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Gagen für die Plaudertaschen

Im Wortlaut von Lukrezia Jochimsen,

Alles ist ungerecht. Ungerecht ist, dass Tom Buhrow als »Mister Tagesthemen« ein ARD-Gehalt bezieht, während Claus Kleber vom ZDF pro Moderation des »Heute Journals« bezahlt wird und damit wahrscheinlich viel mehr verdient. Ungerecht ist, dass Tom Buhrow sich Nebentätigkeiten als Angestellter genehmigen lassen muss, während Anne Will ihre Sendungen als eigene Firmenchefin produziert und niemandem gegenüber Rechenschaft schuldig ist, wo sie wann und gegen welches Entgelt sonst noch auftritt.

Das alles ist ungerecht und wird deshalb immer mal wieder in der Öffentlichkeit diskutiert. Sind die Spitzenleute des öffentlich-rechtlichen Systems tatsächlich so seriös, sachlich, unabhängig und der Information verpflichtet, wie sie selbst und ihre Anstalten behaupten, wenn sie gleichzeitig bei Banken und Firmen auftreten als Vertragsredner, Conférenciers, Interviewer, Moderatoren? Sind sie glaubwürdige, integre Journalisten oder nicht?

Mir scheint, dass hinter dieser Frage ein Missverständnis steht. Das Missverständnis nämlich, was die Spitzenleute in ihren Sendungen sind. Seriöse, den Informationen verpflichtete, unabhängige Journalisten? Wer glaubt das eigentlich noch? Da äußert man jetzt die Angst, Tom Buhrow könnte doch einen Politiker wie Kurt Beck nicht mehr nach den Regeln des unabhängigen Journalismus in den »Tagesthemen« interviewen, nachdem er mit ihm ein hochdotiertes, launiges Gespräch bei einer Sektkellerei-Veranstaltung von Henkell geführt habe. Ja, hat denn jemand schon mal ein kritisches, nachfragendes Politiker-Interview von Tom Buhrow in den »Tagesthemen« gesehen und gehört?

Das geht ihm alles etwa so von den Lippen: »Guten Abend meine Damen und Herren. Wie viel dürfen Manager verdienen? Und wer soll das entscheiden? Wenn jeder einzelne Manager seine Einkünfte offenlegen soll, dann wird man vielleicht darauf bestehen, dass die Abgeordneten das genauso tun sollen.« Dann wird »man« - »vielleicht« - darauf »bestehen«, dass Abgeordnete das genauso tun sollen. Tom Buhrow weiß halt nicht, dass diese Offenlegung für die Abgeordneten längst Pflicht ist. Der Satz plaudert sich einfach so schön dahin, von einem ewigen Lächeln überspielt - wie die nächste An- oder Abmoderation, das nächste Interview, das nächste »Guten Abend«!

Die Medienwissenschaft hat längst analysiert, wie die Nachrichtensendungen von heute aus Journalisten und Journalistinnen »Smiling Faces« gemacht haben, lächelnde Gesichter. Journalisten-Darsteller, die so tun, als würden sie Informationen analysieren, Geschehnisse aus der Nähe oder Ferne beschreiben und kritische Fragen stellen an Politiker, Zeugen, Fachleute.

Tom Buhrow war Amerika-Korrespondent und hat jahrelang journalistisch gearbeitet. Als »Mister Tagesthemen« - nomen est omen - ist er ein Verkäufer von Nachrichtensendungen geworden. Da ist es eigentlich unerheblich, ob er nebenbei auch noch Verkäufer seiner selbst bei Wirtschafts-Veranstaltungen, welcher Art auch immer, ist. Und auch, wie viel er dabei verdient, ist unerheblich.

Er sollte seine Nebeneinkünfte nur offenlegen. Er könnte dies auch unbesorgt tun. Sein Publikum wird die Summen sicher mit Bewunderung zur Kenntnis nehmen. So viel ist der Buhrow wert! Das ist ja ein Top-Mann! Verdient ein Vielfaches von dem, was wir als Gebührenzahler für sein Gehalt ausgeben müssen. Bravo! Vielleicht macht er es in Zukunft pro bono, also ehrenhalber, oder für einen symbolischen Euro. Das wäre doch eine Lösung für diesen Fall. Und für die vielen anderen und ähnlichen Fälle auch. Die Aufregung ist nur geheuchelt. Und ungerecht ist sowieso alles.

Von Luc Jochimsen

Neues Deutschland, 29. Juni 2009