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Anerkennung – Entschuldigung – Entschädigung

Im Wortlaut von Sevim Dagdelen,

Zum Gedenken an den Völkermord an den Armeniern 1915/16 halten Teilnehmer einer Demonstration am 24. April 2015 in Istanbul ein Transparent mit der Aufschrift »Wir sind alle Hrant – Wir sind alle Armenier«

 

Sevim Dagdelen aus Istanbul

Heute bin ich mit mehreren Tausend Menschen in Istanbul zusammen, die sich 100 Jahre nach dem Genozid an den Armenierinnen und Armeniern trotz nationalistischer Leugnungskampagnen, die leider jetzt auch von Staatspräsident Erdogan und der AKP betrieben werden, nicht mehr mit einer Geschichtspolitik abfinden wollen, die auch noch die Erinnerung an die ermordeten und verschwundenen Armenier auslöschen will. Eingeladen wurde ich in meiner Funktion als Mitglied im Auswärtigen Ausschuss, Berichterstatterin der Fraktion DIE LINKE für die Türkei sowie stellvertretende Vorsitzende der Deutsch-Türkischen Parlamentariergruppe des Deutschen Bundestages. Vor dem Hintergrund der Rolle Deutschlands im Ersten Weltkrieg sei es ein wichtiges Signal, wenn auch und gerade Vertreter/innen aus Deutschland, zumal aus dem Bundestag, vor Ort vertreten sein würden.

Am 24. April um 10 Uhr beginnt das Gedenken an den Völkermord an den Armenierinnern und Armeniern in Nisantasi, Sisli. An die armenischen Intellektuellen, die vor 100 Jahren auf Befehl des osmanischen Innenminister Mehmet Talat deportiert wurden. Vor den früheren Häusern von verschleppten und ermordeten armenischen Intellektuellen werden Stolpersteine verlegt und mit einer Schweigeminute ihrer und dieser grausamen Tat gedacht. Die armenische Gemeinde in Istanbul, die zu dieser Stolpersteinlegung aufgerufen hatte, erinnerte in einer Erklärung vor Ort an die einzelnen armenischen Intellektuellen mit ihren Namen und ihren Gesichtern auf Schildern.

Um 11 Uhr versammeln wir uns im Stadtteil Sultanbeyazit, genau an jenem Ort wo die 20 zumeist jungen Aktivisten der Sozialdemokratischen Huntschak-Partei, die im Zuge des Völkermords an den Armeniern am 15. Juni 1915 in Istanbul durch Erhängen hingerichtet wurden. Die Huntschak-Partei war die erste sozialistische Partei im Osmanischen Reich. Ihre Aktivisten waren es, die zum ersten Mal das Kommunistische Manifest am Bosporus herausgegeben hatten.

Um 11:45 Uhr beginnt von hier aus der „Genozid Marsch“ in Richtung Eminönü. Dort wartet eine Fähre zum Bahnhof Haydarpasa. Vor 100 Jahren wurden die führenden Persönlichkeiten der armenischen Gemeinde Istanbuls zu diesem Bahnhof auf der asiatischen Seite Istanbuls verschleppt, um sie von dort in den Tod zu deportieren. Auf der Fähre wird ein armenisches Klage- und Trauerlied gespielt. Laut. Viele sind sehr betrübt, nachdenklich, schweigsam. Bei manchen stehen die Tränen in den Augen. Der vermutlich emotionalste Moment des Tages.

Um 13 Uhr kommen wir am Haydarpasa an und versammeln uns auf den Treppen. Es werden die Gesichter der Deportierten auf Schildern hochgehalten. Es geht um die Wiedergewinnung der Erinnerung an die Verschwundenen, eine Erinnerung an die Ausgelöschten. Eine Erinnerung an die in der Kemah-Schlucht-Ermordeten oder in der Wüste des heutigen Syriens zu Tode gebrachten. Denn kaum einer kennt noch die Namen der Deportierten. Deshalb werden die Schilder mit ihren Gesichtern hochgehalten. Nach einer kurzen Ansprache mit Verlesen der Namen von Deportierten geht es wieder zurück mit der Fähre nach Eminönü.

