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Eine Million sucht Lehrstelle

Im Wortlaut von Nele Hirsch,

Bundesregierung: Mindestens 200 000 Ausbildungsplätze fehlen

Im laufenden Ausbildungsjahr droht nach Ansicht der Bundesregierung eine Lücke von mehr als 200 000 Lehrstellen: Für 832 400 Schulabgänger stehen voraussichtlich nur 623 000 Ausbildungsplätze bereit.

Berlin (dpa/ND). Das Bundeskabinett beschloss am Mittwoch den »Berufsbildungsbericht 2008«. Es heißt darin, dass die Lehrstellenlücke noch größer ausfallen könne als die jetzt geschätzten 200 000 fehlenden Ausbildungsplätze. Insgesamt gehe es um etwa eine Million Jugendliche, hieß es nach der Kabinettssitzung. Wie viele Plätze die Wirtschaft zum Stichtag Ende September anbieten werde, hänge stark von der Entwicklung der Konjunktur ab. Im Vorjahr waren 626 000 neue Ausbildungsverträge unterschrieben worden - der zweithöchste Wert seit der Wiedervereinigung.

Ein unverändert großes Problem sind Altbewerber, die bislang keine Lehrstelle bekommen haben und deshalb Warteschleifen drehen. Rund 385 000 Jugendliche hatten 2007 die Schule bereits vor mindestens einem Jahr verlassen. Bis zu 100 000 Altbewerbern will die Regierung jetzt mit einem neuen Ausbildungsbonus eine Lehrstelle verschaffen. Dafür können Firmen eine Prämie von 4000 bis 6000 Euro bekommen.

CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla lobte das Modell: »Jetzt ist es an den Betrieben, diese Möglichkeiten auszuschöpfen.« Gewerkschaften und Arbeitgeber lehnen jedoch den Bonus ab. Nach ihrer Ansicht wird das Problem der schlechten schulischen Leistungen dadurch nicht gelöst. Die Bildungsexpertin der LINKEN, Nele Hirsch, warf der Koalition vor, die Lage schönzureden. Sie forderte eine gesetzliche Ausbildungsplatz-Umlage. Auf diese Weise sollen Unternehmen zur Kasse gebeten werden, die keine Lehrlinge ausbilden.

Wie gut die von der Politik hochgelobte duale Bildung aus Berufsschule und Praxis in den Betrieben im europäischen Vergleich tatsächlich ist, soll nach Angaben von Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) bald wissenschaftlich belegt werden. »Das deutsche Berufsbildungssystem steht im internationalen Wettbewerb. Es kann und muss sich mit seinen Leistungen messen lassen. Ich habe daher die Initiative ergriffen, einen europäischen Leistungsvergleich in der beruflichen Bildung (Berufsbildungs-PISA) mit anderen europäischen Staaten abzustimmen.« Die PISA-Studien vergleichen die Leistungen von Schülern in den wichtigsten Industriestaaten und hatten erhebliche Defizite in Deutschland aufgezeigt.

Über den wegen sinkender Schulabgängerzahlen drohenden Fachkräftemangel wollen Bund und Länder im Herbst bei einem Qualifizierungsgipfel beraten. Bereits in diesem Jahr werde es über 30 000 weniger Absolventen an den allgemeinbildenden Schulen geben. »Damit wird ein demografisch bedingter Trend eingeleitet, der (...) die künftige Sicherung des Fachkräftenachwuchses deutlich erschweren wird«, heißt es im Bericht. Allein in Ostdeutschland werde sich die Absolventenzahl bis 2013 gegenüber 2000 etwa halbieren.

Neues Deutschland, 2. April 2008

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