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Dem Schutzpatron der Schmuddelkinder

Im Wortlaut von Oskar Lafontaine,

Chronist der Linken, Altmeister des Chansons, Schriftsteller, Kumpel, Rechtsanwalt: Zum 75.Geburtstag von Franz Josef Degenhardt am 3. Dezember senden Weggefährten, Künstlerkollegen, Freunde und Fans ihre Glückwünsche

Oskar Lafontaine, MdB Fraktion Die Linke

Lieber Franz Josef Degenhardt,

ich gratuliere Ihnen herzlich zu Ihrem 75. Geburtstag.
Ich habe Ihren Geburtstag zum Anlaß genommen, noch einmal in Ihr Werk hineinzuhören.

1969, vor fast 40 Jahren also, ist Ihr Lied »Fast autobiographischer Lebenslauf eines westdeutschen Linken« erschienen. Der »Held« des Stücks, ein Sozialdemokrat mit Karriereabsichten. Über »Oskar, die Blechtrommel« zur SPD gelangt, besingen Sie Ihre Desillusionierung, die heute erstaunlich aktuell anmutet:

»Wer hat uns verraten, wer hat uns verraten?
Es stellten sich denen, die wirklich verfügen,
mal wieder zur Verfügung Sozialdemokraten.«

Sie sind 1961 in die SPD eingetreten und 1971, als Sie im Landtagswahlkampf von Schleswig-Holstein zur Unterstützung der DKP aufriefen, aus der SPD ausgeschlossen worden.

Auch ich habe die SPD verlassen. So unterschiedlich unsere politischen Positionen, die zu dieser Entwicklung geführt haben, auch sein mögen, einen gemeinsamen Beweggrund stelle ich dennoch für uns fest: die Kritik an den herrschenden gesellschaftlichen Verhältnissen.

Die SPD ist nicht länger ein Garant für den Sozialstaat, im Gegenteil, sie hat unter der Ägide Schröders jeden Bezug zur sozialen Gerechtigkeit verloren. Auch der Autor des »Blechtrommlers Oskar« hat sich von vielem verabschiedet, wenn er sich dazu hergibt, einen Aufruf mit der Überschrift »Wir haben das Jammern satt« zu unterschreiben, der Hartz IV als »überlebensnotwendig für den Standort Deutschland« bezeichnet.

In Ihrem Lied singen Sie weiter:

»Dem, der uns hier tat aus dem Leben erzählen,
dem müßt' man jetzt aber erklären
aus der linken Ecke knurren und bellen
tat noch nie den Klassenfeind stören.

Hassen allein, das wird nicht genügen.
Der muß schon mal rauskommen,
was tun für das Siegen.
Und da gibt es auch viel,
und da fällt schon was ein.
Das muß ja nicht gleich ein Warenhaus sein.«

Es muß ja nicht ein Warenhaus sein, aber der von uns geforderte Generalstreik ist ein Mittel, um den Regierenden ins Handwerk zu pfuschen und den Klassenfeind zu stören.

Nicht zuletzt um etwas für das Siegen zu tun, haben wir die neue Linke ins Leben gerufen. Eine linke Bewegung kann aber nur dann erfolgreich sein, wenn Künstler wie Sie uns kritisch begleiten.

Ihr Oskar Lafontaine

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