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Wissenswanderung in der Medizin

Nachricht von Birgit Wöllert,

Es galt noch bis vor wenigen Jahren als ausgemacht, dass aus Deutschland deutlich mehr ausgebildete Medizinerinnen und Mediziner aus- als einwandern. Eine ganze Reihe von neueren Pressebeiträgen lassen vermuten, dass sich diese Situation vor allem im Bereich der im Krankenhaus angestellten Ärztinnen und Ärzte geändert hat. Zudem kommt eine wissenschaftliche Untersuchung vom Herbst 2013 zu dem Schluss, dass für Deutschland zumindest bis „2010 von einem positiven kumulierten Wanderungssaldo von schätzungsweise 7.000 Medizinern auszugehen“ ist.

Diese Art von Zuwanderung verursacht in den Herkunftsländern allerdings hohe Kosten, auch besteht die Gefahr, dass dort Lücken in der gesundheitlichen Versorgung gerissen werden. Dennoch gibt es Hinweise, dass von deutscher Seite eine aktive Abwerbung betrieben wird, ohne dass diese von deutscher Seite mit als hinreichend einzuschätzenden Kompensationsleistungen begleitet wird.

Wir haben deshalb die Bundesregierung nach den aktuellen Zahlen gefragt, wobei uns besonders interessierte, in und aus welchen Regionen Wanderungsbewegungen stattfinden und welche möglichen und tatsächlichen Folgen diese Brain-Drain genannte Abwanderung von Fachkräften sowohl in Deutschland als auch in den Herkunfts- und Einwanderungsländern hat. Die Antworten der Bundesregierung sind in mehrerlei Hinsicht überraschend. Laut dieser haben zwischen 2007 und 2012 16.882 Ärztinnen und Ärzte Deutschland verlassen; wird unterstellt, dass die Anzahl der Abgewanderten jedes Jahr gleich hoch ist, wären das 3.377 pro Jahr. Dem stehen laut Bundesregierung im gleichen Zeitraum 11.500 Zuwanderungen gegenüber. Das wäre in Summe eine Netto-Abwanderung aus Deutschland von rund 5.400 Menschen.

Hauptzielland der Abwanderung aus Deutschland ist mit Abstand die Schweiz (4.269), gefolgt von Österreich (1.659), USA (1.041) und Großbritannien (605). Hauptherkunftsländer der nach Deutschland einwandernden Medizinerinnen und Mediziner sind aktuell Rumänien (711), Österreich (603), die Russische Föderation (546), Syrien (318), Griechenland (306), Ungarn (303) und die Ukraine (252) – also abgesehen von Österreich insbesondere Länder, in denen Krieg, Gesellschafts- oder Wirtschaftskrisen herrschen.

Bemerkenswert ist, dass die Zahl der jährlich zugewanderten Ärztinnen und Ärzte deutlich angestiegen ist: Sie wächst zwischen 2000 und 2008 um rund 2 und 8 Prozent, ab 2009 steigt sie dann auf über 9 Prozent, um ab 2011 auf über 12 Prozent zu steigen. Aufgrund dieser Anstiege wuchs die Zuwanderung im Jahr 2012 auf 3.700 Medizinerinnen und Mediziner an. Unterstellt man wie oben eine Gleichverteilung (ca. 3.377 aus Deutschland abgewanderte Ärztinnen und Ärzte/Jahr), hätte Deutschland auch auf Basis der Angaben der Bundesregierung ab 2012 eine Netto-Zuwanderung zu verzeichnen – und würde somit von der teuren Medizinerinnen- und Medizinerausbildung in anderen, vor allem ärmeren Ländern profitieren.

Die Kosten eines Medizinstudiums betragen in Deutschland nach Angaben der Bundesregierung ca. 190.000 Euro. Selbst wenn man mit viel Optimismus davon ausgeht, dass in den Herkunftsländern über den eigenen Bedarf ausgebildet wird und durch die Abwanderung daher in den eigenen Gesundheitssystemen keine Lücken gerissen werden, so handelt es sich doch um eine Subventionierung, die inakzeptabel ist, da sie fast ausnahmslos durch Länder mit deutlich niedrigerem Wohlstandsniveau erfolgt.

Unterstützt wird die Einwanderung von Fachkräften einschließlich in medizinischen Fachberufen laut Bundesregierung durch das deutsche Pilotprogramm „MobiPro-EU“ sowie auf EU-Ebene im Rahmen des EURES-Netzwerkes. Beteiligt sind von deutscher Seite verschiedene Ministerien sowie die Bundesagentur für Arbeit und die Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ). Die Mittel sind u.a. „regelmäßig Mobilitätsmessen“, die Website www.make-it-in-germany.com sowie finanzielle Unterstützungen und Kostenerstattungen.

Laut Bundesregierung hält diese mit den Mitgliedsstaaten der EU „engen Kontakt“, um die Auswirkungen der Abwanderung „zu analysieren“. Auf internationaler Ebene wird bei der Anwerbung der Verhaltenskodex der Weltgesundheitsorganisation „berücksichtigt“; unterlassen werden Anwerbungen in Indien und Indonesien. Rückkehrwilligen Fachkräften stehen Beratungs- und Vermittlungsdienstleistungen des Centrums für internationale Migration und Entwicklung (CIM) zur Verfügung; zudem sind in 19 Ländern Beraterinnen und Berater zur Unterstützung rückkehrwilliger Fachkräfte tätig. Darüber hinausgehenden Handlungsbedarf für Anstrengungen zur Unterstützung der Herkunftsländer sieht die Bundesregierung nicht.

Der Anteil der zugewanderten Ärztinnen und Ärzte in Deutschland hat sich in den letzten Jahren verdoppelt, mit 8,1 Prozent haben mittlerweile gut 28.000 von rund 349.000 berufstätigen Ärztinnen und Ärzten keine deutsche Staatsbürgerschaft. Für die gesundheitliche Versorgung leisten sie damit einen wichtigen Beitrag.

Aus der Antwort geht auch hervor, dass die neuzugewanderten Ärztinnen und Ärzte nahezu ausnahmslos im stationären Bereich eine Arbeit aufnehmen. Dort, wo Deutschland Versorgungsprobleme aufgrund ungleicher Verteilung der Ärztinnen und Ärzte hat, nämlich im ambulanten Bereich, stehen die zugewanderten Ärztinnen und Ärzte nicht zur Verfügung. Um an der Versorgungsproblematik etwas zu ändern, muss das Studium der Allgemeinmedizin attraktiver werden, müssen in der Bedarfsplanung neue Wege beschritten und andere Versorgungskonzepte als das Niederlassungsmodell verstärkt zur Anwendung kommen, beispielsweise Medizinische Versorgungszentren und Polikliniken.

linksfraktion.de, 22. April 2014