Um 15:30 Uhr besuchen wir den katholisch-armenischen Friedhof in Istanbul. Der Friedhof ist ein sehr großer Friedhof. Man kann bereits hieraus erahnen, welch großen Bevölkerungsanteil Christen in Istanbul hatten angesichts eines so großen Friedhofs. Vor 1915 lebten Millionen Armenier in der Türkei. Heute sind es nur noch knapp 100.000.

Auf dem Friedhof gedenken wir Sevag Balikci, der als 25jähiger Wehrpflichtiger der türkischen Armee am 24. April 2011 von einem Kameraden mit einem Militär-Gewehr erschossen wurde. Der Täter ist als fanatisch-religiös und Nationalist bekannt. Ich spreche dem Vater Garabet Balikci mein Beileid aus. Er erzählt mir von der Verurteilung des Täters zu mehr als vier Jahren Gefängnis, das dann vom Gericht aufgehoben wurde. Wegen Formfehlern. Es werde erneut verhandelt. Er wirkt abgeschlagen, vom vierjährigen Kampf vor dem Militärgericht und betont, dass sie weitermachen wollen bis am Ende Gerechtigkeit einkehre.

Gegen 19 Uhr kommen Tausende Menschen auf der berühmten Einkaufsmeile Istiklal am Taksimplatz zusammen zu einer Demonstration und Kundgebung. Ein Wunschbaum wird von Künstlern aufgerichtet. Der Wunsch nach Frieden, Versöhnung und Gerechtigkeit nach 100 Jahren des Leugnens. Jede und jeder ist eingeladen auf den ausliegenden Bändern ihren bzw. seinen Wunsch aufzuschreiben und an den Baum zu hängen.

Die Demonstranten kommen mit lauten Sprechchören. Viele tragen das Symbol für das Gedenken an den Völkermord am Revers, ein Vergissmeinnicht.  Armenische und türkische Demonstrantinnen und Demonstranten insbesondere jungen Alters tragen ein breites Transparent mit der Aufschrift: „Wir sind alle Hrant, wir sind alle Armenier!“ und rufen es laut. Die Stimmung auf der Istiklal steigt.

Eine Frau spricht zu den Versammelten. Sie spricht von einem neuen Anfang. Davon, dass sie heute zum Gedenken mit ihren zwei Kindern angereist ist und möchte, dass ihre Kinder das Land ihrer Vorfahren freundlich umarmen, für eine gemeinsame Zukunft, die würdig, gleich und gerecht ist. Dass sie ihr Leben ihrer Urgroßmutter verdankt, die 1915 auf den Musa Berg am Mittelmeer floh und so der Verfolgung und dem Tod entkam.

Meine Anwesenheit über den ganzen Tag wird sehr dankbar als Zeichen des Protestes der Linkspartei gegen die Leugnung des Völkermords an den Armeniern begrüßt. Aber auch als Zeichen der Solidarität, sich nicht von repressiven Maßnahmen und der Kriminalisierung durch das AKP-Regime und die Sicherheitskräfte einschüchtern zu lassen, wie sie bereits im Vorfeld stattgefunden haben. Die Gedenkveranstaltungen zum 100. Jahrestag des Völkermords an den Armeniern in Istanbul zeigen, dass es bis zum heutigen Tag es ein langer schmerzhafter Prozess der Gedenk- und Erinnerungsarbeit der türkischen Bevölkerung war, denn die Leugnung hat immerhin eine hundertjährige Geschichte. Sie zeigen aber vor allem auch, dass es noch ein steiniger Weg in der Gegenwart und in der Zukunft sein wird. Mich stimmt es jedoch optimistisch, dass sich die Gesellschaft in der Türkei auf Dauer mit dem herrschenden Lügengebäude nicht abfinden und dass aus diesem Gedenken und dieser Erinnerung nicht neuer Hass und der Geist der Revanche, sondern Versöhnung und eine gemeinsame Zukunft erwachsen wird.