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Überproportional betroffen. Strategien gegen Jugendarbeitslosigkeit

Im Wortlaut von Yvonne Ploetz,

Die Wirtschafts- und Finanzkrise der letzten Jahre hat ihre Spu­ren hinterlassen — auch bei Jugendlichen. Sie sind europaweit die gro­ßen Verlierer/innen: Die Altersgruppe der 15- bis 24-Jährigen hat mit ihren Auswirkungen in weit größerem Um­fang zu kämpfen als andere Bevölke­rungsgruppen. Wider alle Gerüche ist 'dabei die Krise selbst auch noch lange nicht an ihrem Ende angelangt, sie durchläuft gegenwärtig nur eine weitere Metamorphose. Selbst der in konserva­tiven und neoliberalen Kreisen politisch unverdächtige Sachverständigenrat der Bundesregierung spricht bei der in die­sem Jahr akut gewordenen Krise des EU- Raums lieber von einem »dritteln] Akt der globalen Finanzkrise, die Ende Juli 2007 mit Problemen bei US-Immobilien begonnen hat«', als dass er die Jahrhun­dertkrise schon, wie andere, für beendet erklären würde.

Keine Frage, die bundesdeutsche Wirtschaft weist aufgrund ihres starken Exportanteils in die asiatischen Länder bereits wieder beachtliche Wachstums­raten aus. Dies darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die anderen Euro­länder weiterhin deutlich stagnieren2. Wie instabil die wirtschaftliche Lage weiterhin ist, zeigen die Staatsschulden­krisen Griechenlands, Portugals oder Ir­lands anschaulich. Und auch in Deutsch­land ist weder eine deutliche Zurück­drängung der drückenden Arbeitslosig­keit zu erwarten, noch eine Überwin­dung der tiefen sozialen Zerklüftung der Gesellschaft. Im Besonderen werden uns auch die Phänomene der Jugendarmut,der Jugendarbeitslosigkeit und prekärer Lebensbedingungen junger Menschen noch eine längere Zeit begleiten.

 

Je jünger umso prekärer

Das Problem der Jugendarmut ist über die Jahre in eklatanter Weise angestie­gen. Inzwischen sind in der BRD die Ar­mutsquoten in der Altersgruppe der 18- bis 25-Jährigen am höchsten. Es gilt die Richtformel: Die allgemeinen Lebensbe­dingungen entwickeln sich tendenziell umso prekärer, je jünger man ist'.

Robert Castel hat für den flexibilisier­ten und finanzgetriebenen Kapitalismus verschiedene soziale und ökonomische Zonen unterschieden, die durch eine un­terschiedliche Stabilität der sozialen Be­ziehungen und den Grad des Zugangs zu produktiver Erwerbstätigkeit gekenn­zeichnet sind. Sie beschreiben, wie er es nennt, eine unterschiedliche »Dichte der sozialen Verhältnisse« a. Wer sich die Zahlen einmal genauer anschaut, stellt schnell fest, dass junge Menschen ge­genwärtig in überproportionaler Weise von ökonomischer und sozialer Unsi­cherheit betroffen sind und damit be­sonders häufig in den Zonen mit einer sehr niedrigen sozialen Dichte anzufin­den sind. Junge Menschen sind die da­mit »unfreiwilligen Vorreiter einer immer flexibler werdenden Berufswelt«5. Sie spüren die Auswirkungen der neolibera­len Deregulierungs- und Flexibilisie­rungspolitiken am Arbeitsmarkt besonders intensiv. Und sie sind Leidtragende einer verfestigten Jugendarbeitslosig­keit.

Junge Menschen trifft Prekarität und Arbeitslosigkeit in einer besonders sen­siblen Phase ihrer Entwicklung. Ihre so­ziale, 'wirtschaftliche und individuelle Verletzbarkeit ist dementsprechend groß. Wer Jugendarmut nicht als eigen­ständiges Phänomen wahrnehmen .will, sie beispielsweise unter das breite Dach der Familien- oder Kinderarmut subsu­miert, ignoriert nicht nur die besonde­ren jugendspezifischen Gründe für die Armut junger Menschen, die sich etwa am Arbeitsmarkt, im Bildungswesen oder im kulturellen Leben aufspüren las­sen. Er oder sie relativiert auch die be­sonderen Auswirkungen von Armut auf junge Menschen in einer Lebenssituati­on »mit vielfältigen Entwicklungsaufga­ben «6.

