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Lohnverzicht schafft keine neuen Arbeitsplätze

Im Wortlaut,

Eine aktuelle Studie punktet mit unbequemen Fakten gegen eine weit verbreitete These

Eine der häufigsten Behauptungen der deutschen Talkshow-Ökonomen lautet: »Lohnverzicht schafft Arbeitsplätze!« Beweise dafür gibt es aber nicht, zeigt eine neuere Untersuchung.

Gerne behaupten deutsche Talk-show-Ökonomen, dass Lohnverzicht neue Arbeitsplätze schaffe. Beweise für diese These gibt es indes nicht. Das belegt - wieder einmal - eine neue Studie. Jürgen Kromphardt, Wirtschaftsprofessor und ehemaliges Mitglied des Sachverständigenrats zur Begutachtung der wirtschaftlichen Entwicklung, und die Volkswirtin Stefanie Schneider haben darin Untersuchungen zum Zusammenhang von Lohnentwicklung, Wirtschaftsentwicklung und Beschäftigung ausgewertet. Das Ergebnis: Mit sinkenden oder zumindest nicht steigenden Löhnen können im Export mit preisgünstigen Produkten größere Marktanteile erobert werden. Dies erlaubt es theoretisch, mehr Leute einzustellen. Wer seine Produkte im Inland verkauft, leidet dagegen unter der rückläufigen Kaufkraft. Das wiederum kostet Arbeitsplätze.

Für die Forscher stellte sich daher die Frage, welcher der beiden Effekte überwiegt. Der deutschen Wirtschaft bescheinigen sie eine Begünstigung der Exporte durch die Lohnzurückhaltung. Dies bestätigen im Übrigen auch Bundesbank und OECD: Mit den im Weltmaßstab stagnierenden Lohnstückkosten sei die Konkurrenzfähigkeit der deutschen Unternehmen auf dem Weltmarkt so stark gestiegen wie seit 1945 noch nie, heißt es dort. Kromphardt und Schneider stellen jedoch fest, dass die dadurch verursachte schwache Binnennachfrage die Vorteile wieder zunichte gemacht hat.

Die Ergebnisse von Kromphardt und Schneider verwundern kaum: Seit 1996 sind die Lohnerhöhungen hinter Produktivitätsfortschritt und Preissteigerungen zurückgeblieben. Während ein immer größerer Teil des mehr Erwirtschafteten an die Kapitalseite ging, sanken zugleich die Lohneinkommen. Alleine in der Metall- und Elektroindustrie stiegen die Bruttogewinne der 40 DAX-Unternehmen zwischen 2004 und 2007 um 373 Prozent! Nach Angaben von Gesamtmetall blieben davon selbst nach allen Steuerzahlungen und -verkürzungen netto noch 220 Prozent übrig. Die Löhne und Gehälter in der Branche nahmen dagegen nominal um 10 Prozent, real aber nur um schmale 2 Prozent zu.

Gesamtwirtschaftlich betrachtet bekommen Beschäftigte, die zu Stundenlöhnen zwischen 9 und 16 Euro arbeiten, heute weniger als im Jahr 1995. Davon betroffen ist mehr als die Hälfte der Arbeitnehmer in Deutschland. Gleiches gilt für Beschäftigte, deren Stundenlohn unter 9 Euro liegt.

Das Institut Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen hat ermittelt, dass die Realeinkommen des am wenigsten verdienenden Bevölkerungsviertels zwischen 1995 und 2006 um fast 14 Prozent gesunken sind. Somit haben gerade jene Arbeitnehmer verloren, die von ihrem niedrigen Einkommen kaum sparen können, sondern es für den täglichen Lebensunterhalt sofort wieder ausgeben müssen. Zu den Verlierern gehören nicht nur Minijobber und Teilzeitkräfte, sondern auch Geringverdiener mit Vollzeitstelle. Wenig gestiegen sind nach Angaben der Duisburger Forscher dagegen lediglich die Einkünfte von Besserverdienern, die ihr zusätzliches Einkommen aber eher in Wertpapieren anlegen, als es für Konsumgüter auszugeben.
Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass sich der Trend zu einer stärkeren Öffnung der Lohnschere auch trotz teils höherer Tarifabschlüsse in der jüngeren Vergangenheit nicht umgekehrt hat. Sie plädieren deshalb für einen bundesweiten gesetzlichen Mindestlohn. Aber so nötig der auch wäre: Eine offensive Lohnpolitik der Gewerkschaften kann er nicht ersetzen.

Angesichts der aktuellen weltwirtschaftlichen Risiken, verstärkt durch die Finanzkrise, wird nun aber wieder die Forderung nach zurückhaltenden Lohnabschlüssen laut werden. Es ist eben nie Zeit für ordentliche Lohnerhöhungen. In Boomzeiten nicht, weil’s dann wieder schlechter werden könnte, im beginnenden Aufschwung nicht, weil’s dann den Boom gefährdet und im wirtschaftlichen Abschwung sowieso nicht. Denn da ist dann kein Geld mehr da.

Von wegen aber: »Der Lohnverzicht von heute sind die Investitionen von morgen und die Arbeitsplätze von übermorgen.« In den vergangenen Jahrzehnten hat eine Senkung der Lohnquote um einen Prozentpunkt die privaten Investitionen gerade mal um 0,07 Prozentpunkte erhöht. Der gleichzeitig einsetzende Rückgang des privaten Konsums fällt mit 0,37 Prozentpunkten deutlich stärker aus und schafft damit auch keine Arbeitsplätze. Im Gegenteil.

Jürgen Kromphardt und Stefanie Schneider raten deshalb von einer Lohnpolitik ab, die sich nicht am gesamtwirtschaftlichen Verteilungsspielraum orientiert. Von Lohnzurückhaltung hätten in der Vergangenheit vor allem Unternehmen und Kapitaleigener profitiert, resümieren sie.

Die in den letzten zwei Jahren neu eingestellten Arbeitnehmer haben ihre Jobs eben nicht den bescheidenen Lohnsteigerungen zu verdanken, sondern vor allem dem konjunkturellen Aufschwung. Ohne steigende Kaufkraft und damit Binnennachfrage kann sich das - so sollte deutlich geworden sein - bei nachlassender Exportkonjunktur schnell wieder ändern. Um dem entgegenzuwirken braucht es - trotz aller Widrigkeiten - eine offensive Lohnpolitik der DGB-Gewerkschaften.

Von Thomas Händel

Der Autor ist 1. Bevollmächtigter der IG Metall Fürth

Neues Deutschland, 24. Oktober 2008

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