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Tagebuch einer Griechenlandreise

Im Wortlaut von Lukrezia Jochimsen,

Luc Jochimsen war Anfang Dezember mit dem Unterausschuss für Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik in Griechenland und berichtet in einem Tagebuch über ihre Beobachtungen:  

 

1. Tag, 6. Dezember 2011.

Nikolaus Tag bei uns, in Athen aber der Tag, an dem an ALEXANDROS GRIGOROPOULOS  gedacht wird, einen Schüler der 2008 von einem Polizisten erschossen wurde. Ein Märtyrer der jungen Generation. Und diese junge Generation legt jetzt, drei Jahre später, die Innenstadt lahm – mit großen, beeindruckenden Demonstrationen der Erinnerung. Schwarz ist die Umgebung des Parlaments von Polizei-Präsenz. Gepanzerte Fahrzeuge, Hundertschaften in schwerer Montur. Eine Innenstadt im Polizeigriff. Auch der Auto-Konvoi der deutschen Botschaft unter Polizeischutz kommt nur schwer voran. Aber immerhin, es gelingt dem Gesandten und mir ins Herz der Innenstadt vorzudringen, zur AB 3 – der Athener Biennale Nr. 3 in der Diplareios Schule. Drei Minuten vom Rathaus entfernt, aber mitten in einem Geister-und-Elendsviertel, in dem man fast nur illegale Zuwanderer aus Afrika, Afghanistan und Pakistan sieht.

Drogenhändler, Prostituierte, Verwahrlosung hoch drei. Was vielleicht sogar passt zu AB3, dem letzten Teil der Trilogie unter den Titeln „Zerstört Athen“ 2007 und „Himmel“ 2009 – jetzt also unter der Überschrift „MONODROME“.

Der Ort: ein riesiges Gebäude der Bauhaus-Architektur, das einmal Ingenieur-Schule, dann Berufsschule der Kunsttischler war und vor Jahren aufgegeben und einfach verlassen wurde. Wie schreiben die Kuratoren der Biennale?

„MONODROME“ ist entstanden trotz der Krise, die Griechenland jetzt so heftig schüttelt. Hergestellt in einer Notsituation – und durch die synergetische Kraft der Künstler und vieler ehrenamtlicher Helfer. Ohne Geld gewissermaßen. Die Ausstellung stellt alles in Frage, was die Stadt bisher ausgemacht hat, denn Athen ist heutzutage das Epizentrum griechischen Widerstands, ein Ort massiven Protestes und öffentlicher Diskussion…“

Eleanna Pontikaki, eine junge Assistentin der Kuratoren führt uns durch das riesige alte Schul-Werkstatt-und-Seminar-Gebäude. „Wir haben keine Wand weiß angestrichen, keinen Saal renoviert. Wir haben die Räume sauber gemacht, aber sonst so übernommen, wie wir sie vorgefunden haben – und die Bilder, Skulpturen, Installationen auf-und-ausgestellt.“

Das fängt schon grandios im ersten Saal mit zwei „alten“ Bildern an: Yorgos Vakirtzis „Kunstakademie von Athen“ – eine Reminiszenz und ironisches Zitat mir hehren Figuren vor klassischer Athener Architektur. Gegenüber Vlassis Caniaris´ „Hommage an die Mauern von Athen“ aus dem Jahr 1959, die Anfänge der Moderne. Es geht dann über Stockwerke weiter und weiter! Ein Kaleidoskop zeitgenössischer nationaler und internationaler Kunst – ganz unabhängig von Stadt und Staat – einfach Ausdruckswillen der hier lebenden und arbeitenden Künstler und Künstlerinnen. Man trifft auf Marmorplastiken, die aussehen wie alte Pappkartons, eine tote Ratte unter Glas, Zeichnungen wie von alten Meistern und Exponaten der früheren Kunsttischlerei – und einem großen Raum voller Schreibtische: Metall-Holz-Linoleum-bedeckten, abgenutzten Schreibtischen mit leeren Schubladen. Der Name des Raumes heißt: „Öffentlicher Dienst“. Und im 2. Stockwerk, ganz und ganz aufgegeben und verlassen, gibt ein großes Fenster den Blick frei auf die Akropolis.

