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»Diese Stimme zu sein, wäre mir eine Ehre«

Kolumne von Lukrezia Jochimsen,

Luc Jochimsen, Kandidatin für das Amt der Bundespräsidentin und kulturpolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag

Meine Kindheit beherrschte der Krieg, deshalb wurde Frieden, Eintreten für den Frieden mein Lebensthema. Meine Jugend nach 1945 prägte die amerikanische Re-Education. Schlüsselbegriffe waren für mich seitdem: Freiheit, Demokratie und Würde des Einzelnen, aber auch das Streben nach Glück. Hessen, Frankfurt, mit dem sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Georg August Zinn, das war meine Heimat, eine Gegenwelt zur Adenauer-BRD.

Sozialismus war für mich nie ein Schimpfwort. Als junge Soziologin und Journalistin erlebte ich dann die Zeit des Kalten Krieges - meine Fähigkeit und mein Wille zur Kritik entwickelten sich: Kritik an bedingungsloser Westbindung, Kritik an der Wiederbewaffnung, Kritik an der Einbeziehung der Nazis in hohen Ämtern, am Umgang mit der Geschichte der Nazi-Diktatur, Kritik am zunehmenden kapitalistischen Einfluss - und der war damals ein Kinderspiel im Vergleich zu heute.

Als junge Mutter, mein Sohn wurde 1970 eingeschult, habe ich die Ungerechtigkeiten des Schulsystems der BRD kennengelernt - die Grundschule als "Hinterhof der Nation" - mein rororo-Taschenbuch mit diesem Titel hatte immerhin eine Auflage von fünfundsechzigtausend. Von da an war Schulreform mein journalistisches Thema - in Fernseh- und Hörfunkdokumentation und ab 1974 bei »Panorama«. Kinder, Frauenrechte, Frauendiskriminierung, § 218, Sexualmoral des Vatikans, die Lebenssituation türkischer Töchter: Alles das war auch damals schon mein Thema.

Und das war das grundsätzlich Positive an der BRD - bei allen Defiziten: Ich konnte immer "auf der anderen Seite" sein - ohne Bespitzelung, ohne Wegsperren. Es war nicht leicht, aber es war möglich. Sogar an exponierten Stellen der öffentlich-rechtlichen Medien. Der NDR und der HR haben mir- nach langen Auseinandersetzungen - große Aufgaben übertragen - das ARD-Studio in London und die Chefredaktion in Frankfurt am Main.

1998 kam dann die große Hoffnung auf eine politische Wende nach 16 Jahren Kohl. Und die Enttäuschung, der Schnitt durch Lafontaines Aufgeben. Parallel dazu lief die Stigmatisierung der PDS - das Totschlagen jeglicher linker Positionen jenseits der SPD, die immer mehr von ihren Grundsätzen abrückte. Dann die Kriegseinsätze. Da suchte ich wieder die andere Seite, fand sie in Gesprächen mit Lothar Bisky, Gregor Gysi, Dietmar Bartsch und Gabi Zimmer.

Im Jahre 2002, nach der Beendigung meiner über dreißigjährigen journalistischen Laufbahn, habe ich den bewussten Schritt als Westperson zur PDS getan. Ich begriff dies als Vereinigungsmöglichkeit, habe nie verstanden, wieso so wenige linke Westdeutsche dies auch taten.

Der Wahlkampf in Hessen 2002 glich manchmal einem Spießrutenlauf, doch ich bin weitergelaufen. Gabi Zimmer nahm mich mit nach Thüringen - so bin ich "unter die Thüringer gefallen". Dort habe ich seit 2005 eine neue politische Heimat.

Warum ich antrete für die Wahl als Bundespräsidentin? Damit im Vorfeld dieser bedeutenden Wahl unsere Themen auch zu Sprache kommen: Frieden als erstes! Wir müssen wieder eine friedlichere Gesellschaft werden - nach außen, wie nach innen. Und ich will eine wirklich vereinte Gesellschaft, die aus Ost und West Besseres schafft, als das, was wir zurzeit haben. Dazu kommt: In dieser Krise müssen die Schwachen dieser Gesellschaft unterstützt und geschützt werden. Sie brauchen Hilfe - mehr als je zuvor.

Für mich galt und gilt: Die Einheit von politischer Freiheit und sozialer Sicherheit und Gerechtigkeit ist der Wert, der unsere Gesellschaft zusammenhält, die Demokratie sichert. Ich habe gelernt, dass es nicht darauf ankommt, dass man gewinnt, dass man sich sofort durchsetzt mit seinen Ideen und Haltungen. Auch wenn eine Mehrheit das lange anders sieht und ablehnt, es bleiben die Ideen, die Themen, die Probleme. Sie dürfen nur nicht totgeschwiegen werden, sie müssen in die Diskussion eingebracht werden. Sie brauchen eine Stimme. Diese Stimme zu sein, wäre mir eine Ehre.