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Warum wurden Sie nicht gewählt?

Im Wortlaut,

DIE ZEIT sprach mit Lothar Bisky über seine gescheiterte Wahl zum Vizepräsidenten des Bundestages

Herr Bisky, als Kandidat für das Amt des Vizepräsidenten des Bundestages sind Sie in vier Wahlgängen gescheitert. Ihr Gesicht wirkte nach jeder weiteren Niederlage versteinerter. Konnten Sie nicht fassen, was da geschah?
Dass man mich nicht wählt, geht in Ordnung, ich bin Demokrat. Aber der ganze Vorgang war nicht fair. Man hätte mir andeuten können, dass es hoffnungslos ist. Es gab ja Beratungen in den Fraktionen, es gab Absprachen. Niemand hat mir etwas gesagt. Dabei habe ich angeboten, mich offenen Fragen der Fraktionen zu stellen. Aber es hat niemand gefragt. Die Antworten standen vorher fest. Das nenne ich Abstempeln.

Wie erklären Sie sich die Niederlage?
Einige wollten mich dafür abstrafen, dass ich Gregor Gysi zurückgeholt habe. Und Sozialdemokraten missfiel die Zusammenarbeit von PDS und WASG und dass die Linkspartei überhaupt in den Bundestag gekommen ist.

Einige Abgeordnete sagten, es sei eben eine Gewissensentscheidung gewesen. Es stand auch wieder die Frage im Raum, ob Sie inoffizieller Mitarbeiter der Stasi waren.
Das war ich nicht. Ich bin eben mit dem Makel des Ostens ausgestattet, der bleibt ein Leben lang haften. Auch wenn ich in der DDR ja nicht unkritisch war. Schon gar nicht als Rektor der Filmhochschule in Potsdam. Aber es ist schizophren. Gorbatschow oder der ehemalige KGB-Resident Putin werden hofiert, während die Linkspartei stigmatisiert wird. Ich hätte nicht gedacht, dass dies 15 Jahre nach der Einheit noch so sein könnte.

Selbst politische Gegner, Wolfgang Thierse etwa oder Jörg Schönbohm, haben Sie öffentlich bemitleidet.
Ich habe viele aufmunternde Zuschriften erhalten, vor allem aus den alten Bundesländern. Das hat mein Deutschlandbild verändert. Viele Leute haben die Abstimmungen als unfair empfunden. Mit Schönbohm habe ich bei allen politischen Differenzen auch Gemeinsamkeiten. Wir engagieren uns gegen Rechtsextremismus und Ausländerfeindlichkeit. Überrascht war ich auch von zahlreichen positiven Reaktionen von Abgeordneten anderer Parteien. Jürgen Trittin hat mich beispielsweise angerufen, das hat gut getan. Ich habe diese Niederlage für mich aufgearbeitet.

Wie haben Sie das geschafft?
Ich habe mir Filme von Stanley Kubrick angeguckt, unter anderem 2001 - Odyssee im Weltraum. Der Film lässt einen in die Unendlichkeit blicken. Man schwebt. Man merkt, wie wenig man eigentlich ist.

Man kann mit Kubrick abschalten?
Ja, mir ging mein Leben rückwärts durch den Kopf. Mir ist eingefallen, wie ich nach fast dreijähriger Pause 2003 wieder Parteivorsitzender wurde. Die PDS war an der Fünfprozenthürde gescheitert. Da haben mir selbst konservative Kollegen Respekt gezollt, weil ich ein sinkendes Schiff nicht verlassen habe. Einer sagte: "Als Käpt'n geht man als Letzter von Bord."

Wer hat das gesagt?
Das möchte ich nicht sagen, aber es war ein ganz hoher Mensch aus Bayern. Wenn nicht der höchste. Der Problem ist nur: Das Schiff ist nicht untergegangen. Und das wirft man mir heute vor. Übrigens hat die Linkspartei den CDU-Mann Norbert Lammert zum Bundestagspräsidenten mitgewählt.

Gibt es Dinge, die Sie an Angela Merkel schätzen?
Ja, sie ist sachlich, soweit ich das beurteilen kann.

Sie taugt nicht als Feindbild?
Ich brauche keine Feindbilder. Ich kann auf Leute wütend sein, aber ich muss sie nicht hassen. Das ist ein Glück der Wende. Früher hatte ich geradezu lächerliche Feindbilder: die Konservativen in der Bundesrepublik, dieser ganze Kalte Krieg ...

Haben Sie nach Ihrer jüngsten Niederlage daran gedacht, alles hinzuschmeißen?
Nein. Ich kann mehr schultern als früher. Kürzlich hat der Schriftsteller Christoph Hein, mit dem ich lange befreundet bin, zu mir gesagt: "Du bist der letzte Parteisoldat." Zuerst war ich erschrocken. Aber er meinte damit, ich sei jemand, der den Kopf hinhält für seine Überzeugungen, der auch Prügel einsteckt, die er gar nicht verdient hat. Mag stimmen, (lacht) So gesehen, bin ich wahrscheinlich der letzte Parteisoldat, der hier im Osten rumsteht.

Ihr neuer Partner Oskar Lafontaine hat die SPD ohne Angaben von Gründen als Parteichef im Stich gelassen ...
Das habe ich damals auch nicht verstanden. Aber dann habe ich seine Argumente gehört und konnte es nachvollziehen. Ich kann ausgesprochen gut mit ihm zusammenarbeiten. Er ist verlässlich. Er hat die Herzen der Mitglieder meiner Partei schon erobert.

Kann man aus Krisen lernen?
Ja. Vor fünf Jahren, als ich in die Wissenschaft zurückwollte, habe ich das Rauchen aufgegeben. Das war das Schlimmste, was ich hinter mich gebracht habe. Ich wollte mir beweisen, dass ich das kann. Letztlich hat mich die Disziplin geistiger Arbeit gerettet. Ich habe hart trainiert, den Kopf. Ich plante, wieder an der Filmhochschule zu arbeiten. Als Professor. Doch dann kam das katastrophale Wahlergebnis der PDS 2002.

Die Uni reizt Sie nicht mehr?
Schon, aber ich bin Realist, das ist endgültig vorbei.

Haben Sie in diesem Jahr Fehler gemacht, die Sie bereuen?
Es war ein Fehler, mich überhaupt aufstellen zu lassen zur Wahl des Vizepräsidenten. Für mein Selbstwertgefühl wäre es nicht nötig gewesen. Ich habe die Situation falsch eingeschätzt, weil ich dachte, die Bundesrepublik sei weiter.

Die Zeit, 21. Dezember 2005