Am Sonntag, den 11. Dezember wurde die Biennale geschlossen . Ich frage unsere so fach-und-sachkundige Führerin: „Wenn alles abgebaut ist, was wird dann aus dem Haus?“

„Ja, das wissen wir nicht – wir hoffen, dass sich jemand dafür interessiert. Es ist so wichtig, um das eben in diesem heruntergekommenen Viertel zu verändern.“ „Und was machen Sie dann?“ „ Ich bin arbeitslos ab Montag, den 12. Dezember.“

2. und 3. Tag,
7. – 8. Dezember

In der Botschaft, einem hässlichen Betonbau an zentraler Athener Stelle trafen wir die sogenannten deutschen „Kulturmittler“ – also den Chef des Goethe-Instituts und den des deutschen akademischen Austauschdienste DAAD, einen evangelischen, einen katholischen Pfarrer, den Leiter der deutschen Schule und sein „Gegenpart“ den Leiter eines Imperiums von kommerziellen Deutschlehrern u.a.

Krise? „Wir merken nichts“ sagt „Goethe“.

„Wir schon“ sagt die Deutsche Schule. „Es melden sich Eltern, die das Schulgeld so nicht mehr zahlen können – nicht griechische Eltern – sondern deutsche, deren Firmen schwere Einbußen verzeichnen…“ Die Pfarrer berichten von zunehmender Konfrontation mit Armen, Obdachlosen und dem Heer der Illegalen in der Stadt...

Audienz beim Erzbischof von Athen und Griechenland, Ieronymos, in seinem bunt ausgemalten Stadtpalast. Er hat unter anderem in Regensburg studiert, Vorlesungen bei Prof. Ratzinger gehört. Er beklagt die Probleme des Landes: Armut, Zerbrechen der Familien, Verwahrlosung der Kinder. Er kritisiert das „Regime des Geldes“. Deutsche Banken nähmen Kredite für 1 Prozent bei der Europäischen Zentralbank auf und geben sie für 7 Prozent oder mehr an Griechenland weiter, treiben das Land damit systematisch in seine Verschuldung…
Täglich gäbe die Kirche nun 12.000 Armenspeisungen aus.

Hunderttausende Zuwanderer lebten in Griechenland auch von Raub und Diebstahl. Die EU ließe Griechenland mit diesem Problem allein. Auch die Kirche müsse sich kritisch überprüfen.

 

Im Parlament – bei den Abgeordneten des Kulturausschusses und beim Parlamentspräsidenten Petsalnikos.

Ich komme nicht umhin die vielen Vorzimmer und Vor-Vorzimmer zu zählen bei unseren Wegen durch das Parlament. Die Zimmertüren zu den langen Korridoren, die übrigens alle mit erlesenen Gemälden der verschiedenen Epochen geschmückt sind, stehen meistens offen und erlauben Einblick. Zwei, drei manchmal vier Schreibtische sind besetzt. So viele Beamte oder staatliche Angestellte. Auch soviel nette Bewirtung. Kaffee bringen die Einen, Wasser die Anderen, Akten die Dritten, Geschenke die vierten. Überall gibt es auch Sicherheitsleute. Es herrscht sicher ein Überfluss an Personal. Aber was wäre, wenn ein Teil oder Teile dieses Personals nun arbeitslos würde? Wo sollten diese Männer und die vielen Frauen Arbeit finden? In welchen Firmen und Betrieben?

20.000 Beamte sollten in den vorzeitigen Ruhestand, schreiben die Zeitungen. Aber nur über 600 sind freiwillig gegangen – die ältesten. Wer bietet hier eine Lösung an, die gerecht und human ist?

Der Parlamentspräsident erzählt uns von seiner Kindheit. Aufgewachsen ist er in Nord-Griechenland - fast schon an der bulgarischen Grenze. Dort hat die deutsche Besatzungsmacht in den Dörfern gewütet, gebrandschatzt, gemordet…
Dann kommt er auf die Zwangsanleihe zu sprechen. 10 Millionen Drachmen haben die Deutschen den Griechen abgenommen – zur Finanzierung der Besatzung. Heute ist das viel Geld. „Wie heißt es: Anleihen müssen bedient werden! Vergessen Sie das nicht.“

