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Verwüstete Seelen

Im Wortlaut von Wolfgang Gehrcke,

Bilder des Krieges brennen sich in die Seele ein. Am letzten Tag meines Aufenthalts in Beirut besuche ich das Hariri-Krankenhaus. Die Ärzte bringen uns zu einem 46-jährigen Taxifahrer, seiner Frau und seinen sechs Kindern. Cluster-Bomben aus den USA, abgeworfen aus einem Flugzeug der israelischen Luftwaffe, haben dem Vater die Beine abgerissen, die Gesichter seiner Kinder verwüstet. Fotografen machen Aufnahmen. Seine Frau hinter dem Rollstuhl wird laut. Der Arzt weigert sich, ihre Worte zu übersetzen, sie seien zu beleidigend, sagt er. Doch ich will sie verstehen. "Ihr sollt uns nicht fotografieren, ihr sollt uns helfen", wiederholt sie erregt.

Die größten Verwüstungen richtet dieser Krieg in den Seelen an. Als ob die Bomben Hass trügen. Hass zerstört, deformiert. Das ist wohl der höchste Preis. Der neue Nahost-Krieg wird nur scheinbar irgendwann Sieger und Besiegte haben. Es ist ein Krieg, in dem alle verlieren, bereits heute. Das ist eine schwere Bürde für die Zukunft, für alle Seiten. Diese Erfahrung hatte ich schon vor wenigen Wochen von meinem Besuch in Israel und in den palästinensischen Gebieten mitgebracht.

Zurzeit sind etwa 800 000 Libanesen auf der Flucht, fast ein Viertel der Bevölkerung. Die wenigsten schaffen es ins Ausland, ein Weg, der den Ausländern im Libanon offen stand. Bevorzugter Fluchtort sind die christlichen Stadtviertel im Norden Beiruts. Sie gelten als relativ sicher. Die arabischen Viertel im Süden der Hauptstadt liegen unter israelischem Raketenbeschuss und Bombenangriffen. Zerstörte Straßen und Wohnblocks bestimmen hier das Bild. Der Süden des Landes ist faktisch abgeschnitten. Weil kaum jemand hinein oder heraus kommt, ist die Zahl der Toten und Verwundeten unbekannt. Lebensmittel und Medikamente stehen nicht mehr zur Verfügung.

In den Süden, in die Stadt Sidon, hatte mich die Tochter des ermordeten Staatspräsidenten Hariri eingeladen und gebeten, Medikamente mitzubringen. Doch die israelische Armee schießt auf alles, was sich auf den Straßen in Richtung Süden bewegt, wir mussten die Fahrt abbrechen. Auch auf der Autobahn zwischen Beirut und Damaskus wird auf Konvois und Transporter geschossen. Sie ist gesäumt von ausgebrannten Autobussen, Kleintransportern, zerschossenen Lkws, auf denen noch Obst und Gemüse liegt. Die libanesischen Häfen sind blockiert, der Flughafen von Beirut ist zerbombt. Der Libanon wird ausgehungert.

Zwei Sofortforderungen hören wir überall: Die Einrichtung humanitärer Korridore in den Süden, um Lebensmittel und Medikamente dorthin und Verwundete und Flüchtlinge heraus zu bringen, und die Aufhebung der Blockade für Lebensmittel und Medikamente. Mit "It's a shame", "Es ist eine Schande", kommentiert der außenpolitische Sprecher der libanesischen Regierungspartei, Anwar El-Khalil, die Politik der Bundesregierung. Und weiter: Man vermisse in der deutschen Politik das Wort "sofort" vor dem Wort "Waffenstillstand". Berlin, London und Washington hätten Israel grünes Licht für den Krieg gegeben, sie trügen Mitverantwortung.

Wir von der Europäischen Linken fordern einen sofortigen Waffenstillstand. Er schließt die Raketenangriffe der Hisbollah auf Israel ein. Ob die Hisbollah dazu bereit ist, frage ich Hadschi Hassan, den Fraktionsvorsitzenden der Hisbollah im libanesischen Parlament. "Selbstverständlich", so seine Antwort, die Hisbollah sei für einen sofortigen Waffenstillstand und die Aufnahme von Verhandlungen über einen Gefangenenaustausch. Wenn erst einmal die Waffen schweigen, soll die libanesische Regierung über alle anderen Fragen verhandeln.

Im libanesischen Parlament und in der Regierung - die Hisbollah gehört sowohl dem Parlament als auch der Regierung an - sind alle Parteien im Krieg näher zusammengerückt. Das trifft auch auf die Gruppen der Friedens- und humanitären Bewegungen zu, an deren mutiger Kundgebung ich in Beirut teilgenommen habe. "Peace now" - diese Forderung der israelischen Friedensbewegung wird auch in Beirut erhoben.

Unterschiede gibt es in der Haltung zu einer ausländischen Truppenstationierung im Libanon. El-Zein, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses, wertet sie nicht als Vorschlag zum Frieden, sondern als Interesse von Israel und den USA, den Süden Libanons lang andauernd zu besetzen und noch unnachgiebiger gegen die Palästinenser vorzugehen.

Dies ist auch unser Eindruck als Europäische Linke. Der Friedensprozess kann nur wieder beginnen, wenn er einen lebensfähigen palästinensischen Staat einschließt. Dann könnte möglicherweise auch ein Blauhelm-Einsatz sinnvoll sein. Bundeswehrsoldaten im Nahen Osten scheiden für mich aus.

Ich frage unsere Gesprächspartner: "Was muss ich tun, damit ich mich für die deutsche Politik nicht mehr schämen muss? Ich fordere die umgehende Einstellung aller Waffenlieferungen in den Nahen Osten, Israel eingeschlossen." Pause. Dann die Antwort: "Glauben Sie daran?"

von Wolfgang Gehrcke

Der Autor
Wolfgang Gehrcke ist Bundestagsabgeordneter der PDS/Die Linke. Das Gründungsmitglied der DKP trat 1990 in die PDS ein, deren stellvertretender Bundesvorsitzender er von 1993 bis 1998 war. Er reiste in der vergangenen Woche in den Libanon. In der Hauptstadt Beirut sprach er auch mit Vertretern der Hisbollah. ber

Frankfurter Rundschau, 31. Juli 2006