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Schlaglichter von den Gipfelprotesten: Dixi-Klos, VoKü und Fünffingertaktik

Im Wortlaut von Katja Kipping,

Ein ganz persönlicher Bericht von den Gipfelprotesten 2007

Am Tag nach dem Ende der Gipfelproteste - der Wäscheberg war noch nicht abgearbeitet - treffe ich auf Wolfgang Leonhardt. Er hat den Gipfel und die Gipfelproteste mit viel Interesse über die Medien verfolgt und ist zu dem Fazit gekommen: Für die G8 könne man nicht sein, aber es sei fast unmöglich gewesen, herauszufinden, wo die Alternative liegt. Erst als ich anfange, von meinen ganz persönlichen Erlebnissen zu erzählen, merke ich wie seine Skepsis wachsender Begeisterung weicht. Ich beschreibe ihm die Details der politischen Diskussionen und der Selbstorganisation, die für die Beteiligten prägend waren. Leonhardt meint schließlich: Also, das sei ja großartig; historisch wohl zu vergleichen mit der Spiegelaffäre. Diese persönlichen Eindrücke müssten unbedingt aufschrieben werden.

Auf der Straße für eine andere Welt

Wir schreiben Samstag, den 2. Juni, irgendwann zwischen vormittags und nachmittags: Groß ist die Euphorie bei allen Beteiligten während der Demonstration. 80.000 Menschen sind tatsächlich gekommen, um gegen die Politik der G8 zu demonstrieren. Die Demonstrationszüge bestechen durch Vielfalt und Lebendigkeit. Da trifft der Umweltaktivist auf die Gewerkschaftssekretärin. Da treffen die großen Puppen der Entschuldungskampagne auf Transparente von Friedensaktivisten. Soviel Kreativität konnten wir lange nicht auf einer Demonstration in der BRD erleben. Nun können wir zu recht sagen, die globalisierungskritische Bewegung ist in der Bundesrepublik angekommen, rufe ich gerade einem Mitstreiter zu, doch meine Worte gehen im Lärm eines plötzlich aufgetauchten Hubschraubers unter. Plötzlich dringen Nachrichten von Ausschreitungen am Rande der Kundgebung zu uns. Damit hat niemand von uns gerechnet. Enttäuschung und stundenlange Unsicherheit im Umgang mit der Situation machen sich breit. Alle im Bündnis haben sich auf den gemeinsamen Konsens verlassen, dass die Demo friedlich verlaufen soll. Im Backstagebereich steht ein Fernseher. Dort werden die bunten Bilder von der Demonstration durch die Bilder der Ausschreitungen verdrängt. Als dann die Polizei Wasserwerfer einsetzt, stehen wir im Bündnis vor der Frage, ob wir die Kundgebung abbrechen müssen. Groß ist die Gefahr, dass die Wasserwerfer von links die Menschenmassen zu sehr nach rechts, also ans Wasser, drücken und wir damit den Sturz von Massen ins Wasser riskieren. Wir starten einen letzten Versuch: Mit einigen Leuten von Greenpeace, Linkspartei und der Interventionistischen Linken fahren wir mit einem Lautsprecherwagen vor, um direkt zwischen den „Fronten“ für Deeskalation zu sorgen. Für uns nicht ganz ungefährlich - zu leicht sitzen bei einigen Polizisten die Knüppel und bei einigen Demonstranten die Steine. Dann kehrt Ruhe ein. Die langen Verhandlungen mit der Polizei und beruhigende Interventionen gegenüber den Demonstranten zeigen ihre Wirkung. Die Pop-Band „Wir sind Helden“ kann auf der Bühne weiterspielen. „Wir sind gekommen, um zu bleiben“ singen die Berliner und alle singen friedlich mit. Und auch ich komme noch in den persönlichen Genuss, zum letzten Lied zu tanzen.

Was dann folgt, sind harte Zerreißproben im Bündnis. Sollen die geplanten friedlichen Blockaden abgesagt werden? Wenn es schon bei der Demo zu Ausschreitungen kam, wie soll es dann bei den Blockaden werden? Am Ende wird sich zeigen, wie klug es war, bei aller Enttäuschung über die Ausschreitungen am Samstag einen kühlen Kopf zu bewahren, die Proteste in ihrer Vielfalt fortzusetzen und im Bündnis weiter auf Kooperation zu setzen.

