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»Mir fehlt die Empörung«

Im Wortlaut,

Der Liedermacher Konstantin Wecker über sein Engagement gegen Nazis, andere Wege des Zusammenlebens und darüber, was er derzeit vermisst: Empörung

Ein sonniger Januartag im Berliner Stadtteil Friedrichshain. In einem alten Haus, beschmiert mit Graffiti und beklebt mit Antifa-Plakaten, liegt das Studio des linken Internetfernsehens Leftvision. Kameramann, Aufnahmeleiter und der Künstler Commander Shree Stardust warten auf Konstantin Wecker. Der Liedermacher, Schauspieler und Komponist will hier mit ihnen zusammen ein Mobilisierungsvideo gegen den Nazi-Aufmarsch am 19. Februar in Dresden drehen.
 
Mit mehr als einer Stunde Verspätung trifft Konstantin Wecker ein. Mit einem Rollkoffer und einem schwarzen Rucksack zwängt er sich abgehetzt durch die Tür in das kleine enge Studio. Wecker und die anderen begrüßen sich kurz. Die Zeit ist knapp, in weniger als einer Stunde muss Konstantin Wecker zum Flughafen, in München wartet ein anderer Termin. Aus seiner Jackentasche zieht er eine kleine Schminkdose, reibt sich das Gesicht ein, um kurz darauf Texte einzuüben, den Film zu drehen.

Nach vierzig Minuten ist der kurze Clip im Kasten. Konstantin Wecker hat jetzt die Uhr im Blick. Er muss los, zum Flughafen Tegel. Das Interview droht zu platzen. Es ist Freitagnachmittag, kurz nach vier. Der Berufsverkehr hat begonnen. Wenn der so wird, wie man ihn sich für gewöhnlich nicht wünscht, dauert die Fahrt vielleicht dreißig Minuten. Das könnte doch noch reichen für ein Interview. "Herr Wecker, können wir das Interview im Taxi machen?" "Na klar", sagt Konstantin Wecker. Wir steigen ein.

Herr Wecker, warum engagieren Sie sich bei den Protesten gegen Nazis in Dresden?

Konstantin Wecker: Für mich ist das eine logische Fortsetzung eines vierzigjährigen antifaschistischen Weges.

Einige Kritiker behaupten, Sie wären bei den Anti-Nazi-Protesten auf einen populären Zug aufgesprungen?

Auch wenn das - verständlicherweise - einige Jüngere bisher nicht so wahrgenommen haben: Antifaschismus, das gehört zu meinem Leben. Viele meiner Lieder beschäftigen sich damit - sage nein, die weisse Rose, Vaterland - und das schon seit Beginn meiner Karriere. Antifaschismus - das ist mir seit langem ein Anliegen des Herzens.

Wie kam es dazu?

Vor allem durch meine Eltern. Mein Vater war ein Gegner des Dritten Reiches. Er schaffte es, nicht in den Krieg zu gehen und zu überleben. Ihm versprach ich schon vor langer Zeit, nie eine Uniform anzuziehen und wachsam zu sein in Sachen Nazis. Auch meine Mutter war bis zu ihrem Tode auf sämtlichen Demos in München unterwegs, wenn es gegen Nazis und Militär ging. Sie war immer ganz vorn dabei, hat sich gesagt: "Diesen ganzen Schmarrn habe ich schon damals erlebt."

Viele Jahre lang konnte man in Deutschland den Eindruck haben, die Politik ignoriere oder unterschätze das Problem eines wachsenden Rechtsradikalismus. Ganz nach dem Motto: Ein paar rechte Problemjungs, aber wir haben alles unter Kontrolle, das wächst sich aus. Wie ist Ihr persönlicher Eindruck?

Zum Glück wird jetzt endlich mehr und umfassender über die rechte Bewegung und ihre Gewalt gesprochen und berichtet. Eine Gewalt, die leider viel brutaler ist, als sie lange Zeit in den Medien dargestellt wurde. Andererseits glaube ich aber nicht, dass wir in Deutschland gefährdet sind, nochmals einen Faschismus dieser Art zu erleben. Da haben wir Lehren aus der Geschichte gezogen. Aber es genügen schon ein paar dieser unverbesserlich Gestrigen, damit man sich gegen sie und ihre verheerenden Thesen wehren muss.

In vielen europäischen Staaten sind Rechtspopulisten und Nationalisten auf dem Vormarsch.

Bestes Beispiel Ungarn. Da dürfen derzeit richtige Antisemiten in Zeitungen ihren Dreck loswerden, die Medien werden zensiert, aber bei uns wird unentwegt über China geschimpft. In Sachen Ungarn ist unsere ach so freie Presse ziemlich still. Es gibt ein paar Aufrufe von Philosophen, ein paar Artikel und Einzelaktionen, aber sonst höre und lese ich nicht viel. Wo ist denn der Herr Westerwelle jetzt? Warum wird er denn nicht laut und spricht sich gegen die haarsträubenden Zustände in Ungarn aus.

