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Familienministerin + Frauenpolitik = Zynismus pur

Kolumne von Cornelia Möhring,

Von Cornelia Möhring, frauenpolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag

Egal, ob es um Löhne, Arbeitsbedingungen oder Karrierechancen geht: Frauen werden in vielerlei Hinsicht benachteiligt. Sie erhalten durchschnittlich rund ein Viertel weniger Lohn als ihre männlichen Kollegen. 70 Prozent der Beschäftigten im Niedriglohnbereich sind weiblich, oft arbeiten sie unfreiwillig in Teilzeit und dann gleich in mehreren Jobs, weil das Geld nicht reicht. Auch die Hausarbeit wird vorwiegend nebenbei erledigt. In Führungspositionen sind Frauen dagegen nur selten zu finden.

An diesen Fakten kommt eigentlich niemand vorbei. Ministerin Schröder, die sich zumindest qua Amt auch für die Gleichstellung von Frauen und Männern einsetzen müsste, macht sich offensichtlich aber nicht mal die Mühe, darüber nachzudenken oder ihre eigenen fehlenden Erfahrungen durch Gespräche mit Betroffenen aufzufüllen.

Am vergangenen Donnerstag hielt sie anlässlich des Internationalen Frauentages ihre erste gleichstellungspolitische Rede im Bundestag. Dabei trieb sie die Auflösung jeglicher Frauenpolitik in der Familienpolitik auf die Spitze und beklagte, „dass die Kulturen in der Arbeitswelt nicht nur Frauen benachteiligen, sondern alle Menschen, wenn sie Fürsorgeaufgaben in der Familie übernehmen.“ Dass es ihre Aufgabe als Ministerin wäre, die strukturellen und kulturellen Hindernisse für Frauen zu beseitigen und nicht zur alten Formel "Mensch = Mann" zurückzukehren, ist nicht in ihrer Vorstellungswelt.

Wie sonst könnte die Familienministerin vergessen, dass sie nur einen Tag zuvor ihr Konzept für eine Familien-Pflegezeit vorgestellt hatte. Ein Vorschlag, der eben solche strukturellen Benachteiligungen weiter verfestigt und beweist, dass Gleichstellung für die Bundesregierung lediglich auf wirtschaftliche Verwertbarkeit zielt und selbst die menschlichsten Bereiche unserer Gesellschaft nur noch Profitinteressen dienen. Beschäftigte sollen zwei Jahre lang ihre Arbeitszeit um die Hälfte reduzieren, dafür aber 75 Prozent ihres Gehaltes bekommen. Anschließend sollen sie wieder voll arbeiten und die Pflegezeit mit Abschlägen auf ihr Gehalt abbezahlen. Die Vorteile lägen auf der Hand: Der Steuerzahler werde fast nicht be- und die Pflegeversicherung entlastet. „Denn Pflege zu Hause kostet weniger als im Heim“, so Schröder.

Ob privat oder professionell - Pflege wird nach wie vor überwiegend von Frauen geleistet. Von Frauen, die bereits heute zu wenig Gehalt dafür erhalten oder gar keine Entlohnung. Ihnen Arbeitszeitreduzierung ohne Lohnausgleich vorzuschlagen, ist der pure Zynismus zum Frauentag!

Ohne liquiden Partner, würde dieser Vorschlag nicht umsetzbar sein. Doch das konservative Rollenmodell mit männlichem Haupternährer und weiblicher Zu-Verdienerin zu fördern, ist das Gegenteil von mehr Geschlechtergerechtigkeit im Erwerbsleben. Und übrigens auch jenseits jeder gesellschaftlichen Realität. In der verlieren nämlich immer mehr Männer ihre Arbeitsplätze und immer mehr Frauen müssen durch mehrere prekäre Arbeitsverhältnisse und lange Arbeitszeiten den Hauptteil zum (geringen) Familieneinkommen einbringen.

Die Antwort für mehr Gleichstellung muss jedoch andere Inhalte haben: Traditionelle Frauenberufe, wie die Pflege, müssen aufgewertet und besser entlohnt werden. Ohne eine gerechte Verteilung der Erwerbs- und Sorgearbeit zwischen den Geschlechtern, werden wir keine Gleichberechtigung von Frauen und Männern erreichen können. Eine Debatte über die Neu- und Umbewertung von Arbeit und die Verfügung über Zeit, muss daher auch auf unsere Tagesordnung.