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Glockenläuten, Klassenkampf - Nürnberg steht hinter der streikenden AEG-Belegschaft

Im Wortlaut von Klaus Ernst, Oskar Lafontaine,

»Der Oskar« und »der Klaus« haben ein Heimspiel an diesem kalten Mittwochmorgen vor den Toren des Nürnberger AEG-Werks. Pünktlich um 8.30 Uhr sind die Politpromis aus Berlin erschienen, und die Streikenden drängeln sich vor dem Eingang. Dann setzt sich der Pulk in Bewegung, in Richtung Tor 4 in der Muggenhofer Straße, wo die Facharbeiter und Meister Streikposten stehen. Auf dem Weg dorthin läutet die Streikglocke, die katholische Betriebsseelsorger des Bistums Bamberg auf einem Gestell vor sich her schieben. Der Herrgott ist mit den roten Fahnen an diesem Tag. Anwohnern, die sich vor die Häuser gestellt haben, steht Rührung im Gesicht.

Lafontaine klettert auf einen Stapel Holzpaletten, die die umliegenden Supermärkte täglich zum Heizen der Feuertonnen vorbeibringen, stützt sich bei Klaus Ernst auf und sagt Sätze wie: »Die Fratze des Kapitalismus wird immer hässlicher«. Und dass eigentlich die Belegschaft Eigentümerin einer jeden Fabrik sei. »Ihr habt das schließlich alles aufgebaut!« Es könne nicht so weitergehen mit der Politik gegen die, die Werte schaffen.

Für die 500 Zuhörer der Frühschicht sind das keine Phrasen. Es ist nicht nur die Angst vor Arbeitslosigkeit, Hartz IV und dem Absturz, die das Ergebnis der Urabstimmung unter den Gewerkschaftern der 1700 Köpfe starken Belegschaft mit 96,4 Prozent zum »höchsten in der Geschichte der IG Metall« machte, wie die Streikzeitung stolz vermeldet. Es ist auch die Wut über die Missachtung ihrer Lebensleistung. Viele arbeiten hier seit Jahrzehnten, sind stolz auf ihre Marke AEG.

Einst Symbol des »Wirtschaftswunders«
»Aus Erfahrung Gut« wurde die Abkürzung jahrzehntelang in Werbespots ausbuchstabiert, jedem Bundesbürger ist sie ein Begriff. Die 1883 als »Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft« gegründete Traditionsfirma galt nach dem Zweiten Weltkrieg als Symbol des westdeutschen »Wirtschaftswunders«. Ihre Waschmaschinen, Kühlschränke und Spülapparate waren Insignien des bescheidenen Wohlstands der kleinen Leute. Und jetzt will Electrolux, der neue Eigentümer aus Schweden, ausgerechnet das Nürnberger Stammwerk dichtmachen und nach Polen verlagern. Was AEG aus ihrer Sicht heute heißt, haben Streikende auf Schilder gemalt: »Aus Electrolux-Habgier geschlossen«.

Als der Streik am Freitag vergangener Woche um sechs Uhr früh begann, stand Ulrich Maly auf der Bühne und machte den Leuten Mut. Jetzt sitzt Maly, 46, SPD-Oberbürgermeister der 500 000 Einwohner zählenden Frankenmetropole, im mittelalterlichen Rathaus der früheren Kaiserstadt und gibt Jörg Famulla von der Streikleitung Tipps. »Ihr müsst diese Welle der Symphatie gut nutzen, denn sie wird auch wieder abebben«, sagt er. Famulla, Mitte 50 und Vollblut-Metaller, will aber nicht glauben, dass sich die Stadt vom Werk so schnell abwenden könnte. »Ich habe noch nie einen Arbeitskampf erlebt, der von einer Stadt so einmütig getragen wurde.«

Tatsächlich ist der Streik ein Thema, an dem in Nürnberg niemand vorbeikommt. Selbst lokale CSU-Politiker kommen am Streiktor vorbei, um Würstchen zu verteilen. Günter Gloser, Nürnberger SPD-Staatssekretär im Auswärtigen Amt, hat versprochen, bei der schwedischen Botschaft vorzusprechen. Das »Nürnberger Sozialforum« hat 2000 Unterschriften für einen Electrolux-Boykott gesammelt - und die Autonome Szene verklebt entsprechende Sticker. Die Berichte der beiden Lokalzeitungen sind stets sympathisierend; selbst »Bild« spielt mit. Seit Tagen führt sich das Springer-Blatt in Franken als alternative Streikzeitung auf, warnt vor Streikbrechern oder nennt Elektrolux-Chef Hans Straberg einen Lügner.

