Skip to main content

Bundeswehr befahl abermals Luftschlag

Im Wortlaut,

Über die Opfer gibt es nur diffuse Angaben

Von René Heilig

Die Bundeswehr hat am Donnerstagabend in Afghanistan nahe Kundus abermals einen Luftangriff befohlen. Die Nachrichten darüber waren auch noch am Freitag höchst diffus.

Man habe »auf einer Versorgungsstraße im Verantwortungsbereich des Regionalkommandos Nord mehrere Personen beim Verbringen von Sprengfallen identifiziert. Da sich im erweiterten Umkreis die Gefährdung von unbeteiligten Zivilpersonen ausschließen ließ, wurde zur Bekämpfung der Aufständischen Luftunterstützung eingesetzt.« Diese Information verbreitete die Bundeswehr am Donnerstag um 22 Uhr und ergänzte vorsichtig: »Es gibt keine Erkenntnisse über eine Gefährdung der Zivilbevölkerung.«

Bereits eine Viertelstunde zuvor wurden die Obleute des Verteidigungsausschusses über die Bombardierung informiert: Rund 15 Kilometer nordwestlich von Kundus seien mehrere Aufständische identifiziert worden, die an drei Stellen »schwere Gegenstände vergruben«. Die vermuteten Aufständischen seien »durch einen ISAF-Luftangriff um 19:47 Uhr afghanischer Ortszeit bekämpft« worden. Man habe eine »bisher unbekannte Anzahl« getötet oder verwundet.

Auch tags darauf konnte das Einsatzführungskommando gegenüber ND nichts Verlässliches mitteilen. Es gab nicht einmal eine Bestätigung dafür, dass Sprengfallen durch den Angriff der (vermutlich zwei) Kampfflugzeuge ausgeschaltet wurden. Mit »hoher Wahrscheinlichkeit« seien zivile Opfer ausgeschlossen. Die Frage, wie man die Menschen in der Nacht als »Taliban« identifizierte, blieb offen. Weder vermochte man die Anzahl der Opfer noch die Anzahl der in diesem Jahr von der Bundeswehr angeforderten »Luftnahunterstützungen« zu benennen.

Nachdem bei dem von Bundeswehroberst Georg Klein in der Nacht zum 4. September 2009 befohlenen Kundus-Bombardement bis zu 140 Menschen – darunter Zivilisten und Jugendliche – umgebracht worden waren, verzichtete die Bundeswehr weitgehend auf Luftattacken. Von Januar bis Juli 2010 forderte man laut ministerieller Statistik 16 derartige Unterstützung an. Lediglich dreimal wurden dabei Waffen eingesetzt.

Die Links-Abgeordneten Paul Schäfer und Wolfgang Gehrcke kritisierten den Angriff, verwiesen auf Parallelen zum Befehl von Klein und übermittelten dem Außen- und dem Verteidigungsminister einen Fragenkatalog zur »schnellen und ausführlichen Beantwortung«.

Neues Deutschland, 13. November 2010
 

Auch interessant