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Mutterseelenallein.

Nachricht,

Minderjährige Flüchtlingskinder in Deutschland

Jugendliche Flüchtlinge in einem Aachener Wohnprojekt. Foto: Rico Preuss

 

Von Hannah Hoffmann

 

Nach Aachen, dicht an den Grenzen zu Belgien und den Niederlanden gelegen, kommen fast täglich unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Egal, wie ihnen die Flucht gelungen ist, sie haben einen Höllentrip hinter sich. Der Weg aus ihren Herkunftsländern ist weit gewesen, und nun sind sie in einer fremden deutschen Stadt und hoffen, dass die ihnen ein Schutzraum sein wird. Für viele von ihnen ist es ein Glück im ganzen großen Unglück, dass es in Aachen das christlich-diakonische „Zentrum für soziale Arbeit Burtscheid“ gibt, das eine lange und gute Tradition in der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe hat. Hier begann man frühzeitig, ein Kompetenzzentrum für junge Flüchtlinge aufzubauen. Dazu gehören das „Café Welcome“, in dem sie in den ersten Stunden ihres Aufenthalts Zuwendung und Unterstützung erhalten, und eine sogenannte Erstversorgungsgruppe. Es gibt die Wohngruppe Junge Flüchtlinge, die UMF Verselbstständigungsgruppen, wo die Jugendlichen lernen, auf eigenen Füßen zu stehen, und seit kurzem das „Wohnen für junge Flüchtlinge in modularer Form“. Letzteres klingt nicht nach einer Notlösung, ist aber zum Teil eine. Denn „modular“ bedeutet, dass aufgrund der steigenden Zahlen junger Flüchtlinge auf einem 4000 Quadratmeter großen Grundstück mobile Einheiten errichtet wurden, in denen bis zu 20 Jugendliche wohnen können. Man will nicht kapitulieren vor den Gegebenheiten, sondern gemeinsam mit der Bevölkerung, den Jugendämtern, der Politik vor Ort nach Lösungen suchen, auch wenn man die große Politik und die Bundesgesetze nicht ändern kann.

»Keine Angst ist größer als die, nicht bleiben zu dürfen«

Hannes Gerlof ist Kindheitspädagoge und arbeitet seit einigen Monaten im Kompetenzzentrum für junge Flüchtlinge. Er hat schnell gelernt, dass man als Betreuer alles in einem ist – Bezugsperson für die kleinen alltäglichen Probleme und die großen Ängste und Sorgen. Er verbringt wie alle anderen Mitarbeitenden viel Zeit auf Ämtern mit den Schützlingen, die aus Afghanistan, Syrien, Marokko, Kamerun, Eritrea, Mali kommen. „Manchmal bin ich einfach nur in der Küche und koche für die Jungs, manchmal sitze ich mit ihnen zusammen und versuche, ihnen Deutschland zu erklären. Ihre größte Erwartung ist, dass dieses Bildungsland ihnen ermöglicht, in die Schule zu gehen, und dass ihnen ein sicherer Aufenthaltsstatus gewährt wird. Keine Angst ist größer als die, nicht bleiben zu dürfen.“

Es gibt zu wenige Schulplätze in Aachen, vor allem in Förderklassen. Wie überall dauert die Clearingphase und die sich daran anschließende Zeit, in der über den Aufenthaltsstatus der Jugendlichen entschieden wird, lange, nicht selten Jahre, und ist psychisch extrem belastend. Umso wichtiger ist für die Jugendlichen, die ihren familiären Zusammenhalt verloren haben, in einer Gemeinschaft leben zu können – in Wohngruppen und Häusern, die ihnen Schutz bieten, in denen sie Ruhe finden und Hoffnung schöpfen können. Wo sie vor allem feste und zugewandte Bezugspersonen haben.

»Wir haben bis heute viel erreicht. Aber gerade jetztstehen wir wieder ohne Geld da«

Unter den gegenwärtigen Bedingungen und gesetzlichen Bestimmungen hat ein sogenannter Amtsvormund bis zu 50 „Fälle“ auf seinem Tisch liegen, persönliche, individuelle Betreuung ist so nicht möglich. Aber gerade das Engagement der Einrichtungen, in denen die Jugendlichen unterkommen, und das ihrer Vormünder entscheidet maßgeblich darüber, wie es ihnen ergeht. Ohne gesetzlichen Vertreter können Jugendliche unter 16 Jahren zum Beispiel keinen Asylsantrag stellen. Genau an diesem Punkt setzt ein Projekt wie „AKINDA – Netzwerk Einzelvormundschaften Berlin“ an, das ehrenamtliche Vormünder sucht, schult und unterstützt.

