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Warum wird Hilfe verschleppt?

Im Wortlaut von Ilja Seifert,

Ilja Seifert über den Umgang mit den Contergan-Geschädigten.

2800 Contergan-Geschädigte, deren Mütter in den 60er Jahren das gefährliche Schlafmittel nahmen, leiden an Spätfolgen. Was müsste für sie getan werden?

Neben einem besseren materiellen Nachteilsausgleich sind offizielle moralische Entschuldigungen für die Vergangenheit erforderlich: Da wäre als erstes die Firma Grünenthal, die Contergan auf den Markt brachte, und mit ihr die Vereinigung der pharmazeutischen Industrie, die sie selbst dann noch deckte, als die »Nebenwirkungen« längst bekannt waren. Aber auch die Bundesregierung und die Justiz spielten eine erbärmliche Rolle. Und in diesem Zusammenhang müsste endlich zugegeben werden, dass der »Vergleich« von damals sittenwidrig war.

Die Bundesregierung verdoppelte in diesem Jahr die Renten für die Betroffenen. Reicht das nicht?

Schon das Wort »Rente« ist falsch. Das sind Entschädigungszahlungen, Schmerzensgeld. Viele Betroffene mussten vorzeitig aufhören zu arbeiten, weil sie ihren Körper überbeanspruchten und überdehnten. Andere konnten nie arbeiten. Spätfolgen potenzieren Schmerzen und den Bedarf an Hilfe. Sie brauchen Unterstützung anderer Menschen im Alltagsleben und müssen verstärkte medizinische Behandlung bekommen. Als im vergangenen Jahr ein Spielfilm über den Contergan-Skandal im Fernsehen lief und es plötzlich große Empörung über den Umgang mit den Opfern gab, verdoppelte man diesen Betrag, aber er ist längst nicht bedarfsdeckend.

Um Ruhe zu haben?

Richtig, aber gleichzeitig wurde gesagt, dass dies nur der erste Schritt sein könne. Wenn man sich allerdings den Antrag anschaut, den CDU/CSU, SPD und FDP jetzt in den Bundestag einbrachten und über den heute im Familienausschuss debattiert wird, muss man zu dem Schluss kommen, dass weitere Hilfen auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschoben werden.

Im Grunde genommen wird in diesem Antrag nur der Auftrag erteilt, alles noch einmal zu prüfen.

Geprüft ist aber alles. Es gibt nur noch ein Umsetzungsproblem. Es geht darum, die behinderungsbedingten Nachteile auszugleichen, für die es im Falle der ConterganGeschädigten einen Schuldigen gibt, die Pharmafirma Grünenthal. Den Vergleich, der damals geschlossen wurde, halte ich für sittenwidrig. Erstens, weil er unter Druck zustande kam. Zweitens, weil er zu Lasten Dritter geht und drittens, weil die Betroffenen damals gar nichts zu sagen hatten. Sie waren um die zehn Jahre alt.

Kann man das noch ändern?

Man kann den Vergleich nicht ungeschehen machen, aber den noch lebenden Betroffenen schnell und wirklich angemessen helfen. Die Bundesregierung und die Firma Grünenthal sind hier in die Pflicht zu nehmen. Notwendig ist auch, dass die Betroffenen statt einer Stimme die Mehrheit in den Gremien der Contergan-Stiftung erhalten.

Warum engagieren Sie sich so stark für die Contergan-Opfer?

Für wen soll die LINKE denn da sein, wenn nicht für die »Schwachen«? Ich finde, die Conterganbetroffenen gehören dazu. Ich finde, dass sie im Antrag von CDU/CSU/SPD und FDP verhöhnt werden. Da lobt man einerseits ihre »Lebensleistung«, andererseits will man wiederholt prüfen, ob sie (mehr) Hilfe benötigen. Die Contergan-Opfer brauchen einen bedarfsdeckenden Nachteilausgleich, damit sie wie jeder andere Mensch am öffentlichen Leben teilhaben können. Das ist das Ziel. Das ist eine Frage des Menschenrechts und kein medizinisches oder karitatives Problem.

Interview: Silvia Ottow

Neues Deutschland, 17. Dezember 2008

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