Die Kolleginnen und Kollegen vom Kulturausschuss, eine Schauspielerin und ein Schauspieler darunter, setzen auf Kultur und Kulturaustausch als Wege in die Zukunft. Sie warnen allerdings auch: „Wehe, wenn die kulturelle Zusammenarbeit zusammenbricht, dann stehen wir vor einer großen Gefahr.“ Theater schließen oder stehen vor der Schließung. Filme werden kaum mehr produziert. Es gibt die Frage: „Können wir nicht mit Ihnen eine Konspiration eingehen in dem Sinn, dass wir erklären: Nicht auf die Wirtschaft, sondern auf unsere Völker kommt es an?“
Am sonnenüberfluteten Mittag sind wir an der Akropolis. Museum – diesem Wunder modernster Architektur – gläsern über den Ausgrabungen in der Erde darunter und offen zum Himmel und dem Berg mit dem Heiligtum. Beschreiben lässt sich dieses Wunder nicht, das kann man nur erleben, aber beschreiben lässt sich seine außergewöhnliche Situation.
Unter der Leitung seines Direktors Dimitris Panternalis erwirtschaftet das Museum seinen Unterhalt selbst – es bekommt keine Subvention vom Staat. Dieser bekommt allerdings auch nichts von den Einnahmen. 5 Euro Eintrittsgeld und der Verdienst des Museumsladens plus des Restaurants reichen aus, um alle Kosten des Museumsbetriebs zu decken.

Allerdings hatte man bisher 1,5 Millionen Besucher in elf Monaten - und selbst wenn darunter hunderttausende Kinder, Schüler, Studenten sind, die nichts zahlen müssen, bleiben Millionen. Mutig und überlegenswert ist dieses „Wirtschaften auf eigene Rechnung“ dennoch.

 

Das Elend der Bildung

Die Ministerin für Erziehung, lebenslanges Lernen und religiöse Angelegenheiten, Anna Diamontopoulou ist eine ganz moderne, elegante Managerin.

„2.000 Schulen von 16.000 insgesamt mussten wir schließen und 18 Prozent der Lehrer in den Ruhestand schicken. Nur 1 Prozent Neuzugänge können wir finanzieren. Den Luxus der Auswahl von Deutsch oder Französisch als zweite Fremdsprache können wir uns nicht mehr leisten. Es gibt das Angebot entweder Deutsch oder Französisch. Und die Zahl der nachfragenden Schüler entscheidet“!

Den Verlust an Qualität sieht sie, aber „Was wollen Sie machen, wenn das Geld fehlt.“

Ja, was wollen wir machen? Was können wir vorschlagen? Wir, die wir die Spar-Kommissare ins Land geschickt haben.

Eine der Abgeordneten am Nachmittag hatte uns noch folgendes mit auf den Weg gegeben: „Wir im Parlament können nichts mehr wirklich tun oder entscheiden – das Demokratiedefizit ist groß. Wir stehen unter der Vormacht von supranationalen Organisationen. Passen Sie auf, dass Ihnen das nicht auch zustößt!“

  

4. und 5. Tag,
9. und 10. Dezember, Thessaloniki

  Das ist eine weiße Stadt am Meer mit Römerpalast, byzantinische Kirchen, Jugendstil und Art-Déco-Häusern.

Schon zu hellenischer und römischer Zeit war dies auch eine Stadt der Juden. Bevor die Nazis nach Thessaloniki kamen, waren 40 Prozent der Bewohner jüdisch, die meistern von spanischen Vertriebenen stammend. Fabriken, Zeitungen, der Hafen, die Bank von Saloniki waren in ihrem Besitz, die schönsten Villen, Krankenhäuser, Schulen, Einrichtungen für Kinder und Friedhof so groß wie mehrere Fußballfelder. 20.000 jüdische Mitbürger hatte die Stadt als 1942 die Deutschen einmarschierten.

Alois Brunner wurde Herr über Leben und Tod.

Für die Akten der Geschichte:
Alle 20.000 jüdischen Bürgerinnen und Bürger von Thessaloniki wurden in 19 registrierten Güterzügen nach Ausschwitz transportiert – nachdem ihnen alles, was ihnen gehört hatte, abgenommen wurde. Nur vier Prozent von ihnen überlebten. Der Jahrhunderte alte riesige Friedhof wurde planiert. Wir waren am Holocaust-Mahnmal. Wir waren im jüdischen Museum, das so gut es geht, den Glanz und das Grauen des jüdischen Lebens in Thessaloniki dokumentiert. „Erzählen Sie unsere Geschichte“, bat einer der Archivare.

