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Kundus wirft ein Schlaglicht auf die gescheiterte Strategie des Westens

Im Wortlaut von Christine Buchholz,


Von Christine Buchholz, verteidigungspolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag


Drei Tage nach der Eroberung von Kundus durch die Taliban wurde gemeldet, die Stadt sei wieder unter Kontrolle der afghanischen Regierungstruppen. Schon lässt die mediale Aufmerksamkeit wieder nach. Doch die Ruhe trügt. Die Tatsache, dass die Taliban eine strategisch wichtige Stadt mit 300.000 Einwohnern in wenigen Stunden unter ihre Kontrolle bringen konnten, zudem noch hunderte Kilometer von ihren Hochburgen im Süden des Landes entfernt, stellt den größten militärischen Erfolg der Aufständischen seit Beginn des Krieges 2001 dar.

Die Bundesregierung reagiert reflexhaft: Das bestehende Mandat der Bundeswehr soll verlängert werden. Schon werden Stimmen in Großer Koalition und Bundeswehr laut, die auch die Ausweitung des Mandates fordern. Beides führt in die Irre.

Wie von der Mafia regiert

Die Frage ist: Warum gelang es einigen hundert Taliban quasi im Handstreich eine Großstadt zu übernehmen, in der einige tausend Soldaten der afghanischen Streitkräfte stationiert sind? Die Antwort lautet: Weil diese Soldaten nicht gekämpft haben. Lediglich Polizeikräfte haben sich den Taliban in den Weg gestellt.

Das lag nicht daran, dass die afghanischen Soldaten zu schlecht ausgebildet sind. Der Grund ist politischer und sozialer Natur. Die Soldaten der regulären Armee sind unterbezahlt und ohne Perspektive. Die Macht in der Provinz Kundus konzentriert sich in den Händen so genannter Warlords. Deren Milizen, so meldet die UN-Nachrichtenagentur IRIN, hätten in der Vergangenheit Zivilisten überfallen und erpresst sowie ihren Besitz gestohlen. Warum sollten die Soldaten ihr Leben riskieren, um Leute an der Macht zu halten, die wie die Mafia regieren? Dabei ist es gleichgültig, ob die afghanischen Soldaten gut ausgebildet sind oder nicht.

Die Rückeroberung der Stadt Kundus wurde mit afghanischen Spezialkräften durchgeführt, die von weit hergeholt werden mussten. Sie wurden dabei von US-Bombardements unterstützt, sowie von US-Spezialeinheiten am Boden. Auch die Bundeswehr soll im Kampfgebiet die afghanischen Sondereinheiten beraten haben, so das Verteidigungsministerium. Zu den Aktivitäten des Kommandos Spezialkräfte (KSK), das nach wie vor in Afghanistan operiert, macht die Bundesregierung keine Angaben.

Gefährliche Dynamik

Die bereits in den letzten Wochen sichtbar gewordene Bereitschaft der Regierung in Washington, verstärkt auf Kampfoperationen in Afghanistan zu setzen, setzt eine gefährliche Dynamik in Gang. Der geplante Abzug aus Afghanistan rückt in immer weitere Ferne. Statt abzuziehen treibt die US-Regierung die eigenen Truppen immer tiefer in einen nicht enden wollenden Krieg hinein. Dies mag die korrupte Zentralregierung länger im Amt halten, doch zugleich wird der Konflikt eskaliert und die zugrundeliegenden sozialen und politischen Probleme vertieft.

Dass die Bundesregierung im Windschatten der US-Armee in Afghanistan weiter militärisch mitmischen will, ist brandgefährlich. Es macht deutsche Entwicklungshelfer und einheimische Mitarbeiter zu Zielscheiben von Vergeltungsaktionen. Dabei ist es gleichgültig, ob die Bundeswehr offiziell nur Regierungsstellen berät und Truppen ausbildet. Sie sind Teil eines Krieges, in dem sie als Fremde gesehen werden, die eine korrupte Regierung und Warlords an der Macht halten. Den Aufständischen entgeht auch nicht, dass Deutschland daran beteiligt ist, Personen auf die Todeslisten des amerikanischen Drohnenprogramms zu setzen. Diese Verstrickung in den so genannten Anti-Terror-Krieg, der selbst auf nichts anderem als der Ausübung von Terror beruht, macht die Situation hierzulande unsicherer, nicht sicherer.

Bundeswehr sollte sich nicht an Endloskrieg beteiligen

Der Fall Kundus‘ wirft ein Schlaglicht auf das Scheitern der Strategie des US-geführten Bündnis. 14 Jahre Krieg in Afghanistan verdeutlichen, dass die Taliban nicht auf militärischem Wege geschlagen werden können. Denn wenn Drohnen und Hubschrauber Tod bringen, dann werden Menschen Widerstand leisten. Jeder getötete Zivilist, aber auch jeder getötete Aufständische hinterlässt Angehörige und Freunde. So werden Gruppen wie die Taliban immer neue Rekruten finden.

Dies ist die Lehre aus Kundus. Die Bundeswehr darf nicht Teil eines Endloskrieges in Afghanistan sein. Sie muss unverzüglich abgezogen werden.
 

linksfraktion.de, 2. Oktober 2015