Politische Alternativen für eine andere Welt

Die Szenen der Gewalt prägen am Sonntag und Montag die Berichterstattung in den Medien. Es erscheint fraglich, ob es uns noch gelingt, mit den Diskussionsveranstaltungen ein breites Publikum zu erreichen. Einige äußern verstohlen die Sorge, dass beim Alternativgipfel die Referenten unter sich diskutieren werden. Noch ist unsicher, ob der Alternativgipfel überhaupt von der Rostocker Bevölkerung angenommen wird. Doch dann werden alle Skeptiker/-innen eines Besseren belehrt. Die Diskussionsveranstaltungen sind gut besucht.

Am Sonntagabend ist das Fraktionszelt in Bad Doberan, 1000 Meter vor dem Sperrzaun, übervoll. Hier sitzen viele, die nicht wie klassische Gipfelstürmer aussehen. Eine Genossin bestätigt mir, ja, viele Anwohnerinnen und Anwohner, kleine Unternehmer und sogar eine Apothekerin seien zu unserer Anhörung gekommen. Zur Afrikaanhörung am nächsten Tag kommen mehrere Schulklassen. Wie schön! Es ist uns also gelungen, unsere Kritik am globalen Kapitalismus auch zu der ansässigen Bevölkerung und in die Klassenzimmer zu tragen.

Der UN Berichterstatter Jean Ziegler eröffnet am Dienstag in der übervollen Nikolaikirche den Alternativgipfel. Er endet mit einem Pablo Neruda-Zitat: „Sie, unsere Feinde, können alle Blumen abschneiden. Aber sie haben keine Herrschaft über den Frühling.“ Die Kraft des Frühlings ist unser. Euphorischer Beifall begleitet diese Rede und selbst bei einigen hart gesottenen Jungs nimmt die Euphorie in den Augen eine flüssige Form an.

Block G8: Durch die Rappsfelder für eine andere Welt!

Mittwoch Mittag: Gerade geht die Podiumsdiskussion zu Prekarität, Armut und Grundeinkommen in die Abschlussrunde. Plötzlich tut sich was am Saalmikrophon, eine Durchsage. Es ist gelungen, die Polizeiketten zu durchbrechen und die Zufahrtsstraßen nach Heiligendamm zu blockieren. Im ersten Moment kann ich es gar nicht glauben. Doch auf meinem Handy sind einige Anrufe in Abwesenheit und SMSen angelaufen. Nun fällt es mir schwer, ruhig auf dem Podium sitzen zu bleiben. Inzwischen erreichen mich erste Bitten, mit dem Abgeordnetenausweis in der Tasche zu den Blockaden zu kommen, um die Hemmschwelle für die Polizei, Wasserwerfer und Tränengas einzusetzen, zu erhöhen.

Auf dem Weg zu den Blockaden erreichen mich Anrufe von Leuten, die die Live-Berichterstattung im Fernsehen verfolgen. Viele bunte Menschen strömen über die Felder, die Polizei hat keine Chance. Ein bisschen muss ich schmunzeln, weil einige, die jetzt voller Begeisterung sind, nach dem Samstag noch am liebsten
die Blockaden abgesagt hätten.

Wie haben es diese vielen Menschen, die sich vorher kaum kannten, geschafft, an den hierarchisch aufgebauten, straff organisierten Polizeitruppen vorbei zu kommen? Mit friedlichem zivilen Ungehorsam, der so genannten Fünffingertaktik und tausenden Beteiligten, gelingt das, was viele für unmöglich hielten. Die Zufahrtsstraßen werden blockiert. Der Tagungsort des Gipfels ist nur über Luft und Wasser zu erreichen. Die Berichte über die Blockaden sind die Top-Meldung des Tages noch vor den Berichten über Angela Merkel und George Bush. Die Gipfelproteste haben dem G8-Gipfel die Show gestohlen.

