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Arbeitswelt als Nervengift

Im Wortlaut,

Krankenkassenreport verzeichnet längere psychische Krankheiten

Von Silvia Ottow

Arbeitslosigkeit macht krank - so das Fazit aus den Zahlen, die gestern die Techniker Krankenkasse (TK) in Berlin vorstellte. Seit zehn Jahren untersucht sie Entwicklung und Ursachen von Fehlzeiten sowie den Arzneimittelverbrauch der Versicherten.

Eigentlich müssten angesichts der Krankenstatistik, die von einer der größten gesetzlichen Krankenkassen erhoben wurde, bei den Politikern alle Alarmglocken läuten. Innerhalb von zehn Jahren - so lange untersucht die Techniker Krankenkasse die Daten ihrer Versicherten - haben die psychisch bedingten Krankheiten bei Erwerbstätigen um 40 Prozent zugenommen. Von 12 Tagen, die im Durchschnitt jeder Versicherte im Jahr krank geschrieben war, entfielen 1,6 Tage auf psychische Beschwerden. Nicht die Anzahl der Krankschreibungen aus diesen Gründen hat aber zugenommen, sondern die Schwere der Symptome und die Dauer, für die Betroffene nicht arbeitsfähig waren. Nicht selten handelte es sich dabei um mehrere Monate.

Psychischer Druck nimmt zu

Bei Patienten, die Arbeitslosengeld I beziehen, nahmen die psychischen Erkrankungen in zehn Jahren um über 100 Prozent zu, besonders stark zwischen 2006 und 2009. Dr. Thomas Grobe vom Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitssystemforschung in Hannover leitete die Auswertung der Daten. Er macht darauf aufmerksam, dass die Krankenzeiten der Beschäftigten bis 2006 noch gesunken waren. 2005 war die höchste Arbeitslosigkeit zu verzeichnen, ein Jahr später nahmen die psychischen Störungen wieder zu. Ebenfalls zugenommen haben in diesem Zeitraum die unbefristeten, unsicheren Beschäftigungsverhältnisse. Der Druck auf Menschen, die Arbeit haben und diese auch behalten wollen, dürfte ebenso ansteigen wie die Angst der Arbeitslosen, keinen Job mehr zu bekommen. TK-Vorstandschef Norbert Klusen formuliert es so: »Wie sich die Arbeitswelt verändert hat, das geht auf die Nerven«. Dank Mobiltelefon und Notebook sei jeder an fast jedem Ort rund um die Uhr erreichbar. Die Arbeitswelt sei schneller und unsicherer geworden. »Wir haben uns in den letzten zehn Jahren zu einer Pop-up-Gesellschaft entwickelt, in der auf unseren Bildschirmen und Displays ständig Fenster mit Mails und den neuesten Nachrichten erscheinen und uns zu Multitasking zwingen«. Das verändere die Arbeitswelt und bekomme nicht jedem, so Klusen.

Hartz IV ist ungesund

Knapp 30 Prozent der Fehlzeiten gehen mit Krankengeldbezug einher, dauern also länger als sechs Wochen. Obwohl aber diese Krankengeldbezugszeiten seit der Einführung der Hartz-IV-Gesetze deutlich länger werden, während sie zuvor rückläufig gewesen waren, ist mit politischen Konsequenzen aus der Situation nicht zu rechnen. »Die beste Gesundheitsreform wäre die Abschaffung von Hartz IV«, kommentiert Katja Kipping, stellvertretende Parteivorsitzende der LINKEN, die Entwicklung. Doch Mahnungen an die Politik haben die Reporte der Techniker Krankenkasse in jedem Jahr begleitet. Doch dabei blieb es dann auch immer.

2009 nahmen die mit Krankengeld verbundenen Fehlzeiten wieder zu - um fast zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahr zu. Am häufigsten betroffen waren die Arbeitslosen mit durchschnittlich 8,5 krankengeldbezogenen Fehltagen pro Person. In Bayern und Baden-Württemberg, wo die Arbeitslosigkeit vergleichsweise gering ist, waren Berufstätige und Arbeitslose im vergangenen Jahr im Schnitt zehn Tage krankgeschrieben, in Sachsen-Anhalt und Brandenburg jeweils rund 14 Tage. An der Spitze liegt Mecklenburg-Vorpommern mit 15,2 Tagen. Arbeitslose bekamen auch deutlich mehr Psychopharmaka verschrieben als Berufstätige.

Neues Deutschland, 28. Mai 2010