In einem Ihrer Texte – einem Resümee für das Jahr 2010  – bedauern Sie, dass die Zustände in unserem Land noch immer nicht zu einer großen sozialen Bewegung geführt haben. Warum bleibt das Ihrer Meinung nach aus?

Weil Deutschland – wie schon Heinrich Heine sagte – ein zur Revolution ungeeignetes Land ist. Es ist zum Heulen. Ein neues Lied von mir trägt den Titel »Empört euch«. Es ist angelehnt an die Wutschrift des dreiundneunzigjährigen französischen Widerstandskämpfers Stéphane Hessel. Darin schreibt er, dass in den letzten zehn Jahren weltweit derart haarsträubende Zustände eingetreten seien, dass wir etwas dagegen tun müssten und man heutzutage nicht sagen könne: Ich habe nichts davon gewusst.

Ihnen fehlt die Empörung der Menschen?

Ja, wir müssen wieder lernen, uns zu empören. Das gehört zum Leben dazu. Schöpfung ist Widerstand und Widerstand ist Schöpfung - wie Hessel in seinem Buch sagt.

Aber warum empören sich denn nun so wenige Menschen?

Es fehlt oft die Lust, sich zu informieren. Wer sich beispielsweise nicht nur vom Privatfernsehen berieseln lässt, sich stattdessen umfassend informiert, etwa über die Zusammenhänge von Wirtschaft und Politik, der ist doch schon nach den ersten fünf Minuten empört.

Der Bahnhofsneubau in Stuttgart muss Sie ziemlich empört haben. Immerhin sind Sie als Münchner wegen eines Bauprojektes nach Stuttgart gefahren, haben demonstriert und mehrere Konzerte gegeben?

In der Tat. Stuttgart 21 ist für mich zu einem Symbol dafür geworden, wie stark Wirtschaft und Politik miteinander verfilzt sind. Mittlerweile leben wir in einem System, in dem alles, was man tut, nach Kosten und Nutzen ausgerechnet wird. Es gibt überhaupt keine anderen Werte mehr. Außer dem einen: Wie kann ich den anderen bescheißen, wie kann ich mich noch mehr bereichern.

Und was kommt nach der Empörung?

Da kommt es darauf an, Modelle für einen dritten Weg der Wirtschaft zu entwickeln. Weg vom Kapitalismus und auch Kommunismus, hin zu einer Gemeinwohlökonomie. Da gibt es viele spannende Modelle. In meiner Utopie traue ich den Menschen zu, dass sie herrschaftsfrei und gewaltfrei leben können. Daran sollten wir arbeiten. Ich selbst werde das wahrscheinlich nicht mehr erleben. Aber – wie sagte Erich Fromm doch so schön: Hoffnung heißt auch, an etwas weiter zu glauben, was man zu seinen Lebzeiten vielleicht nicht mehr erleben kann.

Wie könnte das aussehen?

Die große Vision mag und kann ich nicht geben. Aber ich sehe überall Beispiele auf der Welt, wo Menschen andere Wege suchen und gehen.

Zum Beispiel?

Da gibt es so vieles. Erst kürzlich habe ich von einer kleinen Stadt in den USA gelesen, in der sich 300 oder 400 Menschen einen Supermarkt gekauft haben. Gemeinschaftlich organisieren sie den. Eine Person ist festangestellt, alle können super billig einkaufen und dafür muss jeder nur einmal pro Monat in dem Supermarkt arbeiten - vom Klo putzen über Lagerarbeit bis hin zur Kasse. Jeder ist einmal dran. Das funktioniert wunderbar und die riesigen Supermarktketten sind stinksauer.

Statt großer Theorien also kleine konkrete Projekte?

Es geht nur von unten, von den Menschen vor Ort, durch Vernetzung, Informationen und konkrete Projekte - so lässt sich eine andere Welt starten. Liebend gerne würde ich bei solidarischen Projekten wie dem in den USA mitmachen, zweimal im Monat irgend so einen Job machen, Klo putzen, verkaufen, egal was. Das finde ich spannend.

Erleben Sie gerade eine Art Revival?

In gewisser Hinsicht schon. Seit der großen Wirtschaftskrise kommen viele Menschen auf mich zu und sagen: Moment, der hat seine Kritik doch dreißig Jahre lang gesungen, ist bei seiner Meinung geblieben und eigentlich hat er Recht.

Und vor der Krise?

Da war das alles viel schwieriger, da wurde man doch permanent als Gutmensch verlacht und desavouiert, wenn man sich beispielsweise für Frieden einsetzte. Was hab ich nicht alles für Häme und Bosheiten einstecken müssen, als ich damals im Irak war, um gegen den Krieg zu protestieren.

Da hat man sie als naiv bezeichnet.

