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Weniger Föderalismus?

Im Wortlaut von Kirsten Tackmann,

Kirsten Tackmann im Neuen Deutschland über Maßnahmen gegen die Vogelgrippe.

ND: Die Vogelgrippe hält uns weiter in Atem. Was rät die Politikerin, was schnellstens getan werden muss, um sie unter Kontrolle zu bringen und die Menschen zu schützen?

Tackmann: Die Politik muss jetzt dringend mit Blick auf die bevorstehende Rückkehr der Zugvögel aus dem Süden die Notfallpläne der aktuellen Situation anpassen. Wir wissen jetzt, dass ein Infektionsrisiko für Nutzgeflügel aus den Wildvogelpolulationen kommt. Zu dieser Anpassung gehört, dass die Untersuchungskapazitäten auf so genannte Indikatorspezies konzentriert werden, also auf Vogelarten, bei denen eine Infektion am wahrscheinlichsten ist. Dazu gehört auch, dass tote Tiere schnell geborgen, die Hilfskräfte bestmöglich geschützt werden. Also keine Panikmache. Trotzdem: Das Infektionsrisiko für Menschen ist zwar eher gering, aber es besteht.

Und was rät die Veterinärmedizinerin?

Darüber hinausgehend habe ich grundsätzliche Forderungen: Die wissenschaftlichen Kapazitäten zur Untersuchung der Rolle von Wildtieren als Reservoir von Infektionskrankheiten müssen deutlich erweitert werden. Wildbiologische und epidemiologische Forschung ist zu verstärken. Da bestehen unübersehbare Defizite. Das wird zur Schlüsselfrage für die Zukunft. Hinzukommt die Prüfung von Präventionsmaßnahmen, beispielsweise von Impfstrategien, die der besonderen Situation angepasst sind.

Impfung ist also sinnvoll?

Ja und nein. Es gibt gute Argumente gegen eine Impfung. Influenza-Viren sind genetisch hoch variabel. Die Wirksamkeit der verfügbaren Impfstoffe ist begrenzt. Bei Großbetrieben sind sie keine wirkliche Option. Ich plädiere aber bei einer langfristig bestehenden Infektionsgefahr dafür, sie in wertvollen Zuchtbeständen sowie kleinen und Kleinstbeständen (Eigenverbrauch) zu prüfen. In einer solchen Situation stünden diese Geflügelhaltungen wie die Freilandhaltung grundsätzlich in Frage.

Sie haben im Zusammenhang mit den Vorsichtsmaßnahmen den Föderalismus als hemmend kritisiert. Wurde Mecklenburg-Vorpommern mit dem Problem vom Bund zu lange allein gelassen und hat wiederum der Agrarminister des Landes der Landrätin auf Rügen die alleinige Verantwortung aufgebürdet?

Weil sich Tierseuchen nicht an administrative Grenzen halten, wie wir an den neuesten Fällen sehen, kann ich nur fordern: weniger Föderalismus wagen! Zuerst einmal ist die Landrätin auf Rügen allein gelassen worden. In Mecklenburg-Vorpommern war man auf die Situation genauso wenig eingestellt wie anderswo wahrscheinlich auch. Jetzt gilt es, die Erfahrungen von Rügen intensiv zu nutzen. Auf jeden Fall darf sich die Bundesregierung nicht aus der Verantwortung stehlen. Statt sofort einen Bundeswehreinsatz zu fordern, hätten die notwendigen Ressourcen genutzt werden müssen.

Was meinen Sie damit?

Man zieht sich zu schnell auf die Bundeswehr als Helfer in der Not zurück. Warum sind die zivilen Kräfte nicht ebenso gut ausgebildet und damit in der Lage, die Situation zu meistern? Das dringend gebrauchte Mobile Bekämpfungszentrum gerät immer wieder in föderale Mühlen, ebenso das für bundesweite Koordination benötigte Handbuch für Tierseuchenbekämpfung. Außerdem darf die oft ehrenamtlich organisierte Vogelbeobachtung nicht in Frage gestellt werden. Und wir brauchen dringend ein Epidemiologisches Zentrum, wie es in Wusterhausen mit dem Institut für Epidemiologie zumindest in Grundzügen besteht.

Interview: Rosi Blaschke

Neues Deutschland, 1. März 2006

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