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Deutschland auf dem Weg zur prekären Republik

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Fast jede und jeder Vierte arbeitet für Niedriglohn

"Wenn jeder vierte Beschäftigte mit Niedriglöhnen abgespeist wird, ist das nicht nur ein dramatisches Signal an die Bundesregierung, es zeigt zugleich, dass wir uns schon längst auf dem Weg zur prekären Republik befinden. Jede weitere Verzögerung bei der Einführung eines flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohns von zehn Euro pro Stunde ist ein Schlag ins Gesicht der Beschäftigten und eine mutwillige Plünderung der Steuer- und Sozialkassen zu Lasten der Allgemeinheit", kommentiert Klaus Ernst die Zahlen des aktuellen IAQ-Reports zur Niedriglohnbeschäftigung 2010, deren wichtigste Ergebnisse wir nachfolgend zusammenfassen.
 

Niedriglohnschwelle: Bund 9,15 Euro

Die bundeseinheitliche Niedriglohnschwelle lag im Jahr 2010 bei 9,15 € pro Stunde (Westdeutschland 9,54€/h, Ostdeutschland 7,04€/h). Die Zahl der Niedriglohnbeschäftigten lag bei  knapp 8 Millionen (23,1%). Bezogen auf die bundeseinheitliche Niedriglohnschwelle arbeiteten in Westdeutschland 19,9% und in Ostdeutschland 39,1% der Beschäftigten im Niedriglohnsektor. Der gesamtdeutsche Niedriglohnanteil betrug 22,9% (im Vergleich zu 22,3% im Jahr 2008 und 22,8% im Jahr 2009). Die Zahl der Niedriglohnbeschäftigten ist vor allem im Westen erheblich gestiegen.
 

Struktur der Niedriglohnbeschäftigten

Die große Mehrheit der Niedriglohnbeschäftigten hatte eine abgeschlossene Berufsausbildung oder einen akademischen Abschluss. So lag der Anteil der Personen mit Berufsausbildung bei 70,3% und der Personen mit akademischem Abschluss bei 9,3%; der Anteil ohne Berufsausbildung bei 20,3%.  Die Anteile der Teilzeitbeschäftigten (24,5%) und Minijobber/innen (30,7%) waren mit gut 55,2% zusammen höher, als der Anteil der Vollzeitbeschäftigten 44,8%.

Aber: Besondere „Risikogruppen“ sind Minijober/innen, unter 25jährige, MigrantInnen, befristet Beschäftigte und solche ohne Ausbildung. Knapp 40%  der Beschäftigten ohne abgeschlossene Ausbildung arbeiteten im Niedriglohnsektor, bei Beschäftigten mit abgeschlossener Berufsausbildung sind es 22,5% und 8,8% bei Beschäftigten mit einem akademischen Abschluss.
 

Niedriglohnsektor

Die durchschnittlichen Stundenlöhne im Niedriglohnsektor lagen mit 6,68€ (West) und 6,52€ (Ost). Gut 2,5 Millionen Beschäftigte hatten einen Stundenlohn von weniger als 6€, wobei Ostdeutsche, Frauen und Beschäftigte in Minijobs von solchen Niedrigstlöhnen überproportional betroffen waren. 50% der Minijobber/innen hat einen Stundenlohn unter 7 Euro.

Bei einem Mindestlohn von 8,50 Euro profitierten rund 20% aller Beschäftigten:  im Westen rund 17% aller Beschäftigten, im Osten knapp ein Drittel. Rund 25% aller Frauen hätten mehr Geld und zwei Drittel der Minijobber/innen.
 

Zahl und Anteil der Beschäftigten (inkl. Schüler/innen, Studierende und Rentner/innen) nach Stundenstufen, Deutschland gesamt sowie West-und Ostdeutschland, 2010 Stundenlohn: Stundenlohn
Deutschland
West
Ost
                absolut
anteilig
absolut
anteilig
absolut
anteilig
  (in Mio.)

(in Mio.)
(in Mio.)
< 5,00 € 1,366  4,0% 1,001 3,5% 0,365 6,4% < 6,00 € 2,538 7,4% 1,782 6,2% 0,756 13,4% < 7,00 € 4,122 12,0% 2,85 10,0% 1,272 22,5% < 8,00 € 5,732 16,7% 4,095 14,3% 1,637 28,9% < 8,50 € 6,811 19,9% 4,909 17,2% 1,902 33,6% ≥ 8,50 € 27,447 80,1% 23,688 82,8% 3,758 66,4%

 
Der wesentliche Unterschied zu vorangegangen IAQ-Reports ist die Einbeziehung von ca einer halben Millionen Schüler/innen, Studierende und Rentner/innen. Damit sind alle erfasst, die bei der Einführung eines gesetzlichen Mindestlohnes Anspruch auf eine Lohnerhöhung hätten. Allerdings sind die Werte nur noch bedingt mit den Werten aus vorangegangenen IAQ-Reports vergleichbar. Bei allen zitierten Zahlen findet, soweit nicht anders angegeben, die Ost-West-differenzierten Niedriglohnschwellen Anwendung.
 

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