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Eine mutige Afghanin zu Gast in Bonn

Nachricht von Matthias W. Birkwald, Paul Schäfer,

Bonn, 29.10.2010 - „Damit sich die Situation der Menschen und insbesondere der Frauen in Afghanistan langfristig bessert und sie Rechte bekommen, muss den Taliban ihre Basis in Pakistan genommen werden. Sonst werden sie immer eine Bedrohung für uns bleiben,“ sagt Dr. Habibe Erfan, Frauenärztin und Provinzrätin aus dem afghanischen Kundus, und gibt sich im Bonner PAUKE-LIFE Kulturbistro überzeugt: Der Weg aus dem Krieg am Hindukusch braucht politische Initiativen, die über Afghanistan hinausgehen. Die Bundestagsabgeordneten der Partei DIE LINKE für Bonn und Köln, Paul Schäfer und Matthias W. Birkwald, hatten Habibe Erfan zu einer Diskussion nach Bonn eingeladen, um Näheres über die Erfahrungen, Eindrücke und Analysen dieser vielseitigen Frau zu erfahren und mit ihr ins Gespräch zu kommen.

Die besondere Gelegenheit, authentische Informationen über die Lage in Afghanistan und die Situation der Hinterbliebenen der Kundus-Opfer zu erhalten, stieß auf großes Interesse. Rund vierzig Gäste hörten dem Vortrag der Afghanin aufmerksam zu und stellten im Anschluss ihr sowie den Abgeordneten zahlreiche Fragen. Lebhaft diskutiert wurde über die Rolle der Bundeswehr und der NATO-Truppen im Land: „Die fremden Soldaten werden wir noch einige Zeit brauchen“, schätzt Erfan, „aber sie dürfen nicht selbst zu einer Gefahr für die Zivilbevölkerung werden.“

Erfan, die am Vortag als erste Afghanin im Kundus-Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestages als Zeugin angehört worden war, berichtete, wie sie nach dem Bombenangriff von Kundus in die betroffenen Dörfer ging, eine Liste der Todesopfer erstellte und damit die offizielle Darstellung widerlegte, bei den Opfern handele es sich um Mitglieder der Taliban.

Seitdem bemüht sich die engagierte Afghanin um Aufklärung und Wiedergutmachung: Sie betreut in Afghanistan Angehörige der Zivilisten, die bei dem Bombenangriff von Kundus getötet oder schwer verletzt wurden. Gemeinsam mit den Hinterbliebenen und dem Opferanwalt Karim Popal will sie die Bundesregierung auf angemessene Entschädigung verklagen. NATO-Angaben zufolge starben am 4.September 2009 durch die Bombardierung auf Befehl der Bundeswehr bis zu 140 Menschen; Erfans nachträgliche Recherchen machen die traurige Bilanz konkreter: unter den Todesopfern befinden sich 26 Kinder zwischen 5 und 16 Jahren. Die überwiegende Zahl der restlichen Opfer sind Männer. „Bei keinem von ihnen konnte entgegen der ersten offiziellen Behauptungen der Bundesregierung eine Zugehörigkeit zur Taliban festgestellt werden.“ so Erfan. Doch durch ihren Tod sind rund 400 Kinder zu Waisen geworden, in Afghanistan ein ganz besonders schweres Los. Es fehlt an jeglicher Grundversorgung und Absicherung seitens des Staates. Hinzu kommt, dass die Möglichkeiten der Witwen zu arbeiten und ihre Familien zu versorgen, sehr begrenzt sind. Es ist gesellschaftlich nicht akzeptiert, dass die afghanische Frau im öffentlichen Raum alleine Präsenz zeigt. Auch dieses Problem veranschaulicht Habibe Erfan mit ihren Erfahrungen vor Ort: „Nach dem Anschlag hat die Bundesregierung zugesagt, 5000 Dollar an jede Familie eines Opfers zu zahlen. Unabhängig davon, dass diese Summe absolut nicht angemessen ist, wenn man bedenkt, dass diese Familien oft ihren Ernährer und alleinigen Versorger verloren haben, gab es noch ein weiteres Problem. In den meisten Fällen ist das Geld noch nicht einmal bei den Witwen angekommen. Denn in Afghanistan ist es den Frauen nicht gestattet, unbegleitet zu einer öffentlichen Stelle zu gehen. Deshalb nahmen oft männliche Verwandte das Geld entgegen und unterschlugen es.“

Deshalb fordert Erfan, dass den Witwen neben Geld in erster Linie die Möglichkeit gegeben wird, sich bis an ihr Lebensende nachhaltig selbst zu versorgen. Erfan ist überzeugt davon, dass diesen Familien als Entschädigung ein Stück Land, außerdem - wenn nicht vorhanden - ein kleines Haus gegeben werden muss. Nur so könnten die Witwen und anderen Hinterbliebenen sich und ihre Kinder versorgen. Im Moment aber seien diese Menschen, die vorher schon arm waren, noch ärmer. „Wenn ihre Verwandten nicht für sie sorgen, müssen diese Witwen betteln oder sich prostituieren!“ so Erfan.

Auch Paul Schäfer betont in seinem Schlusswort, dass bei einem Neuaufbau der gesellschaftlichen und politischen Strukturen in Afghanistan die etwa 10 Prozent privilegierten Frauen mit hoher formaler Bildung und Beruf unbedingt mit eingebunden werden müssen. Gestützt auf seine Eindrücke vor Ort in Afghanistan fügt Paul Schäfer hinzu: „Doch der Weg zu Frauenrechten und mehr Teilhabe ist in Afghanistan noch ein sehr weiter Weg, der vor allem die Basis politischer Stabilität braucht.“

Frau Dr. Erfan nickt nachdenklich: „Ich weiß, dass Frauen wie ich den Taliban ein Dorn im Auge sind. Ich erhalte immer wieder Morddrohungen. Doch ich musste hierher kommen und über mein Land berichten. Denn ich weiß, einen anderen Weg gibt es nicht. Aber den einen Weg, den es gibt, werde ich gehen.“

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