Äußerst erwähnenswert ist die Art und Weise, wie die Entscheidungsfindung in den Blockaden demokratisch strukturiert ist: Alle Blockadeteilnehmer ordnen sich einer Bezugsgruppe zu. Jede Bezugsgruppe wählt einen Delegierten. Wenn immer bei einer Blockade Entscheidung anstehen, wie z.B. die Frage, bleiben wir über Nacht, finden Delegiertenberatungen statt und die Delegierten beratschlagen das weitere Vorgehen. Dabei werden alle Redebeiträge und Informationen mit Rücksicht auf die ausländischen Teilnehmer/-innen auf Englisch übersetzt. Kein ganz leichtes Unterfangen angesichts einer technisch hochgerüsteten Polizeisperre: Was heißt noch mal Räumpanzer auf Englisch? Clean-up tank?

Um Delegiertenberatungen in einer Atmosphäre der Besonnenheit zu ermöglichen, verständigen sich alle auf ein Zeichensystem. Statt mit anheizendem Klatschen und Buhrufen, bringen die Delegierten Zustimmung und Ablehnung über festgelegte Gesten zum Ausdruck. Diese Struktur trägt mit dazu bei, dass einzelne Provokateure keine Chance haben. Sie zeigt darüber hinaus, dass demokratische Verfahren gerade auch in komplizierten Situationen praktizierbar sind. Die Handlungsfähigkeit von heterogenen Truppen ist ergo auch ohne Ansagertum und ohne Befehlskette möglich. Die Blockaden sind deshalb auch ein Erfolg der selbstorganisierten Vielfalt gegenüber uniformierten Befehlsketten.

Anders kochen und campen für eine andere Welt

Während all dieser Ereignisse nimmt der Protestalltag auf den Camps seinen Lauf. Zugegeben: Die Suche nach Toiletten nervt manchmal und die Dixie-Klos gehören auf keinen Fall zu der anderen Welt, für die wir streiten. Aber ansonsten ist es faszinierend, wie die Protestcamps kommerzfrei und selbstorganisiert funktionieren. In täglichen Plena werden Probleme angesprochen und Entscheidungen gefällt. Wer wollte, konnte in diesen Tagen Organisation und Produktion jenseits der kapitalistischen Profitlogik nicht nur theoretisch erörtern, sondern live erleben und praktizieren. Die Volksküche - besser bekannt als VoKü - ist dafür nur ein Beispiel. Die VoKü schaffte es für mehrere tausende Menschen ökologisches und veganes Essen anzubieten, das - man glaubt es kaum - gut schmeckte. Zudem schafft die VoKü die logistische Meisterleistung, zu den Blockaden durchzudringen und die Blockierenden mit guter Vollwertkost zu versorgen. (Ob das der Pizzaservice auch geschafft hätte?)

Was danach kam

Wir schreiben inzwischen the day after. Die Gipfelproteste sind vorbei. Im DeutschlandradioKultur diskutiere ich mit SPD, CSU und attac über die Bilanz des Gipfels. Immerhin haben wir erreicht, dass die G8-Befürworter nicht alleine die Definitionsmacht haben. Zwischen den Mitstreitern im Bündnis gibt es erste Überlegungen, wie es nun weiter gehen soll. Bei allen Zerreißproben, sind doch während der letzten Tage Arbeitskontakte entstanden, die Lust auf weitere Zusammenarbeit machen.

Nachmittags kommen Freunde vorbei, die nicht bei den Protesten dabei sein konnte. Mir fällt wieder auf, wie sehr sich die Wahrnehmung der Leute, die die letzten Tage gemeinsam die Gipfelprotesten erlebt haben, von der Wahrnehmung deren unterscheidet, die auf die Medienberichte angewiesen waren.

Zwei Tage nach dem Ende der Gipfelproteste: Beim Auspacken der Taschen fällt mir eine Postkarte in die Hände, die wir in Rostock verteilten. Darauf steht: „Der Gipfel geht. DIE LINKE kommt.“ Richtig: In wenigen Tagen gründen wir die neue LINKE. Der Wäscheberg wird wohl noch eine Weile warten müssen.

Von Katja Kipping