Skip to main content

Vorgang Nummer N134

Im Wortlaut von Harald Weinberg,

Anlässlich der Vortragsreise von Dr. Habibe Erfan, die am 28. Oktober 2010 vor dem Kundus-Untersuchungsausschuss als Zeugin ausgesagt hat, erscheint an jedem Vortragstag ein neuer Artikel unserer Abgeordneten zum Thema Afghanistan, heute von Harald Weinberg, unter anderem Mitglied der Europäischen Versammlung für Sicherheit und Verteidigung.

Von Harald Weinberg

Am 4. September 2009 um 1:49 Uhr töteten zwei US-amerikanische Bomben auf Befehl des deutschen Oberst Klein mindestens 140 Menschen in der Nähe von Kundus. In der Verwaltungssprache der Bundeswehr hat dieses Massaker die Nummer N134. Alle Verfahren gegen Oberst Klein sind mittlerweile eingestellt worden. Ihn erwartet zur Belohnung eine Gehaltserhöhung von 800 € pro Monat. Unter den mitten im Fastenmonat Ramadan Getöteten waren mehr als zwei Dutzend Kinder und Jugendliche.

Das Verbrechen begann am 03.09.2009 um 15:30 Uhr Ortszeit. Aufständische hatten nur wenige Kilometer von dem Bundeswehrcamp zwei Tanklastzüge an einem Kontrollpunkt entführt. Die Entführer blieben aber mit den erbeuteten Fahrzeugen im Flussbett des Kundus stecken. In der Nacht funkten amerikanische Überwachungsflugzeuge Lagebilder in das deutsche Kommandozentrum, auf denen zwar eine große Ansammlung von Menschen zu erkennen war, aber nicht, ob sie Waffen trugen oder nicht. Das war Oberst Klein aber auch nicht wichtig: Er lehnte es ab, die amerikanischen Flugzeuge Scheinangriffe zur Warnung fliegen zu lassen und forderte die Bombardierung. Der deutsche Flugleitoffizier machte deutlich, dass die Bomben nicht auf die LKWs, sondern auf die Menschen dazwischen zielen sollen.

In den folgenden Tagen schloss die Bundesregierung zivile Opfer kategorisch aus: Die Zahl der Toten ließe sich nicht mehr genau feststellen, behauptete sie.

Dr. Habibe Erfan, afghanische Politikerin und Frauenrechtlerin, ist monatelang von Haus zu Haus gegangen, sie hat Interviews geführt und Dokumente gesammelt. Frau Erfan kann beweisen, dass sich mindestens 113 Zivilisten an den Tanklastern aufhielten, um Benzin für sich und ihre Familien zu holen. Dank Oberst Klein kam niemand von ihnen je wieder nach Hause. Heute, am 03.11.2010, berichtet Dr. Habibe Erfan als Zeugin dieses Verbrechens in München.

linksfraktion.de, 03.11.2010