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Vom Aussterben bedroht? Gefahren des Naturschutzes im Kongo-Becken

Nachricht von Eva Schreiber,

Nachbericht zum Fachgespräch am 25.6.2018

 

Von Eva-Maria Schreiber

 

Deutschland ist einer der wichtigsten Geldgeber für Schutzgebiete im Kongo-Becken. Diese Gebiete sind jedoch nicht nur Heimat von Gorillas, Elefanten oder Nashörnern, sondern auch vieler lokaler Gemeinschaften und indigener Völker. In einem kontroversen Fachgespräch diskutierte ich mit vier Podiumsgästen und ca. 50 Teilnehmer*innen, ob die Naturschutzstrategien der Bundesregierung, aber auch privater Organisationen wie des WWF, die Rechte und Bedürfnisse dieser Menschen stärken – oder ob sie zu einer weiteren Marginalisierung ohnehin schon benachteiligter Bevölkerungsgruppen beitragen.

„Wer schützt hier wen?“ - diese Frage wurde höchst unterschiedlich beantwortet. Simon Counsell von der Rainforest Foundation UK stellte die Ergebnisse einer Studie vor, die 34 Schutzgebiete im Kongo-Becken unter die Lupe genommen hatte. Die Ergebnisse waren ernüchternd: So sind in mindestens 26 der 34 Parks Vertreibungen dokumentiert. Eine Einbindung der lokalen Bevölkerung in die Schutzgebiete finde fast nie statt. Für Aufsehen sorgte Counsells Analyse, wonach die Schutzgebiete auch aus ökologischer Perspektive ein Misserfolg seien, da die Biodiversität in den meisten Parks zurückgehe. Freddie Weyman von Survival International prangerte in seinem Input insbesondere die Gewalt der Parkwächter gegenüber der lokalen Bevölkerung an. Zudem verwies er darauf, dass sowohl WWF als auch die Bundesregierung ihre eigenen menschenrechtlichen Ansprüche und Verpflichtungen in den Schutzgebieten fortwährend unterlaufen würden.

Dr. Ilka Herbinger vom WWF-Deutschland gestand zwar Probleme insbesondere bei der Teilhabe der Anwohner an Planung und Durchführung der Schutzkonzepte zu, verwies aber auch auf einige Projekte des WWF, die in enger Kooperation mit der lokalen Bevölkerung durchgeführt würden – beispielsweise bei der Lokalisierung von Gorilla-Populationen. Günter Nooke, Afrikabeauftragter der Bundesregierung, betonte, man sei vom Konzept der menschenleeren Naturparks im Kongo-Becken fast gänzlich abgekommen. Stattdessen setze die Bundesregierung nun auf das neue Paradigma des „Co-Managements“. Wie sich herausstellte, meinte er damit aber nicht die gemeinsame Betreuung der Schutzgebiete mit der lokalen Bevölkerung, sondern mit Organisationen wie dem WWF, der im Kongo-Becken neben der KfW und der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) auch als Durchführungsorganisation der staatlichen Entwicklungszusammenarbeit agiert.

In der anschließenden, zeitweise sehr emotionalen Diskussion wurde deutlich, wie schwer sich die Podiumsgäste taten, auch nur zu einer annähernd ähnlichen Einschätzung über die Lage in den Schutzgebieten zu kommen. Während Simon Counsell Bundesregierung und WWF vorwarf, im Gegensatz zu Lateinamerika im Kongo-Becken einen starken Top-Down-Ansatz zu verfolgen, der die Marginalisierung der lokalen Bevölkerung verstärke, konterte Dr. Herbinger, der WWF sei in der Region immerhin seit Jahrzehnten und tagtäglich vor Ort. Der WWF kenne somit die Probleme und Bedürfnisse der Menschen besser als NGOs, die nur einige Tage in die Gebiete reisen würden, um Missstände zu dokumentieren und Kampagnen zu starten. Ebenso wie Günter Nooke gab sie den Regierungen der afrikanischen Länder die Hauptschuld für Gewalt und Unterdrückung in den Schutzgebieten. Freddie Waymen hielt dem entgegen, dass die Schutzgebiete haupsächlich von Regierungen und Organisationen aus dem globalen Norden finanziert würden, und diese sich ihrer Verantwortung stellen müssten.

Gegen Ende der Veranstaltung forderte Simon Counsell eine radikale Neuausrichtung der Naturschutzpolitik im Kongo-Becken. Wichtige Schritte dahin seien eine unabhängige Evaluierung der bisherigen Ergebnisse. Freddie Wayman erinnerte noch einmal daran, dass schon viel erreicht sei, wenn Bundesregierung und WWF ihre eigenen Standards, wie den Menschenrechtsleitfaden des Entwicklungsministeriums, in den Schutzgebieten anwenden würden. Ilka Herbinger forderte von der Bundesregierung, bei den von ihr finanzierten Projekten den Organisationen mehr Zeit für die Planung dieser Projekte zuzugestehen, um somit auch lokale und indigene Gruppen besser berücksichtigen zu können. Günter Nooke endete mit der Bemerkung, in Afrika sei so eine kritische Veranstaltung wie diese sicher nicht durchführbar gewesen. Dies zeige, wo die wahren Probleme liegen würden.

Dies sehe ich etwas anders: Die Bundesregierung hat – als einer der Hauptfinanzierer von Schutzgebieten im Kongo-Becken auch eine wichtige Verantwortung für die Menschen vor Ort. Dass sie dieser Verantwortung nachkommt, dafür werde ich mich einsetzen – auch über das Fachgespräch hinaus.

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