Mehr noch. Das waren Jahre, in denen viele Konservative und vor allem auch Medienmacher eine der besten Waffen zückten: das Lächerlichmachen. Den Menschen zu erzählen, dass etwas uncool sei, etwa das Engagement für Frieden oder aber andere Wirtschaftsformen. Leider ist es so: In dem Moment, wo Demonstrieren uncool ist, und dies nur oft genug und auf allen Kanälen wiederholt wird, demonstriert keine Sau mehr. Aber genau das muss wieder cool sein.

Warum gibt es dieses Lächerlichmachen?

Es ist der Trick eines Systems, das sich ganz grundsätzlich und furchtbar davor fürchtet, dass sich die Menschen empören könnten, dass sie sich wieder engagieren könnten. Wir sehen doch jetzt in den arabischen Ländern, wie die Herrscher erzittern, wenn ein ganzes Volk aufsteht.

In einigen älteren Interviews mit Ihnen steckt der Spott einiger Journalisten teilweise schon in den Fragen. Hat sich durch die Wirtschaftskrise vielleicht etwas im Umgang der Journalisten mit Ihnen geändert?

Die Selbstherrlichkeit ist vorbei. Noch vor wenigen Jahren habe ich bei vielen gespürt, wie sicher sie sich waren. So sicher darüber, dass die Welt, in der sie leben, die richtige ist. Dass das alles ewig halten wird. Aber nicht alle waren so. Ich habe auch mit vielen tollen Journalisten gesprochen, die Zweifel hatten, sich ausgegrenzt fühlten. Aber ja, diese Selbstherrlichkeit ist vorbei. Und das ist gut so.

Wie sind Sie persönlich durch die Jahre gekommen, in denen ein solches Engagement für Frieden und Gerechtigkeit "unccol" war?

Zum Glück hatte ich immer ein treues Stammpublikum. Zudem bestehen meine Lieder ja nicht ausschließlich aus politischen Statements. Das würde ich im Übrigen auch für völlig verkehrt halten. 80 Prozent meiner Lieder sind Liebeslieder. Ich bin ein Vollblutmusiker und konnte mich musikalisch immer weiterentwickeln. Da hatte ich andere Chancen. Anfang der 1990er Jahre war ich mit den tollsten Jazzmusikern unterwegs oder mit Orchestern. Diese musikalische Vielfalt war es auch, die mich durch diese Jahre getragen hat.

Sie haben nie gezweifelt?

Nein, an meinem Pazifismus, meinem Antimilitarismus habe ich nie gezweifelt, an vielem anderen schon. Vor allem auch immer wieder an mir selbst. Ich war und bin mir immer sicher darüber gewesen, dass diese Form des Wirtschaftssystems nicht gerecht sein kann. Ich wollte auch nie wie viele andere den Weg eines Herrn Joschka Fischers gehen.

Der einstige Sponti, spätere Außenminister und jetzige Unternehmensberater.

Diese Leute, die früher mal Revoluzzer waren und heute nichts mehr damit zu tun haben. Die Schlimmsten sind ja die geworden, die in den 1970er Jahren die strengsten Ideologen waren. Sie sind heutzutage die strammsten Konservativen.

Haben Sie daran geglaubt, mit ihren Liedern etwas zu verändern?

Ich habe nie geglaubt, dass ich mit meinen Liedern Politik machen kann und die Welt verändere. Bei dieser Frage muss man aber die Perspektive verändern.

Wie denn?

Was anders wäre, wenn ich nicht das getan hätte, was ich tat. Ich bin nur ein Teil eines Mosaiks, so wie viele anderen Menschen auch. Mit unserer Arbeit, unserem Engagement für Gerechtigkeit sind wir kleine Steinchen eines großen Ganzen. Und wenn es diese Steinchen mit all ihrem Tun nicht geben würde und nicht gegeben hätte, dann sehe die Welt heute ganz bestimmt anders aus - noch schrecklicher. So gesehen kann ich sagen: Ich habe mit meinen Liedern etwas verändert.

Wie sieht Ihre eigene Empörung eigentlich aus?

Im Rahmen dessen, was ich machen kann. Ich bin ja kein Politiker und habe es auch nicht annähernd vor, einer zu werden. Dafür bin ich zu sensibel und  wäre nach einem halben Jahr wohl schon mit einem Nervenzusammenbruch in einer Klinik. Es wäre auch falsch. Mein Talent liegt woanders. Ich bin Künstler. Also ist es meine Empörung, den Mund aufzumachen, zu singen, zu texten. In der Öffentlichkeit nicht über das zu schweigen, was mich stört. Und: Dass ich mich wie in Dresden oder Stuttgart der Situation vor Ort stelle, dabei bin und mich weiterhin für eine gewaltfreie und gerechtere Welt einzusetzen versuche. Nach Maßgabe dessen, was ich vermag.

Interview: Benjamin Wuttke

linksfraktion.de, 5. Februar 2011

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