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Offenen Wunden eine Chance geben zu heilen

Nachricht von Niema Movassat,

Von Margret Geitner, Referentin für Außenpolitik der Fraktion DIE LINKE

 

„Um vergeben zu können, benötigen wir eine Entschuldigung Deutschlands“, so die Worte von Ida Hoffmann, Vertreterin der Nama, angesichts der Dienstreise des Linksfraktion-Bundestagsabgeordneten Niema Movassat nach Namibia. Movassat reiste vom 22.-29.08.2012 durch das Land, um mit eigenen Augen etwas über die Situation in Namibia zu erfahren.

Vor mehr als 100 Jahren begingen die „Schutztruppen“ des deutschen Kaisers im damaligen Süd-West-Afrika den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts an den Herero, Nama und Damara. Zehntausende wurden ermordet oder man schaffte sie zur Zwangsarbeit in Konzentrationslager.
Die Fraktion DIE LINKE. hatte im Frühjahr 2012 einen Antrag in den Bundestag eingebracht und darin gefordert, dass Deutschland die Gräueltaten der kaiserlichen Truppen als Völkermord endlich anerkennen, sich dafür entschuldigen und Ausgleichszahlungen in Absprache mit den Opfergruppen leisten muss. Dies sind die Forderungen, die seit Jahren von den Herero und Nama erhoben werden.

Nach dem Besuch namibischer Abgeordneter in Berlin im Frühjahr 2012 und der Gründung einer namibisch-deutschen Freundschaftsgesellschaft im namibischen Parlament wollte Niema Movassat sich nun selbst ein Bild zu verschaffen und traf sich dazu mit Vertreterinnen und Vertretern aller Opfergruppen, namibischen Ministern, Abgeordneten, Wissenschaftlern, Gewerkschaftlern und NGO Mitglieder. Gerade die Gespräche mit dem Vorsitzenden der namibisch-deutschen Freundschaftsgruppe und dem Auswärtigen Ausschuss des namibischen Parlaments haben für die parlamentarische Arbeit eine hohe Bedeutung: „Dies muss der Beginn eines kontinuierliches inter-parlamentarischen Dialogs sein“, sagte Movassat zu Beginn seiner Reise. „Für eine wahre Versöhnung zwischen Namibia und Deutschland aber muss in einen ehrlichen und ergebnisoffenen Dialog eingetreten werden – unter gleichberechtigter Einbeziehung der betroffenen Bevölkerungsgruppen. Diese werden bisher ständig übergangen“, so führte er bei seinen Treffen immer wieder aus.
Niema Movassat wollte ursprünglich eine Rede auf dem alljährlich stattfindenden Herero-Day am 26.08. halten. Diese fiel allerdings in diesem Jahr nach Streitigkeiten zwischen verschiedenen Opferverbänden der Herero aus. Zwei Tage später aber hatte er dann die Möglichkeit auf einer öffentlichen Veranstaltung in Katutura, dem ehemaligen Township von Windhoek und einer der ärmsten Stadtteile Windhuks,- vor mehr als 250 Menschen und unter dem Titel „Gerechtfertigte Forderungen nach Reparation – wie kann es weitergehen?“ zu sprechen. Zu der Veranstaltung kamen auch Abgeordnete des namibischen Parlaments sowie die Anführer der Herero und Nama.

„Es ist absolut klar, dass Entwicklungszusammenarbeit sich grundsätzlich von Wiedergutmachung unterscheidet und auch kein Ersatz dafür sein kann. Wiedergutmachung ist keine Form von Hilfe, sondern der berechtigte Anspruch einer Partei, die sich aus der Anerkennung erlittener Ungerechtigkeit und Verbrechen ergibt“, sagte Niema Movassat in seiner Rede in Katutura. Er führte weiter aus, dass welches auch immer die nächsten Schritte sein mögen, sie dürften nicht von einer Seite (gemeint ist die deutsche Regierung) entschieden werden, sondern gemeinsam mit den Nachfolgern der Betroffenen.

Die in Deutschland häufig als eine Art Reparation missverstandene „Sonderinitiative“ in Höhe von einmalig 20 Mio. Euro, die die damalige Ministerin für Entwicklungszusammenarbeit Heidemarie Wieczoreck-Zeul veranlasst hatte, ist noch nicht einmal ein kleiner Ansatz für die Lösung der Probleme zwischen Namibia und Deutschland. „Versöhnung kann man nicht diktieren. Versöhnung kann man nicht über Entwicklungshilfegelder erwirken. Schon gar nicht über solche, die nicht nur einseitig von Deutschland entschieden wurden, sondern zudem – das haben nahezu alle Akteure in Namibia übereinstimmend beklagt – überhaupt nicht bei den Betroffenen ankommt, sondern in zahlreichen Kanälen von Beratern versandet“, so Movassat.

Niema Movassat führte auf seiner einwöchigen Reise nach Namibia Gespräche mit dem Fraktionsvorsitzenden der regierenden SWAPO Peter Katjavivi, dem Jugendminister Kazenambo Kazenambo, dem stellvertretenden Innenminister Elia Kaiyamo. Er traf Chief Rirurako von den Herero und Chief Fredericks von den Nama, sowie verschiedene Kommittees der Herero und Nama, den Auswärtigen Ausschuss der namibischen Nationalversammlung, Abgeordnete und Politiker von Oppositionsparteien und Bischof Zephania Kameeta. Der Bischof forderte in Übereinstimmung mit Niema Movassat, dass Deutschland seiner Verantwortung für den Völkermord gerecht werden müsse und diese gehe weit über normale Entwicklungszusammenarbeit hinaus.

Dieser Besuch von Niema Movassat war ein wichtiger Schritt für bessere Beziehungen zwischen den Menschen in Namibia und Deutschland, die eine ehrliche und die Vergangenheit in die Zukunft aufnehmende Beziehung wünschen. Er hatte die Möglichkeit, viele interessante Menschen zu treffen, ihnen zuzuhören und einen weiteren Schritt zu gehen auf dem Wege zu einer Auseinandersetzung Deutschlands mit seiner eigenen kolonialen Vergangenheit.
Solange die Löwen keine eigenen Historiker haben, werden Jagdgeschichten immer die Jäger als Helden feiern (westafrikanisches Sprichwort).

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