Wenn die Erfahrung von Armut, Aus­grenzung oder des Überflüssigseins Ju­gendliche ins Stolpern bringt, werden die Teilhabemöglichkeiten von Men­schen oftmals weit über die eigentliche Jugendphase hinaus beschnitten. Denn beim Übergang in das Erwachsenenalter befinden sich Jugendliche auf der Suche nach einer eigenen Position in der Ge­sellschaft, auf dem Weg in die ökonomi­sche Selbstständigkeit. Sie sollen Ich- Stärke, Selbstvertrauen und Sicherheit im Umgang mit sich selbst und anderen erlernen. Prekarität, Arbeitslosigkeit und Armut wirken hier wie ein entwick­lungspsychologischer Hemmschuh. Sie behindern die Ausbildung selbstbe­wusster und stabiler Persönlichkeiten sowie die Entwicklung dauerhafter so­zialer Beziehungen. Der steinige und komplizierte Pfad des Erwachsenwer­dens wird mit zusätzlichen Hindernissen belegt, die für Jugendliche schwer zu überwinden sind.

 

Verhinderung von Teilhabe

Unsichere Lebensbedingungen er­schweren zuerst einmal aber den Über­gang ins Berufsleben. Im gesamten Eu­roraum ist es für junge Leute nicht leicht, einen festen Arbeitsplatz mit fairen Ar­beitsbedingungen und guter Entloh­nung zu finden, dabei sind die Unter­schiede zwischen den einzelnen Ländern jedoch groß. In einigen Ländern sind die Bedingungen relativ gut: So liegt dieZahl junger Menschen, die weder einen Arbeitsplatz haben, noch zur Schule ge­hen, studieren oder einen Ausbildungsplatz haben, in den Niederlanden oder Dänemark mit 4 % ziemlich niedrig. Demgegenüber stehen jedoch Länder mit einer außerordentlich hohen Ju­gendarbeitslosigkeit: In Italien, Bulga­rien oder Zypern etwa liegen die Zahlen zwischen 16 und 20 %7.

Jugendliche leiden aber nicht nur un­ter Arbeitslosigkeit. Sie werden beson­ders häufig in den Niedriglohnsektor und in prekäre Beschäftigungsfelder ab­gedrängt. Symptomatisch lässt sich dies am Problem befristeter Arbeitsverträge ablesen. Europaweit sind im Jahr 2010 13 % der Beschäftigten von Befristun­gen betroffen. Die Quote liegt bei jun­gen Menschen bei 40 %8.

Von Praktikaschleifen, von Niedrig- löhnen, von unbezahlten Probearbeiten oder Leiharbeit, sind junge Menschen in überproportionaler Weise betroffen. Niedrige Auszubildendenvergütungen, fehlende Ausbildungsplätze, Studienge­bühren und die Unwägbarkeiten von Übernahme und Berufseinstieg kommen hinzu. Dass sich in den letzten Jahren die Dauer der Schul- und Berufsausbildun­gen verlängert, die Zahl der Hochschul­absolventinnen erhöht und damit auch der Eintritt in den Arbeitsmarkt verscho­ben hat, darf ebenfalls nicht vergessen werden. Es besteht zudem ein starker Trend bei jungen Menschen zu Ein-Per­sonen- und Alleinerziehendenhaushal­ten9. Die Neigung zu einer frühen Tren­nung vom Elternhaushalt steigert das Armutsrisiko. Untersuchungen haben auch gezeigt, dass auch in den Haushal­ten von Alleinerziehenden das Armutsri­siko relativ hoch ist 10.

Unsichere Lebensverhältnisse beför­dern unzweifelhaft Armut und soziale Ausgrenzung. Wir stoßen auf ein gängi­ges Phänomen. Leicht bilden sich Teu­felskreise aus, in denen prekäre Beschäf­tigung erneut zu prekärer Beschäftigung und soziale Deklassierung zu sozialer Deklassierung führt — ohne dass diese Entwicklung immer zwangsläufig wäre. Die Ausbildung relativ verfestigter Kul­turen der Armut ist aber ein nicht zu leugnendes Problem". Armut wird in diesem Fall Normalität und gesellschaft­lich hingenommen. Arme Menschen richten sich oftmals in ihrer Armut ein, da sie keinen realistischen Ausweg aus ihr sehen. Da das Erlernen von Verhal­tensweisen ein wesenhafter Bestandteil der Jugendphase ist, ist die besonders ausgeprägte Gefahr, dass sich junge Menschen resignierend mit einem dau­erhaften Leben in den Armutsnischen der Gesellschaft abfinden, nicht zu leug­nen. Die neoliberale Vorstellung, dass größere Wohlstandsunterschiede wie eine Art Stimulus zu erhöhter Leistungs­bereitschaft wirken würden, erweist sich auch bei Jugendlichen als glatte Fehlein­schätzung.

