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Wie Europa gerade noch einmal davon kam

Im Wortlaut von Katja Kipping,

 

Ein Blick in die Vergangenheit der Zukunft von Katja Kipping;
erscheint in Clara #32 (5/2014)

 

»Die Fortschritte von Robotik und Computertechnologie haben die Arbeitswelt vollständig verändert. An Stelle von JuristInnen prüfen komplexe Algorithmen, ob Angeklagte durch ihr Handeln gegen Gesetze verstoßen haben. Sie prüfen ohne Ermüdung und Vorurteil. In der Pflege haben sogenannte CareBots(TM) die Arbeit übernommen. Sie füttern, windeln und waschen. Sie brauchen keine Pausen und kennen keinen Ekel. Sie erkennen die Mimik ihres Gegenübers und richten ihre eigene danach aus.«

 

Lan hört auf zu lesen und schüttelt den Kopf. Sie legt meinen uralten E-Reader mit Zeitungsartikeln aus Focusspiegelwirtschaftswoche und verschiedenen Zukunftsstudien aus dem Jahre 2014 beiseite. »Ich versuche ja den damaligen Zeitgeist zu verstehen und nicht aus meiner heutigen Perspektive zu verurteilen. Trotzdem frage ich mich: Wieso waren die Zukunftsvisionen so beschränkt und geradezu brutal?«

 

Wie erkläre ich diese mir selbst fern gewordene damalige Gegenwart Europas einer angehenden Historikerin, die 2014 geboren wurde, also gerade mal Anfang zwanzig ist. »Zukunftsvisionen projizieren oft die gesellschaftlichen Widersprüche ihrer Zeit in die Zukunft«, setze ich an. »Die durch diese Widersprüche hervorgerufenen existenziellen Ängste versuchen AutorInnen von futurologischen Texten mit der Fortschreibung existierender Technologien im Zaum zu halten. Paradoxerweise lösen sie den Widerspruch damit nicht auf, sondern verschärfen ihn noch.«

 

Meine Gedanken sind jetzt zurück im Jahr 2014. Die Regierungserklärungen waren damals eigentlich immer gleich. Die Gesichter, die sie verlasen, waren mit den Jahren verblasst. Der Text hatte sich mir aber eingeprägt. »Wir müssen die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands sichern!«, donnerte es schmerzhaft in meinem Kopf. Ausbuchstabiert hieß das: Arbeitskraft sollte weniger kosten als bei den europäischen Nachbarn. Alte, Kranke, Erwerbsarbeitslose sollten weniger Geld kosten. Lan hatte recht. Besonders kreativ war das wirklich nicht.

 

»Aber der Text wurde doch von zwei Männern geschrieben, die nicht krank, arm oder alt waren«, Lan reißt mich aus meinen Gedanken. »Menschliche Arbeit wurde als Kostenfaktor gedacht. Auch die damaligen Mittelschichten wie die angesprochenen JuristInnen hatten Furcht, ihre Arbeitskraft sei bald ersetzbar. Daran hing aber nicht nur das materielle, sondern auch das soziale Überleben: Status, Selbstbilder, soziale Anerkennung, gesellschaftliche Integration – solche Dinge halt. Das Ziel war nicht das Nachdenken über eine lebenswerte Zukunft, sondern wie optimiert man sich selbst, damit man auf dem Markt nicht ›überflüssig‹ wird. Die Idee der CareBots(TM) ist die Kehrseite. Hast Du die Abscheu vor dem menschlichen Leib, diesen ›Ekel‹ vor dem Körperlichen bemerkt, der diese Texte durchdringt? Das ist die schiere Angst vor dem ›Überflüssigwerden‹, dass niemand da ist, der sich um einen kümmert, wenn man es braucht. Weil die Gesellschaft keine Infrastruktur mehr bereitstellt, die Pflegekassen leergespart sind. Es zeichnete sich damals bereits ab, dass verbreitete ›Lösungen‹ – Au-pairs oder gering bezahlte Pflegerinnen aus anderen europäischen Ländern – kein Ausweg aus der Misere waren. Der Text sagt: Hauptsache, es ist überhaupt noch jemand da, und wenn es ein Roboter ist.« »Aber diese Maschinen sind doch auch heute noch aufwendig herzustellen. Ohne kollektive Verfügung sind sie doch nach wie vor nur für sehr Wohlhabende erschwinglich. Zeit und Zuwendung vermögen sie ohnehin nicht zu ersetzen«, wendet Lan ein. »Deswegen ist es ja auch nur Ideologie«, erwidere ich und muss unwillkürlich lächeln. Mit Logik kannst du ihr nur schwer beikommen. Außerdem ging es bei solchen Visionen immer auch um das Einwerben von Kapital oder Fördergeldern. Das sagte ich nicht laut. Es hätte meine ohnehin schon komplizierten Erklärungen für Lan noch unverständlicher gemacht.

