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Lohnskandal Ost

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Am Freitag erscheint die neue Ausgabe der Fraktionszeitung Klar. Vorab ein Beitrag, der 28 Jahre nach dem Fall der Mauer die immer noch herrschende Lohnungleichheit in Ost und West thematisiert. Noch immer müssen Beschäftigte im Osten Deutschlands im Durchschnitt pro Jahr fast zwei Monate länger arbeiten als im Westen. Mit dramatischen Folgen für die Renten. Von Ruben Lehnert

 

Am frühen Morgen des 10. August 2017 ziehen rund 100 Beschäftigte eines großen deutschen Molkerei-Konzerns durch Erfurts Innenstadt. Ihre gelben Warnwesten leuchten in der Morgendämmerung, sie schwenken Fahnen und blasen in Trillerpfeifen. Seit 5.30 Uhr bestreiken sie die Produktion von Mascarpone und Sahne. Ihr Motto: "Gute Arbeit – Gerechter Lohn – Sonst wird nicht nur die Milch sauer!"

Im Pulk marschieren auch Anke Bendixen und Dietmar Fuchs mit. Die 52-Jährige arbeitet in der Verwaltung. Der 62-Jährige hat früher als Anlagenfahrer gearbeitet, heute ist er freigestellter Betriebsrat. Beide sind erbost über die Konzernführung: Die rund 320 Beschäftigten in Thüringens Landeshauptstadt sollen eine geringere Lohnerhöhung erhalten als ihre Kolleginnen und Kollegen im Westen, die dieselbe Arbeit machen. "Diese Unterschiede sind im Jahr 2017 eine Schande", sagt Anke Bendixen, "aber wir lassen uns nicht abhängen."

Ost-Löhne liegen bei 82 Prozent des Westniveaus

28 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer erhalten Beschäftigte in Ostdeutschland immer noch weniger Lohn als ihre Kolleginnen und Kollegen im Westen: Die Ost-Löhne liegen bei 82 Prozent des Westniveaus. Sie sind also um rund ein Fünftel niedriger. Um genauso viel Lohn zu erhalten wie Werktätige im Westen, müssen Beschäftigte im Osten 39 Tage länger arbeiten. Das entspricht fast zwei Monaten zusätzlicher Arbeit pro Jahr.

Wie krass diese Unterschiede sind, zeigt der Entgelt-Atlas der Bundesagentur für Arbeit. Bei Verkäuferinnen beträgt diese Differenz im Mittel rund 500 Euro pro Monat, bei Automechanikern liegt der Unterschied bei mehr als 800 Euro, bei Maschinenbaumechanikern sogar bei mehr als 900 Euro im Monat.

Die Gründe für die Lohndifferenz sind vielfältig. Im Osten ist nur rund jeder fünfte Betrieb (22 Prozent) an Tarifverträge gebunden, im Westen ist es fast jeder dritte (31 Prozent).

Die Arbeitslosenquote betrug im Oktober 2017 im Osten 7 Prozent, im Westen nur 5 Prozent.

Es bleibt noch viel zu tun

Die niedrigen Löhne von heute führen morgen zu Altersarmut. Deshalb wächst diese Gefahr im Osten besonders stark. Dort ist der durchschnittliche Rentenanspruch nach 35 Jahren Berufstätigkeit in den Jahren 2000 bis 2016 bei langjährig Versicherten, die neu in Rente gingen, von 1.016 auf 826 Euro gesunken – ein Minus von 18,7 Prozent. Hinzu kommt, dass die Renten in Ost und West unterschiedlich berechnet werden. Im Osten ist ein Entgeltpunkt, der für die Berechnung der Rente entscheidend ist, 29,96 Euro wert, im Westen aber 31,03 Euro.

Immerhin: Der Arbeitskampf im Erfurter Molkerei-Werk war erfolgreich. Nach einem achtstündigen Streik stockte die Konzernführung ihr Angebot auf. Die Beschäftigten erhalten beinahe dieselbe Lohnerhöhung wie Beschäftigte in den alten Bundesländern: ab dem nächsten Jahr 0,45 Euro zusätzlich pro Stunde. "Der Streik hat gesessen", meint Betriebsrat Dietmar Fuchs. Doch bis in Ost und West gleichermaßen gute Löhne gezahlt werden, bleibt noch viel zu tun.


Weitere Themen in der aktuellen Ausgabe von Klar: Die soziale Opposition – alle Abgeordneten der neuen Fraktion, die zehn wichtigsten ersten parlamentarischen Initiativen und ein Interview mit den Vorsitzenden Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch. Reportagen, Features, Berichte und Kommentare gibt’s außerdem zu den Themen prekäre Arbeit, ambulante Pflege und Altersarmut. Hinzu kommen ein Interview mit dem Regisseur Matthias Coers sowie Buchtipps, Karikaturen und ein Preisrätsel. 

Klar kostenfrei bestellen und in der Nachbarschaft verteilen per Mail an: versand@linksfraktion.de

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