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Das war kein allgemeiner Weltverbessererkongreß

Im Wortlaut von Wolfgang Gehrcke,

Schon 1907 hätte die Frage von Krieg und Frieden unter Sozialisten geklärt werden müssen. Konferenz in Stuttgart. Ein Gespräch mit Wolfgang Gehrcke

Heute beginnt in Stuttgart eine Konferenz der Linksfraktion im Europäischen Parlament in Anlehnung an den Sozialistenkongreß vor 100 Jahren. Eine Traditionsveranstaltung?

Wenn man Jahrestage ernst nimmt - wie hier den Jahrestag des Sozialistenkongresses von 1907 - dann sollte man nicht nur Denkmalpflege betreiben, sondern vor dem historischen Hintergrund abklopfen, was davon für die heutige politische Auseinandersetzung sinnvoll und notwendig ist.

Auf der Referatsliste stehen auf den ersten Blick sowohl aktuelle als auch historische Themen wie das Frauenstimmrecht - was ja zumindest in Europa ein historisches Thema ist.

Wir haben uns bewußt an der historischen Tagesordnung des Sozialistenkongresses vor 100 Jahren orientiert - und die ist nach wie vor aktuell. Die Frage von Krieg und Frieden, die Auseinandersetzung mit dem Militarismus und die Frage der Kolonialpolitik sind heute aktueller denn je. Nicht zu vergessen die Frage der Migration. Und wenn man unter Frauenrechten nicht nur das Stimmrecht versteht, sondern auch die Rolle der Frau in der Gesellschaft beleuchtet, dann ist es sehr wohl noch aktuell, gegen Diskriminierung anzukämpfen. Wir fanden es sowohl historisch reizvoll als auch politisch sinnvoll, uns diese Tagesordnung heute wieder vorzunehmen. Auch und gerade mit Delegierten aus Ländern, die damals schon beteiligt waren.

Wie wurden damals und heute die Gästelisten zusammengestellt?

Die Teilnehmerliste von damals war ein »Who is Who« der sozialistischen und kommunistischen Bewegung. Bebel und Luxemburg, van der Felde, Lenin, Bernstein und Vertreter der großen sozialdemokratischen Parteien waren anwesend. Heute haben wir allerdings einen etwas größeren Akzent auf Lateinamerika gesetzt, das damals nicht so stark vertreten war. Eingeladen sind Vertreter aus Kuba, Venezuela und Bolivien, um insbesondere die Debatte um den Sozialismus im 21. Jahrhundert voranzubringen. Das historische Vorbild war ja ein Kongreß von Sozialistinnen und Sozialisten - und kein allgemeiner Weltverbessererkongreß.

Sie werden heute zum Thema Militarismus und internationale Konflikte referieren. Welche außenpolitischen Impulse wollen Sie Ihrer eigenen Partei geben?

Auch der eigenen Partei muß man meiner Meinung nach schon gewisse Dinge in Erinnerung rufen. Auf dem sozialistischen Weltkongreß von 1907 hat es im Plenum keine Debatte über Krieg, Frieden und Militarismus gegeben - mit der Begründung, man sei sich in dieser Frage so einig, daß sich eine Plenardebatte erübrigt. Den Protokollen der zuständigen Kommission ist aber deutlich zu entnehmen, daß man sich schon damals nicht so einig war. Sieben Jahre später brach die sozialdemokratische Internationale genau an dieser Frage auseinander; und eine ganze Reihe von Parteien wurden Vaterlandsverteidigerparteien. Die Linke in Deutschland muß heute in der Frage Krieg und Frieden einen klaren, gemeinsamen Standpunkt finden: Von deutschem Boden darf nie wieder Krieg ausgehen. Das heißt: keine Auslandseinsätze der Bundeswehr und Gegnerschaft zur NATO. Genau das muß heute durchbuchstabiert werden, weil in dieser Frage schon die sozialistische Internationale von damals versagt hat.

Mit anderen Worten: Sie erhoffen sich in der Frage der Auslandseinsätze mehr Klarheit von diesem Kongreß?

Ja, ich habe mir mit viel Vergnügen die historischen Protokolle angesehen, und einen Vergleich zu heute gezogen. Natürlich kann man das nicht linear fortschreiben und ist heute mit einer neuen Situation konfrontiert, aber es gibt viele Parallelen. 1907 stand die Welt vor einer Phase der imperialen Neuaufteilung - und da steht sie auch heute. Allerdings unter ganz anderen Bedingungen; die Kapitalverhältnisse und Kräftekonstellationen haben sich verändert und darauf muß sich die Linke einstellen.

Interview: Claudia Wangerin

junge Welt, 21. September 2007