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»Nur gucken, nichts kaufen«

Im Wortlaut,

Martina Scheefeldt und ihre drei Kinder leben seit Jahren von Hartz IV. Für Weihnachtsgeschenke reicht das Geld nicht.

Von Ewald Riemer

Geschenke wird es dieses Jahr bei Familie Scheefeldt aus Celle zu Weihnachten nicht geben. Seit Jahren schon muss die Familie von Hartz IV leben. Weil das Geld nicht einmal reicht, um den Alltag zu meistern, kann Martina Scheefeldt (43) ihren Kindern Lea (8), Tobias (10) und Jan (19) keine Geschenke kaufen.

Der Weihnachtmarkt in Celle ist für viele Familien eine Attraktion, für die Scheefeldts ist er ein Hindernislauf: Es duftet nach gebrannten Mandeln, Karussells laden zum Mitfahren ein und an den Buden lockt Spielzeug. Ihren Kindern muss Martina Scheefeldt dann sagen: „Dafür reicht das Geld leider nicht.“ Die Devise lautet: „Nur gucken, nichts kaufen.“

„Die Kinder verstehen das mittlerweile“, sagt Martina Scheefeldt. Selbst kleine Wünsche kann sie ihnen kaum noch erfüllen. Im Sommer träumte Tochter Lea von modischen Holzschuhen. Aber auch die billigsten waren immer noch zu teuer. „Ich versuche, den Kindern trotzdem zu gönnen, was bei Hartz IV nicht vorgesehen ist“, sagt Martina Scheefeldt. Sie spart wo sie kann, vor allem bei sich selbst. Schuhe kaufte sie das letzte Mal vor fünf Jahren, Kleidung besorgt sie sich beim Roten Kreuz oder der Caritas.

Seitdem Familie Scheefeldt von Hartz-IV leben muss, ist selbst Alltägliches oft unerreichbar. Ein neues Kinderbett für Lea, neue Fußballschuhe für Tobias? Fehlanzeige. Vor fünf Jahren war sie mit ihren Kindern das letzte Mal im Urlaub. Bekannte schenkten ihr einen Ausflug an die Nordsee. Lea würde da gerne wieder hinfahren. Aber das Geld reicht derzeit nicht mal mehr für einen Ausflug ins benachbarte Hannover. „Unsere Welt wird immer kleiner“, sagt Martina Scheefeldt.

Dazu der tägliche Wahnsinn auf den Ämtern. Seit Jahren schon kämpft sie für eine Ausbildung zur Sozialassistentin. Erst hieß es, das gehe nur mit Hauptschulabschluss. Diesen finanzierte ihr ein Bekannter. Dann hieß es, der Abschluss reiche nicht aus, ein Realschulabschluss müsse her. Doch den wollte das Amt nicht finanzieren.
 
„Wie soll ich meinen Kindern Bildung vermitteln, wenn ich selbst keine Chance auf Bildung erhalte“, sagt Martina Scheefeldt. Sie könne in der Familie doch nur das weitergeben, was sie selbst besitze. Oft habe sie in den letzten Jahren aufgeben wollen. Doch jedes Mal rappelte sich Martina Scheefeldt wieder auf. „Den Triumph will ich dem Amt nicht gönnen.“  

Mittlerweile engagiert sie sich in einer Hartz-IV-Initiative, schreibt Briefe an Ämter und Politiker. Als FDP-Chef Westerwelle wieder einmal Hartz-IV-Empfänger als Faulenzer beschimpfte, zeigte sie ihn an. Doch die Staatsanwaltschaft lehnte eine Ermittlung ab. „Viele Menschen haben noch immer nicht begriffen, was Hartz IV tatsächlich bedeutet“, sagt Martina Scheefeldt.

Der Artikel erscheint in der gedruckten Ausgabe der Fraktionszeitung Klar am 16. November.

linksfraktion.de, 8. November 2010

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