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»Wir sind mindestens genauso gut wie die Männer«

Interview der Woche von Dagmar Enkelmann,

Dagmar Enkelmann, parlamentarische Geschäftsführerin der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag, im Interview der Woche über Frauenquoten und echte gesellschaftliche Gleichstellung.

 

 

Dagmar Enkelmann, der Bundestag hat über die Frauenquote für Aufsichtsräte abgestimmt. Das Gezerre um Prozente und Zeitpunkte im Vorfeld war groß. Wie haben Sie als Parlamentarische Geschäftsführerin der Fraktion die Vorgänge rund um die Debatte erlebt?

Nach der Berliner Erklärung vom Dezember 2011 hatte es ja wirklich die Hoffnung auf ein breites überparteiliches Bündnis für eine gesetzliche Quote gegeben. Dieses Bündnis ist am Ende an den parlamentarischen Machtregeln, an der Koalitionsdisziplin gescheitert. Dabei ging es nicht einmal um eine Revolution. Der Einstieg mit der 20-Prozent-Quote war ein großzügiger Kompromiss von Seiten der Opposition. Selbst dem haben sich die Abgeordneten der Koalition am Ende verweigert. Die Debatte selbst war naiv und heuchlerisch, wenn beispielsweise behauptet wurde, es sei das ureigenste Interesse der Unternehmen, nach den Besten Ausschau zu halten und nicht nach Frauen, weil sie zahlenmäßig als Nächstes dran sind. Die Besten sind aus der Sicht der Unternehmen noch immer diejenigen, die rund um die Uhr flexibel verfügbar sind, keine Kinder oder zu pflegende Angehörige oder andere lästige Verpflichtungen haben.  Diese "Kriterien" können Frauen oft schlecht erfüllen oder lehnen sie  - zu recht - ab.

Räumen Sie einer Frauenquote in absehbarer Zeit noch Chancen ein?

Die Quote bleibt eine unverzichtbare Forderung, eine wichtiges Hilfsmittel. Das hat der jahrelange Kampf um die Gleichberechtigung gezeigt. Spätestens nach der Bundestagswahl wird sie - früher oder später - auch wieder auf der Tagesordnung des Parlaments stehen. Es gibt keinen Grund, die Köpfe jetzt hängen zu lassen. Auch wenn die Quote vorerst nicht durchgesetzt werden konnte, zeigt schon die Debatte um sie Wirkung. Unternehmen oder Branchen, in denen  Frauen noch immer am Katzentisch sitzen, geraten mehr und mehr unter Rechtfertigungsdruck. Das Problem, die Vereinbarkeit vom Beruf und Familie zu ermöglich, können sie aber auch nicht allein lösen. Da ist nach wie vor die Politik gefragt.
 
Weshalb ist eine Frauenquote für Führungsgremien großer Unternehmen so wichtig? Haben davon nicht nur wenige, ohnehin privilegierte Frauen etwas?

Ob Frauen, die es an die Spitze großer Unternehmen geschafft haben, privilegiert sind oder ob sie dafür nicht oft einen hohen Preis zahlen, sei einmal dahingestellt - klar ist aber, dass solche Frauen ein wichtiges gesellschaftliches Signal senden: Wir sind mindestens genauso gut wie die Männer, wir stehen an der Spitze und wir haben etwas zu sagen und zu entscheiden. Das macht anderen Frauen Mut, ebenfalls ihren eigenen Weg zu gehen, egal in welchem Beruf oder in welcher Branche. Darauf kommt es an. Auch bei einer 50-Prozent-Quote, wie DIE LINKE sie fordert, wird und kann nicht jede Frau an die Spitze kommen können. Das ist auch gar nicht notwendig. Worum es geht, ist wirkliche, reale Gleichstellung in allen Lebensbereichen.   
 
Welche Erfahrungen haben Sie persönlich gemacht? DIE LINKE setzt ja Gleichstellung per Quote konsequent um.
 
Formal ist die Gleichstellung bei der LINKEN sehr weit fortgeschritten. Die Quote bei der Aufstellung der Listen zur Bundestagswahl hat z.B.  dafür gesorgt, dass  in unserer Bundestagsfraktion die Frauen die Mehrheit haben und, wenn sie sich einig sind, die Männer immer überstimmen könnten. Dazu kommen noch die Rechte, die das Frauenplenum in der Fraktion hat. Das ist übrigens einzigartig unter den Bundestagsfraktionen.
Ich stelle aber auch fest, dass Veranstaltungen bei der LINKEN früher schon einmal kinder- und familienfreundlicher terminiert und gestaltet waren. Diese Erfahrungen sollten wir wieder aufgreifen.
 
Sie haben eine Menge erreicht - beruflich wie privat. Das war sicher nicht immer einfach, unter einen Hut zu bekommen. Wie haben Sie das geschafft und wo hätten Sie sich andere Umstände gewünscht?

Zu schaffen war und ist das nur, weil ich von der Familie viel Unterstützung bekommen habe. Auch muss man seine Zeit gut planen. Aus allen drei Kindern, die ich habe und die inzwischen erwachsen sind, ist etwas geworden. Aber ich hätte mir schon gewünscht, für sie manchmal mehr Zeit gehabt zu haben.
 
Was müsste sich heute gesellschaftlich ändern, damit Frauen tatsächlich Männern gleichgestellt sind - und nicht einen zu hohen Preis dafür zahlen?
 
Das Einzige, was sich absehbar nicht ändern wird, ist, dass Frauen die Kinder bekommen müssen. Diesem Umstand muss die Gleichstellungspolitik in jeder Hinsicht Rechnung tragen - angefangen von ausreichenden Betreuungsmöglichkeiten bis hin z.B. zur Höhe des Kindergeldes. Es darf nicht sein, dass z.B. Alleinerziehende, die meistens ja Frauen sind, allein aufgrund ihrer Kinder armutsgefährdet sind, selbst wenn sie Vollzeit arbeiten gehen. Notwendig sind auch flexible, familienfreundliche Arbeitszeiten, damit sich z.B. auch Männer um Kinder kümmern und gleichberechtigt Familienarbeit leisten können. Frauen brauchen - u.a. nach der Geburtspause - Erleichterungen für den beruflichen Wiedereinstieg, für ihre Qualifizierung oder auch den Wechsel in eine andere Arbeit.  
 
linksfraktion.de, 29. April 2013

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