 

In dem Maße wie es Deutschland damals gelang, seine Nachbarn niederzukonkurrieren, wurden die Folgen unkalkulierbar. Ganze Staaten begannen im Süden Europas zu kollabieren. Anfangs profitierten einige in Deutschland davon. Aus den neu-verarmten Regionen strömten gut ausgebildete junge Menschen nach Norden. Die Regierung in Deutschland musste weniger Zinsen für Kredite zahlen, und der Finanzminister freute sich über Zinsen aus den »Hilfs«krediten für südeuropäische Länder. Bis die europäische Krise permanent geworden war.

 

Die nächste Frage von Lan hatte ich bereits geahnt. »Aber wieso haben sich die EuropäerInnen nicht dagegen gewehrt?« Wie sollte man das jungen Menschen erklären. »›Die Europäer‹ gab es damals nicht. Höchstens in Abgrenzung gegen Nichteuropäer. Europa war ein Europa der Eliten. Das Parlament war noch schwach, an eine europäische Sozialpolitik war nicht zu denken. Dinge, die heute selbstverständlich sind, ein europäischer Mindestlohn, europäische Mindestnormen für die Grundversorgung mit Wohnraum, Energie und Netzzugang waren damals Zukunftsmusik. Diese Dinge standen zwar als Forderungen in unserem Wahlprogramm, aber auch unter uns Linken hielten das viele für Träumerei. Europa war vielen nur ein Wirrwarr von Verträgen. Oft war selbst ExpertInnen unklar, wer was, wann, wie entschieden hatte. Nicht zu vergessen: Brüssel war damals eine große Spielwiese für LobbyistInnen. Viel Energie floss in Abwehrkämpfe, denn es gab nicht nur uns, sondern auch noch andere ›Alternativen‹. Zum Beispiel jene, die in der heutigen Forschung als Nationalisten bezeichnet werden. Sie waren noch radikaler als die Futurologen. Sie projizierten die Vergangenheit in die Zukunft. Ihre ›Alternative‹ hieß Deutschland. Auf ihre Art waren sie konsequent. Sie glaubten: Wenn man die europäischen Nachbarn niederkonkurrieren will, muss man das entschlossener machen. Statt Kooperation wollten sie Abschottung, Grenzen, eine nationale Währung. Sie kämpften gleichermaßen leidenschaftlich gegen die gemeinsame europäische Politik wie gegen den Sozialstaat.« Lan schüttelt ungläubig den Kopf. »Dann gab es die, die wir in der Rückschau als Fossilisten bezeichnen. Auch die projizierten die Vergangenheit in die Zukunft. Anders als den Nationalisten waren ihnen soziale Fragen wichtig. Aber sie versuchten, sie mit den Mitteln des 20. Jahrhunderts zu lösen. Die technischen Umbrüche und ihre sozialen Folgen wollten sie durch die Konservierung historischer Technologien wie der Kohleverfeuerung abmildern. Sie gingen in ihren Prognosen damals sogar davon aus, dass wir heute noch mehr Kohle als 2010 für die Energiegewinnung verwenden würden. Der Schock für die ArbeiterInnen im Kohlebergbau kam dann ein paar Jahre später. Mit den ökologischen Folgen kämpfen wir ja noch heute.« »Schrecklich! Und wer waren diese Transparenzler, über die ich neulich gelesen habe?« »Das ist aber kein Quellenbegriff«, bemerke ich. »In Fragen von Demokratisierung und Transparenz gab es sogar einige Überschneidungen. Aber viele von ihnen hatten ein sehr naives Technikvertrauen. Sie glaubten, wenn man mit den richtigen Technologien alles nur gut und rational organisieren würde, wäre die Gesellschaft schon lebenswert. Eigentum und Verteilung interessierte sie nur in Bezug auf immaterielle Güter, Musik, Filme, Software ... Reproduktion interessierte sie gar nicht. Wo die Geräte herkamen, die wir heute so selbstverständlich nutzen, 4D-Drucker, Zeitstrecker, Neo-Extelopädien, wussten sie oft nicht. Die Bedingungen, unter denen sie produziert wurden, die Herkunft der Rohstoffe, der Energieverbrauch, all das war ihnen nicht bewusst.«

 

»Eigentlich erstaunlich, dass dann doch alles ganz anders gekommen ist.« Ich muss lächeln, »›gekommen‹ ist etwas vereinfacht. Aber du hast Recht. Wenn man sich vorstellt, was alles hätte passieren können. Gut, dass Europa noch einmal so davon gekommen ist.«

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