Unter dem Dach des Vereins Xenion, der politisch Verfolgten psychosoziale Unterstützung anbietet, sucht und findet AKINDA seit Mitte der neunziger Jahre Menschen, die sich als Vormund um junge, unbegleitete Flüchtlinge kümmern. Der Erfolg macht Hoffnung. „Zu unserem letzten Informationsabend, der für viele der Einstieg in die ehrenamtliche Arbeit als Vormund ist, sind 57 Menschen gekommen“, berichtet Barbara Noske. Claudia Schippel, die seit Ende der achtziger Jahre professionell mit unbegleiteten Minderjährigen arbeitet, AKINDA gegründet und im Laufe der Jahre selbst viele Mündel vertreten hat, erklärt: „Wir haben bis heute viel erreicht. Aber gerade jetzt, da die Bereitschaft zu ehrenamtlicher Vormundschaft wächst, stehen wir wieder ohne Geld da.“ Seit Jahren kämpft AKINDA um eine Regelfinanzierung, aber der politische Wille fehlt. 24 Vormundschaften wurden im vergangenen Jahr vermittelt, 66 Menschen sind insgesamt als Vormund tätig. Sie alle eröffnen ihren Mündeln die Chance auf ein würdevolles, unbedrohtes Leben.

»Ich möchte, dass man uns eine Chance gibt«

Susanne Ahlers kümmert sich um zwei Mädchen. Ihr Mündel Amina (Name geändert) spricht mit uns, will sich aber nicht fotografieren lassen. Sie kam als Zwölfjährige aus Westafrika nach Berlin. Heute geht sie in eine bilinguale Schule, spielt Handball in einem Verein, will Abitur machen und später einmal studieren. Vielleicht Medizin, vielleicht etwas anderes. „Einen Vormund zu haben ist gut“, sagt Amina. „Sie hat Zeit für mich, wenn ich Probleme habe, wir unternehmen viel zusammen, und ich fühle mich nicht allein.“ An diesem Tag hat Susanne Ahlers ihr Mündel von der Schule abgeholt, dann sind sie essen gegangen, und danach schauen sie sich Bilder von Paula Modersohn-Becker an. Ein Amtsvormund könnte dies nicht tun, selbst wenn er es wollte. Auf die Frage, was sie sich wünscht, sagt Amina: „Wir wollen alle viel schaffen. Ich möchte, dass man uns eine Chance gibt, denn wenn wir groß sind, können wir etwas für Deutschland machen.“

»Man soll Geld verteilen, nicht Kinder«

Es wäre eine Katastrophe, meint Susanne Ahlers, würde der Plan verwirklicht, Flüchtlingskinder genau wie erwachsene Flüchtlinge nach einem Schlüssel zu verteilen. „Man soll Geld verteilen, nicht Kinder“, sagt sie. „In einer Großstadt sind Kinder besser aufgehoben. Hier finden sie eine Community, die Chance auf passende Schulplätze ist größer. Wir können uns nicht vorstellen, wie schwer es zum Beispiel ist, sich auf unser Essen einzustellen. Alles ist fremd, vorsichtig werden die ersten Kontakte geknüpft, und dann sollen sie irgendwohin verteilt werden? Das wäre eine neue Katastrophe nach der, die sie gerade hinter sich haben.“ Claudia Schippel bestätigt das: „Wenn die Kinder und Jugendlichen nach ihrer Ankunft neu verteilt werden sollen, werden viele abtauchen. Das wissen wir aus Erfahrung.“

AKINDA bereitet Menschen darauf vor, für einige Jahre Kindern und Jugendlichen wie Amina zur Seite zu stehen. Dafür ist eine Stelle finanziert und ein bisschen Geld da, um die künftigen Vormünder schulen zu können. Vormund zu sein ist anstrengend und zugleich wunderbar. Man hat mit medizinischen „Altersfeststellungsverfahren“ (ein Unwort und ein Unding) zu tun, quält sich durch Briefe von Gerichten und Jugendämtern und verwirrende medizinische Gutachten, begleitet sein Mündel zu Anhörungen beim Bundesamt für Asyl, sucht und findet einen Platz zum Wohnen, bietet als Zwischenlösung auch mal die eigene Schlafcouch an, trägt sich unter Umständen sogar mit dem Gedanken einer Adoption, kommuniziert zu Anfang mit Händen und Füßen, verteidigt sein Mündel gegen strukturelle Diskriminierung, findet irgendwann den richtigen Schulplatz und später vielleicht einen Praktikumsplatz. Hinter dieser Form der Flüchtlingshilfe steckt viel – AKINDA ist sozusagen das Scharnier zwischen Hilfebedürftigen und Hilfsbereiten. Warum eine Stadt wie Berlin eine solche Arbeit so wenig unterstützt, bleibt ein Rätsel.

 

Dieser Artikel erscheint in der neuen Ausgabe (#9) von LOTTA, dem feministischen Magazin der Fraktion.

 

linksfraktion.de, 2. März 2015

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