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Sport und Politik sind bei Olympischen Spielen nicht zu trennen

Im Wortlaut von Heike Hänsel,

 

Von Heike Hänsel, stellvertretende Vorsitzende der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag

 

Noch kurz bevor im Estádio do Maracanã die Olympischen Spiele mit einer gewohnt pompösen Feier eröffnet wurden, hatten zehntausende Menschen an der Copacabana protestiert: gegen die massiven Ausgaben für das Großevent, gegen die De-facto-Regierung von Putschpräsident Michel Temer, für eine neue Sozialpolitik und eine Rückkehr zur demokratischen Ordnung. Dieser Gegensatz ist nicht neu. Schon in der Vergangenheit haben die Fußballmeisterschaften der FIFA oder die Olympischen Spiele des IOC für Proteste gesorgt. Und tatsächlich gibt es zahlreiche Kritikpunkte, die Sportpolitiker und Linke in die Debatte einbringen müssen.

Schon Ende vergangenen Jahres hatten Menschenrechtsorganisationen die Politik des IOC hinterfragt, weil zahlreiche Punkte der sogenannten Reformagenda 2020 nicht umgesetzt worden waren. Mit diesem Programm hatte IOC-Chef Thomas Bach ursprünglich auf Kritiker eingehen wollen. In den Verträgen für Bewerberstädte für künftige Spiele aber fehlte der Punkt der Menschenrechte fast vollständig.

Auch in Rio de Janeiro wurde der Beginn der Olympischen Sommerspiele von Polizeigewalt überschattet. Zwischen April und Juni dieses Jahres hat sich dort die Zahl der Toten durch Polizeigewalt im Vergleich zum Vorjahreszeitraum verdoppelt, wie das Lateinamerika-Portal amerika21 mit Verweis auf Amnesty International berichtet. 40 Tote gab es alleine im Mai, heißt es von der Organisation, die von „sozialen Säuberungen“ in den Favelas, den Armenvierteln, spricht. Die Verdrängung von Favela-BewohnerInnen zugunsten großer Sportspielstätten hatte leider schon unter der PT-Regierung von Lula begonnen. Auch wenn die verbesserte Infrastruktur später auch der Bevölkerung zugute kommen soll, ist der Preis dafür doch zu hoch.

Marke Olympia fast auf einer Stufe mit Google

Die Olympische Idee der Neuzeit von de Coubertin ist längst pervertiert worden. Die Olympischen Spiele sind ein globales Großevent, das von einer Privatorganisation, dem IOC, mit Sitz im Schweizerischen Lausanne ausgerichtet wird. Die „Marke Olympia“ wird von Wirtschaftsexperten mit einem Schätzwert von 47,5 Milliarden US-Dollar fast auf einer Stufe mit dem Internetunternehmen Google oder dem IT-Konzern Apple gehandelt, wie die Seite nolympia.de schreibt. Diesem Wert liegt Ausbeutung zugrunde. Ausbeutung von Arbeitern, von denen die Olympia-Industrie am Laufen gehalten wird; von der lokalen Bevölkerung, die für das wirtschaftliche Risiko haftet; von Sportfans, die für die Gewinne der IOC-Bonzen zur Kasse gebeten werden. Deutsche IOC-Gegner haben ein Rechtsgutachten über die Verträge dieses Verbandes mit Ausrichtungsorten prüfen lassen. Das Ergebnis: Nach deutschem Recht sind diese sogenannten Host-City-Verträge sittenwidrig, weil sie Nutzen und Risiken auf geradezu groteske Weise zugunsten des IOC aufteilen.

Und schließlich sind die Olympischen Spiele immer auch politisch. Das zeigte sich nicht nur an den Demos gegen die politische Führung des „Übergangspräsidenten“ Michel Temer, der die gewählte Präsidentin Dilma Rousseff in einem international kritisierten Vorgehen aus dem Amt gedrängt hat. Das zeigte sich auch bei der Eröffnungsfeier am vergangenen Wochenende, als ihn auch dafür Zehntausende ausbuhten und auspfiffen. Der brasilianischen Oligarchie wird an den Spielen wohl mitverdienen. Politisches Kapital kann sie aus dem Event nicht ziehen. Gerade in Südamerika hatten undemokratische Regime das immer versucht, schon während der Diktaturen in Argentinien (1976-1983) und Chile (1973-1990). In beiden Fällen wurden die von der FIFA ausgerichteten Fußball-Weltmeisterschaften der Männer zur politischen Arena. In Argentinien sang Udo Jürgens 1978 mit der deutschen Nationalmannschaft „Buenos dias, Argentina. Wenn die rote Sonne glüht, rauscht von ferne der La Plata und er singt mit mir ein Lied.“ Zugleich warfen Militärs Regimegegner gefesselt und betäubt aus Hubschraubern in den Fluss. Nach dem Putsch in Chile organisierten Solidaritätsaktivisten beim WM-Gruppenspiel im November 1974 Westberliner Olympiastadion Proteste gegen die Pinochet-Diktatur. „Chile Si, Junta No“, hallte es damals aus dem Rängen. Auch wenn die Situation in Brasilien heute bei weitem nicht so dramatisch ist, dürfen wir während der nun laufenden Olympischen Spiele in Rio de Janeiro die Losung „Fora Temer“ („Temer raus“) nicht überhören.
 

linksfraktion.de, 10. August 2016

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