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Sie bleibt: die Frage von Krieg und Frieden

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Szenische Lesung: Erinnerung an 1914 und Mahnung für die Gegenwart
 

Von Gisela Zimmer


Am Montag, am Weltfriedenstag, wird es im Bundestag wieder um die ewige Frage von Krieg und Frieden gehen. Es ist eine Sondersitzung, nur hat die Bundesregierung die Frage bereits entschieden, ohne zuvor das Parlament miteinzubeziehen: Sie will Waffen liefern in ein Kriegs- und Krisengebiet, in den Nordirak, an die kurdische Perschmerga. "Mit Waffen eine Region befrieden, wie soll das gehen?", fragt Oskar Lafontaine. "Wo hat das jemals funktioniert und wie viele Interventionskriege brauchen wir denn noch, um zu begreifen, dass mehr Waffen keine Lösungen bringen?“

Befreiung der Völker – keine deutsche Aufgabe

Empört, empathisch, emotional fragt Lafontaine das. Vor großem Publikum, in einer öffentlichen Veranstaltung am Donnerstagabend im Bundestag. Das Atrium des Paul-Löbe-Hauses ist brechend voll, kein einziger Stuhl bleibt leer. Die Fraktion DIE LINKE hat zu einer "historischen" szenischen Lesung geladen. Mit diesem Kunstprojekt soll an die Parlamentsdebatte – und damit auch an die Verantwortung jedes einzelnen Abgeordneten – im August 1914 erinnert werden. Damals, vor einhundert Jahren, hatten die gewählten Volksvertreter Milliarden zur Finanzierung des Ersten Weltkriegs bewilligt. In einem atemberaubenden Tempo, ohne wirkliche Debatte. Luc Jochimsen, bis 2013 selbst linke Bundestagsabgeordnete, hat diese Collage aus Reden, Zeitungsberichten, Protokollnotizen und Tagebuchaufzeichnungen zusammengestellt. Da heißt es: "August bis Dezember 1914. Vier Monate Krieg. Vier Monate tausendfacher Mord. Das Parlament tagt nur zweimal. Einmal für zwei Stunden, das andere Mal für anderthalb Stunden. Es werden zehn Milliarden Mark für den Krieg bewilligt.“

Auf der Bühne sitzen an diesem Abend prominente Frauen und Männer. Sie schlüpfen  einen Augenblick lang in die Figuren der damaligen Zeit. Neben Oskar Lafontaine sind es Sarah Wagenknecht, Gregor Gysi, die Buchautoren Christoph Hein und Ingo Schulze, die Publizisten Michel Friedmann, Roger Willemsen und Jakob Augstein, Florian Weis von der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Regisseur und Schauspieler Franz Sodann, Peter Gauweiler von der CDU/CSU Fraktion und Willy Wimmer, ehemaliger verteidigungspolitischer Experte der CDU/CSU, dazu die Journalistin Luc Jochimsen. Nach der szenischen Lesung herrscht erst einmal Stille, das Publikum traut sich kaum zu klatschen. Den möglichen Grund dafür bringt Peter Gauweiler in der Diskussion danach auf den Punkt. Ihm laufe es "kalt den Rücken runter", die Texte seien "ungebrochen, authentisch", es komme ihm "alles so verdammt vertraut vor". Und er zitiert sinngemäß Karl Liebknecht, der als einziger Sozialdemokrat gegen die Kriegskredite stimmte, die Gründe dafür in der damaligen Parlamentsdebatte aber nicht einmal öffentlich machen durfte. Die Befreiung der Völker sei keine deutsche Aufgabe, sondern deren ureigene, sagt er.

Die Verantwortung der Abgeordneten

Damit sind die vier aktiven und passiven Politiker Wimmer, Lafontaine, Gauweiler und Gysi bei der wichtigsten Aufgabe eines Abgeordneten – gestern ebenso wie heute: Sie heißt Verantwortung. Sie bedeutet, so Willy Wimmer, dass der Grundsatz, Deutschland hätte einen friedlichen Beitrag für die Welt zu liefern, nicht verletzt werden darf. Seit der Beteiligung am Jugoslawienkrieg scheint das jedoch kein Tabubruch mehr zu sein. Er spricht von den "angelsächsischen Brandstiftern". "Wer traut sich denn heute noch, die zu benennen“, fragt Lafontaine und thematisiert die Lügen in der Außenpolitik. Der Irakkrieg hätte "mit einer Lüge begonnen". Ein Krieg ohne Legitimierung durch die UNO. Trotzdem sei er geführt, finanziert und mit Waffen unterstützt worden. Hinterlassen hätten die USA ein Trümmerfeld und damit die menschenverachtende IS-Terrorarmee erst möglich gemacht. Gregor Gysi hinterfragt ein anderes mediales und politisches Tabu. Woher kommt das Geld für diese Söldner? Aus Katar und Saudi-Arabien. Warum "sperre man dort nicht die Konten?" Am Krieg darf ein Land nicht verdienen, Deutschland aber sei  "drittgrößter Waffenexporteur, weltweit", so der Fraktionschef der LINKEN.

Was als szenische Lesung beginnt, eine Erinnerung sein sollte, endet mit mit einem tiefen Nachdenken. Ein guter Abend, an dem nicht das parteipolitische Gezerre wichtig war, sondern die Vernunft – vorgetragen mit klugen Argumenten und brisanten Hintergrundinformationen. Vielleicht wäre der Bundestag ja gut beraten, sich vor der Sondersitzung am Montag die "Collage mit den Geschichten aus der Geschichte" vorlesen zu lassen. Die Leichtfertigkeit, mit der über Kriege gesprochen und entschieden wird, wäre wohl dahin.


linksfraktion.de, 29. August 2014

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