Die unverhältnismäßigen Sanktions­maßnahmen, die jugendlichen Hartz IV- Empfängerinnen bei Pflichtverletzungen durch die Arbeitsämter drohen, vermeh­ren das Risiko verstetigter Armutskarrie­ren zusätzlich. Jugendlichen kann etwa bis zu drei Monaten jegliche Unterstüt­zung versagt werden12. Auf manche Ju­gendliche mögen die Sanktionen moti­vierend wirken. Auf viele nicht. Einige ziehen sich in Folge in ihre Familien oder in Subkulturen zurück. In schlimmen Fäl­len geraten Jugendliche sogar in eine Si­tuation der Obdachlosigkeit, werden kriminell oder experimentieren mit har­ten Drogen13. Der Abbau von Angebo­ten in der Jugendhilfe, der seit einiger Zeit zu verzeichnen ist, hat zur Folge, dass die Herausforderungen im Bereich einer unterstützenden Jugendarbeit und gezielte Fördermaßnahmen von Ju­gendlichen etwa durch den Einsatz von Streetworkern kaum noch zu bewälti­gen sind14. Die negativen Auswirkungen der Sanktionspolitik können damit auch nur noch unzureichend aufgefangen werden.

 

Vererbung von Armut

Sozial schwächere Eltern neigen dazu, ihre Armut an ihre Kinder zu vererben. Die Ursachen dafür sind vielfältig. So fällt es Kindern aus sozial schwachen Fa­milien schwerer, sich die kulturellen Codes anzueignen, mit denen sich wohl­habendere Schichten und Klassen nach unten abgrenzen. Ihnen fehlen meist wichtige soziale Beziehungen und eine Einbindung in jene Netzwerke, die einen sozialen Aufstieg erleichtern, indem sie die entsprechenden Türen öffnen. Es fehlt ihnen an dem, was Pierre Bourdieu »soziales und kulturelles Kapital« ge­nannt hat15.

Insbesondere in der BRD sorgt aber das Bildungssystem 'für eine Verfestigung von Armutsstrukturen. Das Schul- und Bildungssys­tem in Deutschland ist hoch­gradig selektiv. Der gesamte Bildungsweg junger Men­schen ist von ihrer Herkunft nachhaltig geprägt. Dies be­trifft den Schultypus, den sie besuchen, den Grad ihres schulischen Erfolgs oder auch die Frage, ob sie studieren werden oder nicht. Für Kinder aus armen Familien ist der Zu­gang zu einer qualifizierenden Bildung damit vergleichsweise schwieriger. Und dies beein­flusst wiederum ihre Berufs­chancen und ihre gesamte Le­bensperspektive. Der Idee, dass dem Bildungssektor eine soziale Korrektur zugunsten sozial schwächerer Menschen zukommen müsse, ist auch in der BRD erst noch zum Durch­bruch zu verhelfen.

Das Ausmaß, das die Ju­gendarmut mittlerweile im ge­samten Euroraum erreicht hat, ist bedenklich. Besteht ein po­litisch fester Wille, kann je­doch zu ihrer Überwindung einiges getan werden. Der Einsatz eines Mix an verschie­denen reformpolitischen In­strumenten wäre dafür nötig. Dass Jugendarmut überhaupt als eine eigenständige und ge­wichtige Problematik aner­kannt wird, ist jedoch die erste Vorbedingung dafür, dass ge­handelt werden kann16

 

Mix reformpolitischer Instrumente

Armut lässt sich nicht auf eine mangelnde materielle Ausstattung von Menschen reduzieren. Dennoch beschreibt diese eine zentrale Armutsdimension. Die Verbes­serung der materiellen Stellung junger Menschen ist unabdingbar bei jedem Versuch, der Jugendarmut ernsthaft Herr werden zu wollen. Sinnvoll wäre zweifellos ein Sofortprogramm zur Be­kämpfung der Jugendarbeitslosigkeit. Und auch aus der Perspektive junger Leute benötigen wir Mindestlöhne, die deutlich über der Armutsgrenze liegenund auch Equal Pay für Kernbelegschaf­ten und Beschäftigte aus Leiharbeitsfir­men. Hinzu kämen die Einführung einer Mindestauszubildendenvergütung, ein Verbot von Studiengebühren und die Einrichtung eines Studiengehalts. Prakti­ka müssen in Arbeits- und Lernverhält­nisse mit festgelegten Qualitätsstan­dards umdefiniert werden. Sie sind zeit­lich auf maximal drei Monate zu begren­zen und anständig zu entlohnen.

