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Schwere Zeiten für private Krankenversicherungen

Im Wortlaut von Harald Weinberg,

 


Von Harald Weinberg, Sprecher für Krankenhauspolitik und Gesundheitsökonomie der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag

 

Noch vor wenigen Jahren galt es in weiten Bevölkerungskreisen als vorteilhaft, sich privat krankenversichern zu können. Und die meisten, die die Möglichkeit dazu hatten, haben auch tatsächlich ihre Unterschrift unter einen Versicherungsvertrag gesetzt. Die Zeiten haben sich geändert. Die Konstruktionsfehler der privaten Krankenversicherung (PKV) treten immer deutlicher zu Tage.

Niedrige Zinsen bedeuten hohe Beiträge

Eines der größten Probleme der PKV sind die niedrigen Zinsen. Die PKV funktioniert nach dem Risikoprinzip. Man versichert sein individuelles Krankheitsrisiko. Wird man älter, steigt das Risiko erst langsam, aber dann immer schneller. Liegen etwa die Krankheitskosten bei den 45- bis 64-Jährigen noch bei rund 3000 Euro pro Jahr und Kopf, verursachen 65- bis 84-Jährige bereits 6520 Euro an Krankheitskosten. Bei über 85-Jährigen werden mit rund 15.000 Euro schon mehr als das Zehnfache fällig, wie bei Menschen unter 30 Jahren. Damit die Beiträge im Alter aber nicht auf das Zehnfache anwachsen, ist der PKV die Bildung von Alterungsrückstellungen gesetzlich vorgeschrieben. Ist man jung, zahlt man höhere Beiträge als für die Deckung des eigenen Krankheitsrisikos notwendig wären. Wird man alt, so wird der Alterungsrückstellung wieder Geld entnommen, damit die Beitragssteigerung gedämpft wird. In der Zwischenzeit legt die PKV die Alterungsrückstellungen ihrer Versicherten auf dem Kapitalmarkt an. Hier kommen die Zinsen ins Spiel. Sind sie niedrig, dann braucht man deutlich höhere Einzahlungen, um das für das Alter benötigte Geld anzusparen. Da es sich hier um Zeiträume von typischerweise 30 Jahren Ansparzeit und mehr handelt, machen sich die Zinsen erheblich bemerkbar. Auf eine kurze Formel gebracht: Niedrige Zinsen bedeuten hohe Beiträge.

Aber auch wenn das Konzept der Alterungsrückstellungen wie vorgesehen funktioniert, sind für viele Versicherte die Beiträge im Alter höher als das Einkommen erlaubt. Denn in die Alterungsrückstellung ist weder die steigende Lebenserwartung, noch steigende Kosten im Gesundheitssystem eingepreist. Deshalb gibt es jedes Jahr erwartbare Beitragssteigerungen, die mit dem individuellen Risiko nichts zu tun haben. Dazu kommt dann noch die Geschäftspolitik vieler Versicherungsunternehmen. Mit allerlei legalen Tricks versuchen sie die Einstiegsbeiträge attraktiv zu halten – oft zu Lasten der langjährigen Bestandskunden. Die sind aber bei Ihrer Versicherung gefangen, denn bei einem Wechsel wären die Alterungsrückstellungen futsch und man müsste sich zu Konditionen versichern, als hätte man nie in die Alterungsrückstellungen eingezahlt.

PKV verschwendet Gelder ihrer Versicherten

Daher ist es kein Wunder, wenn immer weniger Menschen privat krankenversichert sind. Seit 2012 sinkt die Zahl der privat Krankenversicherten. Das ist ein Novum; zuvor hatte die PKV jahrzehntelang nur Zuwächse gekannt. Auch das könnte für die PKV zu einem neuen Problem werden. Denn wenn anteilig immer mehr ältere und kränkere Menschen versichert sind und weniger junge und gesunde Versicherte nachkommen, dann steht das Geschäftsmodell als Ganzes in Frage.

Weitere Konstruktionsfehler sind die im Vergleich zur gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) deutlich höheren Verwaltungs- und Provisionskosten. Außerdem geben private Krankenversicherungen für identische Behandlungen in der Arztpraxis deutlich mehr Geld aus als gesetzliche. Was wiederum dazu führt, dass Privatversicherte sehr gerne zu weiteren Terminen einbestellt werden. Zudem fehlt der PKV eine sinnvolle Steuerung der Leistungen. Das bedeutet, dass die Ärztinnen und Ärzte sämtliche Untersuchungen und Behandlungen einleiten dürfen – egal ob sinnvoll oder nicht. Die Folge: Obwohl Privatversicherte gesünder sind als gesetzlich Versicherte, sind die Ausgaben in der PKV pro Versichertem hier über 50 Prozent höher! Die PKV arbeitet also höchst ineffizient und verschwendet die Gelder ihrer Versicherten.

LINKE will PKV abschaffen

Prognosen sind natürlich schwierig, alleine weil keiner weiß, wie sich das wirtschaftliche Umfeld und die Zinsen entwickeln werden. Einige Gesundheitsökonomen sagen aber bereits voraus, dass die PKV in dieser Form vielleicht noch einige Jahre existieren wird, spätestens dann aber radikal umgebaut wird, untergeht oder politisch abgeschafft wird. Für letzteres setzt sich DIE LINKE ein. Denn es wäre unverantwortlich, die PKV mit ihren 8,8 Millionen Versicherten wissentlich gegen die Wand fahren zu lassen; das wäre für alle Beteiligten die teuerste Lösung. Besser wäre eine Absicherung aller in der gesetzlichen Krankenversicherung und ein geordneter Übergang.
 

Siehe auch folgende Kleine Anfragen der Fraktion DIE LINKE

Mögliche Beitragserhöhungen in der privaten Krankenversicherung

Beitragserhöhungen, sinkender Zins und andere Herausforderungen der privaten Krankenversicherung

Kundenakquise bei der Debeka