Straberg ist in diesen Tagen zum Stadtfeind Nummer Eins geworden. In der Nähe von Tor 4, dem neuralgischen Punkt des Streiks, wo die wenigen Beschäftigten noch nicht streikender Subunternehmen nach peinlichen Kontrollen auf das Gelände gelassen werden, hat jemand eine Straberg-Strohpuppe an einer Brücke aufgeknüpft, auf Pappschildern werden ihm die Geier an den Hals gewünscht, von denen man sich hier bedroht fühlt. Tatsächlich gibt der Electrolux-Manager in den letzten Tagen ein widersprüchliches Bild ab. In einem dpa-Interview, das am Dienstag die Runde machte, behauptete er, an »jedem Produkt, das wir in Nürnberg herstellen«, Geld zu verlieren. Am selben Tag sagte er im ZDF, das Nürnberger Werk an sich mache Gewinn. Betriebsrat Dix ärgert das unmäßig. »Das Werk schreibt schwarze Zahlen, nur sind sie denen nicht schwarz genug.« Dix schimpft über Unternehmenspolitik, die mit vermeintlich harten Zahlen operiere, diese aber nicht veröffentliche. »Es gibt ja nicht mal öffentliche Daten über die Wirtschaftlichkeit unseres Werks«, sagt er. Zwischen Kaffeestand und Feuertonne wird auch viel über »offensichtliche Management-Fehler« räsoniert. Electrolux habe die Marke AEG verkommen lassen, meint etwa Gewerkschafter Famulla. »Man kann doch nicht gleichzeitig auf High-Tech-Produkt machen und in die Verramschung über die Elektrodiscounter gehen. Das macht jede Marke kaputt.«

Der Oberbürgermeister sorgt sich inmitten von Wut und Euphorie um seine Bürger - und um seine Stadt. Einerseits will er keine Schlagzeilen, die »das unzutreffende Bild einer Krisen-Region« vermitteln. Nürnberg habe den Strukturwandel bis jetzt ganz gut verkraftet. »Wir haben hier in Stadt und Umland 340 000 versicherungspflichtige Arbeitsplätze«, sagt er. Strukturpolitisch könne die Stadt den Wegfall von 1700 Jobs auf mittlere Sicht verkraften. Er glaubt nicht an den Erhalt des Werks. Die Chancen, dies durch den Streik zu erreichen, seien »nicht null, aber auch nicht sehr ermutigend«. Und was dann? »Es ist leider so, dass die Schließung des Werks für viele Betroffene schnell ALG II bedeuten würde.«

Dessen ist sich auch die Gewerkschaft bewusst. Das Gros der Beschäftigten hätte schlechte Chancen auf einen neuen Job, sagt Streikleiter Jürgen Wechsler. Zu viele seien nur angelernt, außerdem schon sehr lange in nur einem Betrieb - und hätten oft einen Einwanderer-Hintergrund. Unter den bestehenden Bedingungen sind das keine guten Voraussetzungen auf dem Arbeitsmarkt. Darauf sind auch die Streikforderungen abgestimmt: Neben einer Abfindung von drei Bruttolöhnen pro Betriebsjahr will die Gewerkschaft in einem Sozialtarifvertrag eine bis zu dreijährige Qualifizierungsphase für alle Entlassenen durchsetzen - bei voller Weiterzahlung des bisherigen Lohns.

Wechsler sieht auch den Widerspruch, in dem er sich befindet: »Wir bleiben hier«, skandieren die Streikposten - und kämpfen doch nur für einen goldenen Handschlag. Nach deutscher Rechtslage darf eine Gewerkschaft nicht gegen die Schließung eines Werkes streiken, sondern nur deren Bedingungen aushandeln. »Eine Absurdität mehr«, murmelt der Mann.

Vom ominösen »danach« ist jedoch noch keine Rede in Nürnberg. Wer das Thema anspricht, bekommt ein Abwinken als Antwort. Die Leute wollen sich auf den Streik konzentrieren - und diesen nach Kräften ausweiten. Seit gestern wurden die Urnen der ausgegliederten »Electrolux Logistic GmbH« ausgezählt. In diesem Subunternehmen soll nach Willen der Konzernleitung künftig der Tarif des Groß- und Einzelhandels gelten, der weit unterhalb der Metallertarife liegt. 400 bis 2000 Euro monatlichen Gehaltsverlust werde das bringen, so die Gewerkschaft.

Hoffen auf die Streiks im Streik
Schließen sich die Logistiker dem Streik an, soll das Electrolux-Warenlager am Nürnberger Hafen lahm gelegt werden. Und dann, droht Wechsler, sei das Werk im nahen Rothenburg dran.
An der Kampfbereitschaft der Nürnberger wird es also kaum liegen, wenn der Ausstand rasch beendet werden sollte. Dies wäre eher Resultat der »Großwetterlage«: Elektrolux-Chef Straberg wird am 14. Februar eine aller Voraussicht nach glänzende Unternehmensbilanz vorlegen - gut möglich, dass er den Konflikt bis dahin vom Tisch haben will. Die Diskrepanz zwischen seinen tiefschwarzen Zahlen und der Härte in Nürnberg würde kein gutes Licht auf ihn werfen. Auf der anderen Seite wird die IG Metall am 8. Februar mit ihrer 5-Prozent-Forderung in die Tarifrunde 2006 starten. Ein solcher Fall von Verlagerungsdrohung und - selbst im Erfolgsfall - Lohnzugeständnissen würde keinen guten Hintergrund abgeben.

Aber einstweilen zählen andere Zahlen an der Muggenhofer Straße: »Für die Verlagerung rechnet der Konzern mit Kosten von 240 Millionen Euro. Wir werden da noch zig Millionen drauflegen«, sagt Gewerkschafter Famulla. Spätestens ab der 3. Woche werde der Streik für den Konzern »sehr, sehr schmerzhaft«. Spätestens dann wollen Ernst und Lafontaine wieder kommen. »Und dann bringen wir noch den Gregor mit«, versprach der Linken-Fraktionschef den Kameras von ARD und RTL.

Text: Velten Schäfer, Nürnberg

Neues Deutschland, 26. Januar 2006

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