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Ampel-Koalition nicht an Aufarbeitung kolonialen Unrechts interessiert

Nachricht von Sevim Dagdelen,

In Deutschland ist bislang noch kein Opfer deutscher Kolonialjustiz rehabilitiert worden. Das geht aus der Antwort der Bundesregierung auf meine Kleine Anfrage hervor.

Davon betroffen sind auch die beiden führenden Vertreter der Duala in Kamerun Rudolf Duala Manga Bell und Ngoso Din, die 1914 wegen angeblichen Hochverrats von den deutschen Kolonialbehörden hingerichtet wurden. Ziel ihrer Ermordung war es, den von Manga Bell angeführten Widerstand gegen die Vertragsverletzungen der Kolonialmacht und deren gewaltsame Willkürherrschaft mittels konstruierter Vorwürfe zu brechen. Selbst nach damaligen Standards verletzte dieses Vorgehen Grundsätze unabhängiger Justiz. Neben Manga Bell und Ngoso fielen mehrere hundert Einheimische in den Tagen nach den beiden Justizmorden der Schießwut deutscher Kolonialsoldaten zum Opfer.

Obwohl sich die Bundesregierung laut eigener Aussage zu ihrer aus der deutschen Kolonialherrschaft in Afrika resultierenden historischen Verantwortung bekennt, weigert sie sich bis heute, die Ermordeten zu rehabilitieren. Offenbar plant auch die Ampel-Koalition keine politische Rehabilitierung in Form einer entsprechenden Erklärung gegenüber dem Deutschen Bundestag oder der Bevölkerung der Duala. Stattdessen suggeriert die Bundesregierung fast schon eine Notwendigkeit eines Rehabilitierungsbegehrens von Vertreterinnen und Vertretern der Duala aus Kamerun bzw. der Nachkommen der Ermordeten, indem sie darauf verweist, dass die Aufarbeitung der Kolonialvergangenheit „sensible Identitätsfragen in den Nachfolgegesellschaften“ aufwerfe.

Diesem formalen Einwand soll nun eine Petition von Prinzessin Marilyn Douala Manga Bell und weiteren namhaften Persönlichkeiten wie PD Dr. Stefanie Michels, Prof. Henning Melber, Christian Bommarius, Prof. Dr. Matthew Fitzpatrick sowie zahlreichen Erstunterzeichnerinnen und Erstunterzeichnern entgegenwirken. Doch wird angesichts ihrer geschichtsvergessenen Überheblichkeit wohl auch diese Bundesregierung den derzeitigen Besuch der Urenkelin von Rudolf Duala Manga Bell, Princess Marilyn Douala Manga Bell, mehr als hundert Jahre nach den Justizmorden an Rudolf Manga Bell und Ngoso Din nicht nutzen, um die Mordopfer politisch zu rehabilitieren.

Dabei wäre dies genauso überfällig wie eine grundsätzliche Aufarbeitung des deutschen Kolonialismus. Bereits im Fall des im Kolonialstil diktierten „Versöhnungsabkommens“ mit Namibia hinsichtlich des Völkermordes an den Herero und Nama hatte die schwarz-rote Bundesregierung kräftig versagt. Dass die Ampel-Koalition offenbar nicht plant, den deutschen Kolonialismus gemäß Artikel 14 der Erklärung der UN-Weltkonferenz gegen Rassismus von Durban 2001, welche die Bundesregierung selbst unterzeichnet hat, als Unrechtsherrschaft anzuerkennen, ist ein trauriger Beleg für deren neokoloniale Ignoranz. Die Nachlässigkeit, mit der von den Spitzen im Auswärtigen Amt die historische Verantwortung Deutschlands in Kamerun und die Bitte um Entschuldigung und Vergebung kolonialer Verbrechen behandelt wird, spricht der insbesondere von den Grünen gebetsmühlenartig deklarierten wertebasierten Außenpolitik Hohn. Statt wohlfeiler Lippenbekenntnisse braucht es konsequente Aufarbeitung kolonialen Unrechts!

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