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Einer, der nie schwieg

Im Wortlaut von Lukrezia Jochimsen,

Von Luc Jochimsen

Er hätte schweigen können, 1931, als Gymnasiast Helmut Flieg, aber er veröffentlichte, achtzehnjährig, das Antikriegsgedicht »Exportgeschäft«.

Er hätte sich einrichten können, in den USA, die ihm Schutz vor der Verfolgung durch die Nazis boten und wo er, nun unter dem Namen Stefan Heym, seinen ersten Erfolg als Schriftsteller mit dem Roman »Hostages« (1942) hatte. Aber er zog als amerikanischer Staatsbürger in den Krieg.

Er hätte sich zurückhalten können, 1945, als Journalist im befreiten Deutschland, aber er machte keinen Hehl aus seiner prosowjetischen Einstellung und wurde in die USA zurückbeordert.

Er hätte sich eine Nische suchen können, in der McCarthy-Ära, aber er ging, um unzensiert schreiben zu können, zurück nach Europa. In die DDR. 1953. Und fand sich schnell in der gewohnten Rolle als Widerständler wieder. Wurde gelobt und zensiert, drangsaliert und ausgeschlossen, hin und wieder veröffentlicht.

Stefan Heym hat nie geschwiegen. Hat sich eingemischt, Schwierigkeiten gemacht und Schwierigkeiten bekommen. War bissig, kritisch, ironisch, aufbrausend, rhetorisch begnadet, störrisch, widerständig, weise.

Er gehörte zu den Ersten, die sich 1976 gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns wandten und er stand in der Reihe derer, die auf den Alexanderplatz am 4. November 1989 ihre Stimme erhoben.

Er hätte resignieren können, 1994, am Abend vor seiner Rede als Alterspräsident im Deutschen Bundestag, als TV- und Radiosender, ungeprüft und unhaltbar, die Meldung aus dem Innenministerium verbreiteten, er habe für die Stasi gearbeitet. Seite für Seite, Stunde um Stunde haben Heym und seine Frau in dieser Nacht die über sie geführten Akten der Staatssicherheit gelesen auf der Suche nach dem Grund der Anschuldigungen. Sie fanden nichts.

Stefan Heym hat auch an diesem 10. November 1994 nicht geschwiegen. Hellsichtig war, was er sagte: »Die Krise, in welche hinein dieser Bundestag gewählt wurde, ist nicht nur eine zyklische, die kommt und geht, sondern eine strukturelle, bleibende, und dieses weltweit. Zwar hat die Mehrheit der davon betroffenen Völker sich von der hemmenden Last des Stalinismus und Post-Stalinismus befreit. Aber die Krise, von der ich sprach, eine Krise nunmehr der gesamten Industriegesellschaft, tritt dadurch nur um so deutlicher in Erscheinung.« Vor allem CDU/CSU-Abgeordnete verweigerten ihm an diesem Tag ein Minimum an Respekt.

2013, am 10. April, begehen wir den hundertsten Geburtstag Stefan Heyms. Ich rufe, gemeinsam mit Gregor Gysi, Gesine Lötzsch, Lothar Bisky und Inge Heym allen Interessierten, Verlagen, Redaktionen, Film- und Theaterleuten, Stiftungen und Vereinen zu: Lasst uns diesen Geburtstag würdig begehen, lasst uns Stefan Heym ehren, indem wir uns nützen, um es mit Brecht zu sagen.

Neues Deutschland, 16. Dezember 2011