Skip to main content

Gedenkveranstaltungen zum 100. Jahrestag des Völkermords an den Armeniern

Im Wortlaut von Sevim Dagdelen,

Foto: Opfer Völkermords an den Armeniern, aus dem 1918 erschienenen Buch »Ambassador Morgenthau's Story« von Henry Morgenthau, von 1913 bis 1916 Botschafter der USA in Konstantinopel, dem heutigen Istanbul

 

Sevim Dagdelen aus Istanbul


Heute bin ich mit mehreren Hundert Menschen in Istanbul zusammen, die sich 100 Jahre nach dem Genozid an den Armenierinnen und Armeniern trotz nationalistischer Leugnungskampagnen, die leider jetzt auch von Staatspräsident Erdogan und der AKP betrieben werden, nicht mehr mit einer Geschichtspolitik abfinden wollen, die auch noch die Erinnerung an die ermordeten und verschwundenen Armenier auslöschen will. Eingeladen wurde ich in meiner Funktion als Mitglied im Auswärtigen Ausschuss, Berichterstatterin der Fraktion DIE LINKE für die Türkei sowie stellvertretende Vorsitzende der Deutsch-Türkischen Parlamentariergruppe des Deutschen Bundestages von der Organisation Say Stop to Racism and Nationalism (DurDe). Vor dem Hintergrund der Rolle Deutschlands im Ersten Weltkrieg sei es ein wichtiges Signal, wenn auch und gerade Vertreter/innen aus Deutschland, zumal aus dem Bundestag, vor Ort vertreten sein würden.

So nehme ich heute an verschiedenen Gedenkveranstaltungen in Istanbul teil, die an den Völkermord an den Armenierinnen und Armeniern erinnern. Dabei treffe ich mich mit Vertreterinnen und Vertretern der armenischen Diaspora. Bei meinem Besuch hier in Istanbul werde ich aber auch einer Einladung der Fraktion Halkların Demokratik Partisi (Demokratische Partei der Völker, HDP) in der Großen Nationalversammlung der Türkei nachkommen, die die Gedenkveranstaltungen unterstützt. Neben Fragen zum Umgang mit dem Völkermord in der Türkei und Deutschland, wird es bei den Gesprächen unter anderem mit den Mitgliedern der HDP-Fraktion um die bevorstehenden Parlamentswahlen im Juni 2015, die politische Situation in der Türkei und den Prozess der Demokratisierung und die deutsch-türkischen Beziehungen gehen. Die jetzige AKP-Regierung versucht das Zusammenfallen des 100. Jahrestages des Völkermordes und den Parlamentswahlen, um durch nationalistisch-islamistische Kampagnen gegen die Anerkennung des Völkermords noch mehr Stimmen aus dem nationalistischen Lager zu gewinnen.

Um 10 Uhr begann das Gedenken an armenische Intellektuelle und Politiker aus Istanbul, die vor 100 Jahren auf Befehl des osmanischen Innenminister Mehmet Talat deportiert wurden. Vor den früheren Häusern von verschleppten und ermordeten armenischen Intellektuellen wurden Stolpersteine verlegt und mit einer Schweigeminute ihrer und dieser grausamen Tat gedacht. Die armenische Gemeinde in Istanbul, die zu dieser Stolpersteinlegung aufgerufen hatte, erinnerte in einer Erklärung vor Ort an die einzelnen armenischen Intellektuellen mit ihren Namen und ihren Gesichtern.

Um 11 Uhr versammelten wir uns im Stadtteil Sultanbeyazit, genau an jenem Ort wo die 20 zumeist jungen Aktivisten der Sozialdemokratischen Huntschak-Partei, die im Zuge des Völkermords an den Armeniern am 15. Juni 1915 in Istanbul durch Erhängen hingerichtet wurden. Die Huntschak-Partei war die erste sozialistische Partei im Osmanischen Reich. Ihre Aktivisten waren es, die zum ersten Mal das Kommunistische Manifest am Bosporus herausgegeben hatten.

Meine Anwesenheit wird sehr dankbar als Zeichen des Protestes der Linkspartei gegen die Leugnung des Völkermords an den Armeniers begrüßt. Aber auch als Zeichen der Solidarität, sich nicht von repressiven Maßnahmen und der Kriminalisierung durch das AKP-Regime und die Sicherheitskräfte einschüchtern zu lassen, wie sie bereits im Vorfeld stattgefunden haben. Die Gedenkveranstaltungen zum 100. Jahrestag des Völkermords an den Armeniern in Istanbul zeigen, dass es bis zum heutigen Tag es ein langer schmerzhafter Prozess der Gedenk- und Erinnerungsarbeit der türkischen Bevölkerung war, denn die Leugnung hat immerhin eine hundertjährige Geschichte. Sie zeigen aber vor allem auch, dass es noch ein steiniger Weg in der Gegenwart und in der Zukunft sein wird. Mich stimmt es jedoch optimistisch, dass sich die Gesellschaft in der Türkei auf Dauer mit dem herrschenden Lügengebäude nicht abfinden und dass aus diesem Gedenken und dieser Erinnerung nicht neuer Hass und der Geist der Revanche, sondern Versöhnung und eine gemeinsame Zukunft erwachsen wird.
 

Auch interessant