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"Die wollten die Linkspartei abstrafen"

Im Wortlaut von Lothar Bisky,

Der bei der Wahl zum Bundestagsvizepräsidenten dreimal durchgefallene Parteichef wirft dem Parlament "Kulturlosigkeit" vor - und sieht sich vor einem schweren Problem.

Interview: Robert Roßmann

Frau Simonis hat nach ihrem Scheitern erklärt, sie fühle sich "öffentlich erdolcht". Wie geht es Ihnen? Dreimal bei Präsidiumswahlen durchgefallen ist im Bundestag noch nie jemand.
Mir geht es gut. Nach 15 Jahren in der Politik hat man Nehmerqualitäten. Außerdem mache ich mir über die Kulturlosigkeit dieses Hauses schon lange keine Illusionen mehr. Die hat ja bereits mein Vorbild Stefan Heym bei seiner Rede als Alterspräsident 1994 erleben dürfen.

Weil vor Heyms Rede Stasi-Vorwürfe gegen den PDS-Abgeordneten lanciert wurden?
Heym hat das einfach weggesteckt. Ich werde mich deshalb jetzt nicht anders verhalten als mein Vorbild.

Abgeordnete anderer Fraktionen bemängeln, Sie könnten als Parteichef nicht unparteiischer Vizepräsident sein.
Anderen Parteivorsitzenden wird dieser Vorwurf nicht gemacht. Außerdem habe ich als Vizepräsident des Brandenburger Landtags bewiesen, dass die Kritik unsinnig ist.

Ihnen hängen aber auch Stasi-Kontakte nach.
Ich soll angeblich für die Hauptverwaltung Aufklärung der Stasi gearbeitet haben. Das habe ich öffentlich widerlegt und ganz energisch zurückgewiesen. Irgendwann könnte man mit diesen Kamellen doch auch mal Schluss machen, auch weil es keine Beweise gegen mich gibt. Dass ich Berichte über meine Auslandsreisen an meine staatlichen Vorgesetzten geschrieben habe, das hat nie jemand bestritten. Das konnte auch schon zu DDR-Zeiten jeder öffentlich von mir erfahren.

Die Mehrheit der Abgeordneten hat also nicht Sie, sondern die Linkspartei treffen wollen?
Das war ein politischer Vorgang. Ich bin Vorsitzender der Linkspartei, die sollte nach ihrem großen Erfolg abgestraft werden. Aber es hat natürlich auch etwas mit mir persönlich zu tun, dass diese linke Kraft so zu Stande gekommen ist. Einige Sozialdemokraten werfen mir sogar direkt vor, dass ich Oskar Lafontaine und Gregor Gysi zusammengebracht und das Zusammengehen von PDS und WASG ermöglicht habe.

Andere Fraktionen fordern Ihre Partei auf, nach Ihrer Niederlage einen neuen Kandidaten aufzustellen.
Dann könnten die anderen Parteien ja gleich festlegen, wer für uns vorgeschlagen wird. Eine Partei, die das zulässt, wird nicht mehr ernst genommen.

Ihre Fraktion hat angekündigt, Sie so lange zur Wahl zu stellen, bis Sie durchkommen. Wie lange halten Sie und der Bundestag das durch?
Das ist wirklich eine schwierige Situation. Dass ich nicht an Ämtern klebe, ist bekannt. Bis auf mein Bundestagsmandat kann man mir alle Ämter jeden Tag nehmen. Das weiß auch meine Partei. Aber ich erfahre in meiner Fraktion und von vielen Menschen eine so große Solidarität für meine Kandidatur, dass ich weder das Recht habe, noch willens bin, hier einzuknicken.

Wie geht es jetzt weiter?
Das weiß ich noch nicht. Ich habe eine Lösung im Hinterkopf, aber die werde ich jetzt nicht sagen. Das werde ich erst in der Fraktion besprechen. Es braucht aber niemand darauf zu hoffen, dass ich davonrenne. Ich bin unseren vier Millionen Wählern verpflichtet und werde nicht zulassen, dass die demokratische Linke beschädigt wird.

Es gibt doch nur zwei Möglichkeiten. Die anderen knicken ein oder Sie ziehen sich zurück.
Das ist richtig.

Wer wird gewinnen?
Ich hoffe, dass sich die demokratische Vernunft durchsetzt.

Süddeutsche Zeitung, 20. Oktober 2005

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