Unbezahlte Probearbeit wäre unbe­dingt durch den Gesetzgeber zu verbie­ten. Vordringlich ist ein Recht auf Ausbil­dung. Der Staat steht dafür in der Ver­antwortung, dass jedem Jugendlichen ein Ausbildungsplatz zur Verfügung ste­hen muss. Er hat auch dafür zu sorgen, dass sich die Bedingungen der Übernah­me nach der Ausbildung verbessern. An den Gesetzgeber ist zudem die Forde­rung zu richten, dass die diskriminierenden Sanktionspraxen für jugendliche Hartz IV-Empfängerinnen endlich besei­tigt werden. Dass die Zahl der woh­nungslosen Jugendlichen in den letzten Jahren zugenommen hat, ist nicht zu übersehen. Einen guten Anteil daran dürfte auch das so genannte Auszugs­verbot nach §22 Absatz 2a SGB II ha­ben, welches Jugendlichen unter 25 Jah­ren den Auszug aus der elterlichen Woh­nung erheblich erschwert. Deshalb ge­hört auch dieses abgeschafft.

Wir benötigen ein Bildungssystem, das Schwächere fördert und nicht län­ger sozial selektiert. Mittelfristig wird das mehrgliedrige Schulsystem in Frage zu stellen sein, da dieses ein gemeinsa­mes Lernen verhindert. Kurzfristig brau­chen wir ein verbessertes Betreuungs­verhältnis an den Schulen, Ganztags­schulen, in denen für alle Schülerinnen, die einen Bedarf haben, kostenlos Nachhilfe angeboten wird und eine umfassende Einführung einer Schulsozial­arbeit.

Die Armut junger Menschen muss von vielen Seiten verringert und besei­tigt werden. In den Stadtteilen, an sozia­len Brennpunkten, in den Betrieben und im Ausbildungswesen. Wichtig ist aber vor allem, dass endlich ein Anfang ge­macht wird.

 

 

Anmerkungen

  1. Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, 2010/ 11: Chancen für einen stabilen Auf­schwung. Jahresgutachten 2010/11, Wies­baden, 68
  2. Michael Krätke, 2011: »Alle treten auf die Bremse«, in: Der Freitag, Nr. 20, 19. Mai 2011, 9
  3. TNS Infratest Politikforschung im Auftrag der IG Metall, 2010: Generation Prekär - Ergebnisse der Studie »Persönliche Lage und Zukunftserwartungen der jungen Ge­neration 2010«, Berlin
  4. Robert Castels, 2000: Die Metamorphose der sozialen Frage. Eine Chronik der Lohnarbeit, Konstanz, 360
  5. Wolfgang Gaiser / Martina Gille / Johar de Rijke, 2011: »Jugend in der Finanz- ur Wirtschaftskrise«, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Heft 12, 40
  6. Roland Merten, 2009: »Jugend und Armt. Herausforderungen angesichts einer verlorenen Generation«, in: Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbe (KJS) (Hg.): Jugendarmut. Materielle ur, soziale Exklusion junger Menschen Deutschland, Düsseldorf, 40
  7. Europeen Commission, 2010: Employmel in Europe 2010, Brussels
  8. ebd.
  9. Markus M. Grabka / Joachim R. Eric! 2010: »Weiterhin hohes Armutsrisiko i Deutschland: Kinder und junge Erwachsen sind besonders betroffen«, in: Wochenbericht des DIW (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung, Nr. 7, 2-11
  10. Rudolf Martens, 2010: »Wer ist arm, wieviele und wo? Ausgewählte Daten aus de Armutsforschung«, Textbeitrag für die Veranstaltung         »Jugendarmutskonferenz
    Wege zur Inklusion benachteiligter junge Menschen« vom 18.-19. November 200! in Berlin
  11. Ronald Lutz, 2010: »Jugend und Armut Überlegungen zu einer >verlorenen Generation

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