Wir waren auch in der Evangelischen Kirche Deutscher Sprache. Sie wird geleitet von Pfarrer Dr. Michael Führer, einem Bruder des berühmten Wende-Pfarrers in Leipzig. Kirche ist ein großes Wort. Es handelt sich um zwei größere Räume in einem Geschäftshaus. Einer davon mit kleiner Altarnische. Pfarrer Führer sprach von den zunehmenden Problemen alter „Heimkehrerinnen“ – Ehefrauen griechischer Gastarbeiter. Armut. Einsamkeit. Und dann: Zunahme von Armut überall – in der Stadt – in den Regionen, für die er auch zuständig ist. Eine halbe Sozialarbeiterinnenstelle kann diese kleine Gemeinde sich leisten – sie finanziert sie allein aus Einkünften des Weihnachtsbasars, der in der ganzen Stadt so beliebt ist. Pfarrer Führer hat sich schriftlich bei uns für unseren Besuch bedankt – Zitat: „Das hilft uns ein wenig gegen das Gefühl, an etlichen Stellen ziemlich allein zu kämpfen.“

Es gab auch lustige, fast groteske Erlebnisse in Thessaloniki. Zum Beispiel der Besuch beim Vizeperipheriarch für Zentralmakedonien Apostolos Tzitzikostas. Wir sind vorgewarnt worden vom Generalkonsul. Hier gäbe es politische Ungereimtheiten. Der langjährige Chef der Behörde sei abgewählt worden, tauche aber bei jeder Gelegenheit immer noch auf. Und so war es dann in der Tat: wir waren mitten im Gespräch mit dem neuen Politiker, einem jungen, vielsprachigen äußerst gewandten ehemaligen Abgeordneten als die Tür aufsprang – ein kleiner, alter Herr im dunkelblauen Blazer mir Goldknöpfen hereinstürmt, Buchgeschenke in einem Beutel und einen Fotografen im Schlepptau, sich vor seinem Nachfolger und unserer Delegation postierte – Fotos machen ließ – und wieder verschwand – wie ein Spuk bei „Harry Potter“. Viel ernsthaftes Interesse für die „Probleme und die Chancen der Region“ blieb da nicht mehr übrig.

Im Rathaus – in einem extrem eleganten Salon mir alten Möbeln, Bildern und Liliensträußen mit Blick aufs Meer informierte uns ein junges internationales Team des Bürgermeisters über die neue Zeit: 50 Prozent Schuldenabbau, 15 Prozent Personaleinsparungen, aber Ryan Air als neue Fluglinie und neue Formen des Tourismus. Perspektiven dieser Stadt mit Tourismusmesse etc.

Ob das alles so einleuchtend funktioniert wie geschildert? Am nächten Tag standen wir am Forum Romanum, einer der Weltkulturerbestätten der Stadt. Unterhalb liegt das neue Museum, jahrelang erbaut, aber jetzt geschlossen, weil die Stadt die Wärter-Stellen eingespart hat.“ Die Byzantinischen Kirchen zum Teil aus dem 5. Jahrhundert sind weitere Wunderwerke dieses Landes. Da gibt es einen Mosaik-Christus in einer Kugel aus Licht von einem Regenbogen, der schwebt zwischen Himmel und Erde völlig aus der Zeit, aller Zeit.
Das Kirchlein selbst ist grau und klein zwischen den alten Türkenhäusern in der Oberstadt. Ein Weinstock im Garten und eine Terrasse, von einer alten Frau gehütet und bewacht, die Katzen feuerrot und tigerig um sie herum.

Abschluss auch hier eine Kunstbiennale. Ganz anders als in Athen. Mitten im modernistischen Messegelände – im Mazedonischen Museum, das in Wirklichkeit das Museum für zeitgenössische Kunst ist – Andy Warhol, Niki de Saint Phalle, Tinguely und dann die griechischen Großmeister dazu wie Pavlos mit seinen Multiplen Skulpturen aus Holz. Es waren leider nur noch ein Bruchteil der Zeit übrig, die ich benötigt hätte, aber eines war auch so auszumachen: Moderne Kunst in dieser uralten Stadt lebt und hat ihren eigenen Platz erobert.

Wie hatten die Abgeordneten im Athener Parlament gesagt „Wir haben die Kultur- andere Länder haben Industrien, Hochtechnik, Wissenschaft – wir haben die Kultur und mit ihr werden wir stehen oder fallen.“

 

www.linksfraktion.de, 23.12.11