternehmensentwicklung, sondern eine möglichst kurzfristige Maximalrendite. Häufig ziehen die neuen Eigentümer kurzfristig Eigenkapital aus dem Unternehmen ab, filettieren es und verkaufen seine Einzelteile. Alternativ werden die gekauften Unternehmen als Ganzes mit möglichst hohem Gewinn entweder an der Börse oder an einen strategischen Investor beziehungsweise an eine andere Private-Equity-Firma weiterverkauft.

Die kurzfristige Renditemaximierung von Finanzinvestoren ist nicht nur eine Gefahr für Innovation und Beschäftigung in den betroffenen Unternehmen, sondern auch für die Stabilität der internationalen Finanzmärkte, da die Fonds mit einem riskanten Kredithebel arbeiten. Nicht nur die Unternehmensbeteiligungen werden von Hedge-Fonds auf Pump getätigt, sondern auch Spekulations- und Arbitragegeschäfte.

Die mit dieser exzessiven Kreditfinanzierung verbundenen Gefahren zeigen sich eindrucksvoll im Rahmen der anhaltenden Finanzmarktkrise. Sie hat bereits mehrere Banken in Mitleidenschaft gezogen und wurde vom Kollaps einiger Hedge-Fonds mit ausgelöst. Zwar hat diese Krise den positiven Nebeneffekt, dass sich die Kreditaufnahme von Private-Equity- und Hedge-Fonds deutlich verteuert. Falsch aber wäre die Schlussfolgerung, dass „Heuschrecken“ eine Plage von gestern sind. Im Gegenteil: Gerade weil die Schönwetterperioden des Geschäftsmodells vorbei sein dürften, werden die Zeiten härter. Um die geforderten Renditen zu erzielen, könnte sich die Gangart gegenüber den Unternehmen und Beschäftigten zusätzlich verschärfen.

Ungeachtet der negativen Auswirkungen genießen Private-Equity-Fonds in Deutschland umfassende steuerliche Privilegien. Die sehr hohen Gewinne von Finanzinvestoren sind zwar nur zu einem kleinen Teil diesen Steuervergünstigungen geschuldet. Sie sind aber ein wesentliches Moment für die Entscheidung, ob ein Fonds nicht nur Übernahmeaktivitäten in Deutschland vornimmt, sondern sich auch mit dem Geschäftssitz in Deutschland niederlässt. Ohne diese Privilegien jedenfalls würden - nach Aussagen der Branche - Ausländer deutlich seltener in Fonds investieren, die in Deutschland ihren Sitz haben.

„Heuschrecken“ sind nicht - wie der Begriff suggeriert - als naturwüchsige Plage über die Unternehmen und Beschäftigten hergefallen. Sie sind vielmehr nach Deutschland gelockt worden, nicht zuletzt durch Steuergeschenke und Änderungen der Kapitalmarktgesetze. Dadurch sind neue und aggressivere Strategien der Erschließung von Profitquellen entstanden.

Der Freibrief für „Heuschrecken“ ist Teil einer insgesamt verfehlten Finanzpolitik mit katastrophalen Folgen. Gegenwärtig überschlagen sich die Hiobsbotschaften. Immer neue, riskantere Finanzkonstruktionen, betrügerische Machenschaften und Verluste unterschiedlicher Finanzmarktakteure werden publik. Eine abschließende Bewertung der Ursachen, Entwicklungen und Folgen der Strukturveränderungen auf den Finanzmärkten unter Berücksichtigung der aktuellen Entwicklungen scheint aktuell kaum möglich. Trotzdem lassen sich einige wesentliche Entwicklungsmerkmale wie folgt charakterisieren:

  • Die verschiedenen Segmente der Finanzmärkte haben seit Anfang 2000 eine rasante Entwicklung vollzogen. So hat sich der Handel mit Aktien und Devisen nahezu verdoppelt. Der Derivatehandel hat sich verdreifacht. Das Gewicht der Finanzmärkte nimmt also relativ und absolut zu.
  • Die Umverteilung von unten nach oben, die skandalösen Steuergeschenke an Unternehmen und Vermögende und die Privatisierung der Rentenversicherung haben die Finanzmärkte mit Liquidität überschwemmt.
  • Die hohe Liquidität auf den Finanzmärkten und die damit verbundenen niedrigen Zinsen führten zu einer exzessiven Kreditausweitung sowohl im Bereich der Unternehmensübernahmen als auch - wie die US-Immobilienkrise zeigt - in weiteren Marktsegmenten. Eine maßgebliche Rolle spielten dabei risikoreiche Finanzinnovationen wie Kreditverbriefungen. Dieser Weiterverkauf von Krediten durch die Banken ermöglichte es, durch die Transformation von Kreditportfolios von minderer in höhere Qualität (sogenannte Strukturierung) die Kreditvergabestandards deutlich zu senken. Hinzu kam eine Fristentransformation durch Quasi-Banken (Zweckgesellschaften), die im Gegensatz zu den Banken keine Eigenkapitalunterlegung erforderten. Beides führte zu einer enormen Ausweitung des Kreditvolumens. Die Instabilität des Gesamtsystems wird dadurch - wie die aktuellen Turbulenzen offenbaren - massiv gesteigert.
  • Mit dem zunehmenden Gewicht der Finanzmärkte ist eine Machtverschiebung innerhalb der Ökonomie verbunden. Banken, Versicherungen, Pensionsfonds, und Investmentfonds verschiedener Art geben den Ton an. Auf sie entfielen 2006 drei Viertel der insgesamt 80 Billionen Dollar privaten Finanzvermögens. Für sie ist ein Unternehmen eine Veranstaltung von Eigentümern für Eigentümer. Für die Realwirtschaft heißt das: Zum einen steigt der Einfluss der Finanzinvestoren auf die Unternehmensstrategien. Zum anderen orientiert sich das Unternehmensmanagement zunehmend an den kurzfristigen Orientierungen der Finanzmärkte (Shareholder Value).
  • Die Instabilität von Aktien- und Devisenkursen sowie Zinssätzen steigert die Unsicherheit langfristig orientierter Realinvestitionen. Es werden nur solche Realinvestitionen getätigt, die hohe Risikoprämien bieten.


Trotz dieser umfassenden Finanzmarktproblematik ist es gerechtfertigt, Hedge-Fonds und Private-Equity-Fonds eigenständig unter die Lupe zunehmen: Sie bilden - auch wenn ihr Gesamtvolumen verhältnismäßig gering ist - mit ihren Zielen von meist über 20 Prozent Eigenkapitalrendite die Speerspitze unter den Finanzinvestoren.

Strittig ist zwar, ob diese hohen Renditeerwartungen ausschließlich die Prämie für ein höheres Verlustrisiko wiedergeben oder ob sie tatsächlich jenseits der Risikoprämie eine neue Form besonders aggressiven und gierigen Kapitals zum Ausdruck bringen. Zweifellos lösen viele der Fonds ihre hohen Renditeziele nicht ein. Aber erfolgreiche Fonds feiern sich gern öffentlich und befeuern die Jagd nach absurd hohen Renditezielen.

Auf diese Weise führen die hohen Renditeziele von Private-Equity- und Hedge-Fonds zu höheren Renditeansprüchen auch bei anderen Anlegern. Der Appetit kommt gewissermaßen beim Essen, viel Essen macht dann umso mehr Appetit. Die Fonds setzen daher die Messlatte für andere Unternehmen und Investoren, die sich in der Folge gezwungen sehen, ebenfalls auf Kosten von Investitionen und Beschäftigten kurzfristig die Gewinne zu steigern.

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